Unser Vereinbarkeits-Modell ist ausgereizt!

Viele glauben, Vereinbarkeit von Job und Kind sei einfacher, wenn beide Elternteile selbstständig arbeiten. Dabei ist das Gegenteil der Fall, so die Erfahrung der Bloggerin Sonja Lehnert.

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Die Bloggerin: Sonja ist selbstständig und lebt mit Mann und Kindern in Düsseldorf. Ihr Motto: "Helicopter Parenting ist mir zu anstrengend."

Das gefällt uns: Sonja teilt die schönen Momente ihres Familienlebens genauso wie die chaotischen und unperfekten. Darum fühlen wir uns bei ihr wahrscheinlich so wohl.

Ich bin unzufrieden. Und das schon sehr lange und anhaltend.

Ein wichtiger Punkt, der dazu beiträgt, ist die Tatsache, dass ich nicht in der Lage wäre, meine Familie und mich mit meinem Verdienst zu ernähren. Würde ich mit dem, was ich aktuell arbeite, genügend verdienen, wäre meine Zufriedenheit sicherlich eine andere.

Es fuchst mich unendlich, finanziell nicht unabhängig leben zu können, denn das war früher anders. Früher war ich die Hauptverdienerin. Das war vor den Kindern. Nicht, dass es mich interessiert hätte, wer Haupt-, Neben-, Unter- oder Überverdienerin gewesen wäre, aber ich hab mich ernähren können, ich hätte meine Kinder und mich ernähren können.

Aber das war ein Vollzeitjob in einer Agentur. Unter 55-65 Stunden die Woche ging da gar nichts. Agenturleben halt. Da es beim Mann nie anders war, hatten wir also keinen Lebenswandel, den man auf eine Familie übertragen könnte. Zumindest nicht auf ein Familienmodell, das ich möchte.

Das bin ich nicht, das ist mir so passiert!

Eine weitere Stellschraube meiner Unzufriedenheit: Ich bin zu einer genervten, sich beschwerenden, schimpfenden Ollen geworden. Das ist nicht erst seit wenigen Wochen so, eher so seit wenigen Jahren. Und ja, ich selbst empfinde das als Beleidigung mir selbst gegenüber. Meine Unzufriedenheit nervt mich. Es macht logisch hinterher gedacht nicht besonders viel Sinn, weil Henne und Ei und so. Ich weiß.

Überhaupt scheint uns unser ganzes Modell so passiert zu sein und das ist die dritte Komponente in diesem Spiel, die es mir so schwer macht. Ich kann nicht erkennen, an welcher Stellschraube ich in meinem beruflichen und mütterlichen Werdegang etwas anders hätte machen können. Aber statt zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann, laufe ich fluchend in meinem Käfig des Alltags herum und fühle mich wie der Panther von Rilke auf albernen Dialekten vorgelesen.

Wie ist unser Alltag geregelt?

Wir arbeiten beide selbstständig. Der Idealfall ist, dass der Mann morgens die Frühschicht übernimmt, ich mit Kleiderauswahl assistiere, er dann die Kinder in die Kita bringt und ich sie nachmittags gegen 15/15.30 Uhr abhole und den Tag mit ihnen verbringe.

Abends um 19 Uhr kommt er nach Hause und isst mit ihnen zu Abend, während ich noch die restlichen 1,5 Stunden meiner geistigen Kapazität nutze, um Texte zu schreiben oder Gedöns zu machen, das Konzentration bedarf. Ins Bett bringen wir die Kinder gemeinsam. Am Wochenende verbringen wir ebenfalls die Zeit gemeinsam oder jeder mal exklusiv mit nur einem Kind. Im Idealfall machen wir auch gleichberechtigt den Haushalt abends und am Wochenende.

Im Idealfall käme ich damit total gut klar. Abgesehen von der Tatsache, dass ich immer noch nicht selbstständig meine Familie ernähren könnte. Und abgesehen davon, dass das gesamte Familienalltagsmanagement in meinem Kopf abläuft. Wer hat wann Geburtstag, wird eingeladen und benötigt Geschenke, was muss zu Essen gekauft werden, welche Haushaltsgegenstände fehlen und könnten wir mal wieder frische Blumen kaufen. Diese Dinge. Fänd‘ ich auch grundsätzlich erstrebenswert, wenn das nicht alles in meinem Kopf allein stattfinden müsste.

Im Idealfall machen der Mann und ich beide alles. Jeder das, was er oder sie sieht. Im Idealfall klappt das auch.

Die Realität

Die Sache mit dem Idealfall ist, dass er nur sehr selten eintritt. So selten, dass es mich beinahe wütend macht, wenn es passiert, weil ich dann bemerke, wie einfach mein und unser Leben sein könnte, wenn ...

Tja. Wie ist es nun? Der Mann hat zunehmend Termine, die ihn bereits frühmorgens irgendwo vorsehen. Damit hat er selten Zeit, die Kinder zu Kita zu bringen oder die Morgenschicht wie geplant zu übernehmen. Und das Schlimmste: Er hat ebenso oft Termine oder Deadlines, die er einhalten muss, dass er entweder viel später als 19 Uhr nach Hause kommt oder aber zu Hause vor dem Rechner sitzen muss.

Und wenn ich dann einspringen muss, komme ich mit dem Haushalt nicht hin, was meistens das Fass zum Überlaufen bringt und ich zur Hulk-Mudder mutiere. Weil ich muss mit den Kindern ja in dem Saustall leben, der Mann sitzt im Büro oder vor dem Rechner. Trotzdem wohnt er ja hier oder nicht?! Es kann so unschön sein.

Früher aufstehen - ist das die Lösung?

Was nun? Der Mann und ich waren bereits so clever und haben mal miteinander gesprochen. Doch doch. Wir haben uns einen super Plan gemacht und überlegt, dass wir einfach nur früher aufstehen müssen. JAHA! Dann sind nämlich alle Probleme gelöst. Voll gut.

Dumm nur, dass man so lange noch arbeiten muss, ob konzentriert oder nicht. Sachen müssen ja fertig werden. Und dann kommt man morgens so schlecht aus dem Bett. Und dann fallen seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit die Familienwochenenden flach, abgesehen von den Familienurlauben. Dazu kommen noch die tausend ratternden Rädchen für Familienalltag, Geschenken, Kleinkram und sozialem Gefüge, das benötigt wird und sich in meinem Kopf abspielt, weil der Mann -> Termine...

In kurz: Wir sind sehr angeschlagen.

Wer auch immer behauptet hat, dass Selbstständige viel mehr Freiheiten und Flexibilität hätten als fest angestellte Arbeitnehmer, den möchte ich hauen. Und dabei heulen. Weil, leider sind Kunden viel unflexibler als Arbeitgeber. Kunden müssen sich nämlich an nichts halten, noch nicht mal an Arbeitszeitenmögliches, Wochenenden oder gar die Zahlungsmoral. Aber das ist ein anderes Thema.

I want to break free ...

Wir sind dummerweise ratlos, wie wir das Ganze ändern könnten. Ich wünsche mir, dass der Mann öfter mal die Nachmittagsschichten oder zumindest früher Abendschichten (ab 18 Uhr oder 17 Uhr) übernehmen kann und ich könnte dann arbeiten.

Ich wünschte, er würde mit dieser Zeit mehr präsente Familienarbeit und mehr Alltags-Ratter-Rädchen übernehmen (Geschenke, Gedöns, Soziales).

Denn was ich jetzt beruflich mache, tue ich gern. Und ja, wir brauchen das Geld. Ich trage zum Familieneinkommen bei und glücklicherweise wird es auch immer erheblicher. Aber die Kundenstruktur und die Partnerstruktur in des Mannes Firma lassen das nicht zu.

Karriere, Berufswunsch und Rollenverhältnisse

Was ich mich immer frage: Sind das strukturelle und traditionelle Rollenverhältnisse, in denen wir leben, oder ist das individuell?

Es kam so: Als ich noch keine Kinder hatte, arbeitete ich in einem Beruf, der mich nach den knapp zehn Jahren, in denen ich darin tätig war, keine Freude mehr brachte. Als ich mit Kind eins schwanger war, nahm ich daher ohne Bedenken und sogar erfreut ein Jahr Elternzeit.

Der Mann konnte keine Elternzeit nehmen, weil alle Kundenbeziehungen bei ihm lagen und der damalige Partner ein super Typ, zuverlässig und toll war, aber eben kein Unternehmertyp war. Der Mann (und ich auch) hatten Angst, dass das Geschäft den Bach runtergeht, wenn der Mann sich für ein paar Monate ausklinkt.

Da ich auch nach der Elternzeit meine berufliche Orientierung neu finden musste, war es klar, dass der Mann mehr Raum, Zeit und Kapazitäten für seinen Job bekam. Das ist meine Erklärung dazu, warum wir in die klassische Teilzeit-Mutter-Falle getappt sind.

Hätte ich mich einfach mehr reinhängen müssen? Weniger auf Sicherheit gehen und mehr wagen? Mehr zusammenreißen und in den ersten Babyjahren und dann danach mehr Businesspläne schmieden, umsetzen und entwickeln müssen? Nicht vorhandenes Geld investieren in Business Coachings und Beratung? Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich das nervlich hätte packen sollen.

Fazit

Mein – unser – Fazit momentan ist "durchhalten". Bis Herbst, dann kann der Mann, wenn es nach Plan und ideal läuft, neue Strukturen "haben" und mit Arbeitszeiten anders umgehen. Nun ja, das mit dem Idealfall ist so eine Sache.

Bis dahin abwarten, Putzhilfe beschäftigen, wenn es geht, und früh aufstehen.

Text von Sonja Lehnert, hier leicht gekürzt, ursprünglich erschienen auf http://mama-notes.de.

Unser Vereinbarkeits-Modell ist ausgereizt!

Mehr zum Thema in BRIGITTE MOM

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Kommentare (5)

Kommentare (5)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Sehr schön geschrieben, Sonja! Und ja, auch ich habe vieles erkannt!



    Mein Mann hat sich während meiner ersten Schwangerschaft selbstständig gemacht, was toll war, was die Flexibilität anging und weil er in Elternzeit gehen konnte, aber echt schlecht, wenn es darum ging, Geld zu verdienen. Das Schlimmste in den zwei Jahren, in denen er versucht hat, den Laden zum Laufen zu kriegen, waren die Situationen in denen wieder eine Hoffnung auf einen Großauftrag zerplatzt ist und die Arbeit von Wochen umsonst war. Das ging nach zwei Jahren nicht mehr, inzwischen arbeitet er wieder angestellt und ist in der Regel erst um 19.30 Uhr zu Hause. Eine Elternzeit beim zweiten Kind war nicht möglich. Die Kinder bringt er aber immerhin morgens zur Kita und die Wochenenden sind frei. Das ist deutlich entspannter als vorher.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Du sprichst mir so unglaublich aus der Seele! In jedem Punkt! Halte durch, irgendwann sind Die Kids groß und dann können wir Frauen wieder durchstarten und durchatmen!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    gAch so ja, und außerdem: Irgendwo in der Wohnung einen eigenen, auch noch so kleinen Arbeitsplatz schaffen, den niemand betreten darf!! Damit man den Haushalt auch wirklich von der Prioritätenliste streichen kann und trotzdem eine Oase der Ordnung hat...
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Sorry, aber ich finde das nicht so einfach, wie Diana. Die Männer in meinem Bekanntenkreis, die das mit Elternzeit gewagt haben, hatten riesenhafte Probleme -derweil und danach-, und der Chef (die Chefin auch!) hatte meist gar kein Verständnis. Da ist es einfach umgekehrt auch nicht weit her mit der Gleichberechtigung: Dem Mann hat der Job wichtiger zu sein, als seine Zeit mit Kindern. Das ist leider auch immer noch so, wie dass die Mutter, die Vollzeit arbeitet, automatisch eine Rabenmutter ist.-

    Ich würde sagen: Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Man muss sich als Team sehen, und auch wenn das unmodern ist, den Erfolg des Mannes teilweise sich selbst anrechnen! Denn man ermöglicht es ihm, ihn zu haben, indem man die Kinder überwiegend versorgt, die er hoffentlich selbst auch haben wollte. Die Zeiten der echten Gleichberechtigung im Job sind in Deutschland einfach noch nicht angebrochen. Solange Kinder genießen, arbeiten, was geht, Prioritäten (Haushalt ist keine!) setzen..
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Wo der Fehler war? "Der Mann konnte keine Elternzeit nehmen" wenn ich das immer schön höre, möchte ich schreien! Ladys jetzt mal ehrlich wieso könnt ihr das aber für die Kerle wird jedes Hindernis/ Problem /Risiko ganz selbstverständlich ein Grund es sein zu lassen. Als ob Frauen nicht weit mehr berufliche Probleme und Risiken auf sich nehmen, wenn sie in Elternzeit gehen. Wer schon gleich am Anfang selber zulässt, dass innerhalb der Beziehung der Wert der Berufstätigkeit und der Anteil an der häuslichen/ familiären Arbeit ins Ungleichgewicht gerät, darf sich nicht wundern wenn die Schieflage immer größer wird.

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