Laternen-Stress: Sankt Martin, mir graut's vor Dir!

Statt Kerzen und klassischen Weckmännern nur Laternen-Stress mit anderen Eltern: Autorin "Benni Mama" über die Initiative in ihrer Kita, Laterne-Laufen mal "zeitgemäßer" zu machen.

Laternen-Stress statt Weckmann-Pfeife

So Freunde, jetzt geht es ans Eingemachte. Die Gretchenfrage: Wie halten wir es mit der Religion in unserem Kindergarten? Ich hatte auch nicht damit gerechnet, mich mit derart existenziellen Fragen des Lebens beschäftigen zu müssen, als ich mich freiwillig für das Organisationskomitee "Laternenumzug" gemeldet habe.

Aber nun sitzen wir hier in Bio-Bärbels Küche, essen staubige Dinkelcracker und Emma-Mama fragt beim Blick auf die To-Do-Liste zum anstehenden Event ganz unschuldig: "Sankt Martin? Wer soll das denn sein?" "Wie jetzt, ist das Dein Ernst? Du weißt nicht, wer Sankt Martin ist?" frage ich. "Gab's das etwa nicht bei Euch im Osten?" fragt Bio-Bärbel spöttisch. Und Emma-Mama, die erst vor einem Jahr aus Chemnitz in unsere Stadt gezogen ist, antwortet gereizt: "Bei uns gab es ein Laternenfest. Ganz ohne pseudoreligiöses Bohei. War nicht das Schlechteste, wenn ihr mich fragt."

Hinterfragen des religiösen Überbaus

Jetzt erklärt Bio-Bärbel Emma-Mama noch mal das ganze Pipapo zum Thema Sankt-Martin. Die Sache mit dem Pferd und dem Bettler und dem Mantel und dass das Laternenfest nun mal untrennbar mit der Legende vom heiligen Martin zusammenhängt. "Aber in der ganzen Geschichte kommen gar keine Laternen vor. Es scheint also zusätzlich doch auch einen heidnischen Hintergrund zu geben", merkt iDad an. "Ich finde, wir könnten diesen ganzen religiösen Überbau ruhig mal hinterfragen. Sollten wir als Kita das wirklich so propagieren? Ich meine, an Ostern erzählen wir den Kindern ja auch nicht, dass wir die Kreuzigung Jesu feiern."

"Ich habe mit der katholischen Kirche ohnehin so meine Schwierigkeiten. Und mit einem Sankt-Martins-Fest machen wir auch noch Werbung für diesen frauenfeindlichen Verein", sagt Emma-Mama.

"Ich finde, die Legende von Sankt Martin ist einfach eine schöne Geschichte von einem Mann, der sich die Zeit nimmt, einem armen Menschen zu helfen und seinen warmen Mantel mit ihm teilt. Das ist doch völlig unabhängig von der katholischen Kirche", sage ich.

Pro oder Kontra Martin?

Wir stimmen ab, ob das Laternenfest ein reines Laternenfest bleiben soll oder ob Sankt Martin dabei eine Rolle spielen darf: Die Pro-Martin-Fraktion setzt sich mit knapper Mehrheit durch.

"Ok, aber wenn schon, dann auch richtig", sagt iDad. "In den letzten Jahren haben wir immer nur ein bisschen "Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind" gesungen. Ich glaube nicht, dass den Kindern so die Bedeutung der Geschichte wirklich bewusst geworden ist. Wir sollten die Geschichte inszenieren. Ich spiel den Sankt Martin. Wer macht mir den Bettler?"

"Das könnte Luzi-Papa machen. Aber wo bekommen wir ein Pferd her? Und kannst Du überhaupt reiten?" fragt Bio-Bärbel.

Ich merke an, dass wir für das Führen eines Pferdes im Innenstadtbereich eine polizeiliche Genehmigung einholen müssten, aber iDad sagt, dass er die Rolle des Sankt Martin sowieso lieber etwas moderner interpretieren möchte und einfach auf seinem Motorrad vorgefahren käme. "Man nennt das ja nicht umsonst Stahlross."

Motorrad oder Drahtesel?

"Wenn schon modern, dann doch bitte per Drahtesel. Das Fahrrad ist das Fortbewegungsmittel der Zukunft. Denkt bitte an die Umwelt", mahnt Bio-Bärbel. Aber iDad sagt zurecht, dass ein Sankt Martin auf einem Motorrad viel überzeugender das soziale Gefälle zwischen sich und dem Bettler sowie die große Eile,mit der der Heilige da durch Schnee und Wind hetzt, darstellen könne.

Ich erkläre mich bereit, ausreichend Weckmänner zu organisieren, so dass jedes Kind nach überstandenem Laternenumzug einen Hefemann bekommen und sich lässig mit der kleinen Gipspfeife im Mund ums Lagerfeuer tummeln kann.

"Du hast doch nicht ernsthaft vor, Weckmänner mit Pfeife zu kaufen?" fragt Bio-Bärbel entsetzt.

"Wieso nicht? Die kleinen Pfeifen hatten wir früher doch auch und das gehört doch dazu..." stammle ich. Aber Bio-Bärbel lacht nur schrill auf und sagt, dass ich ja dann auch gleich noch jedem Kind ein Päckchen Zigaretten in die Hand drücken könne und ob mir denn nicht klar sei, dass diese kleinen unschuldigen weißen Pfeifchen die Kinder zum Rauchen animieren. Dass wir die Kinder sehenden Auges in die Fänge der Tabaksucht trieben, wenn wir ihnen Rauchaccessoires als Spielzeug überlassen.

Ein Weckmann ohne Pfeife ist kein Weckmann!

Ich höre einfach nicht hin und beschließe, Bio-Bärbel komplett zu ignorieren. Weckmann ohne Pfeife ist kein Weckmann! Doch als ich am nächsten Tag beim Bäcker dreißig Weckmänner "mit Pfeife" ordern will, muss ich feststellen, dass der Zeitgeist auf Bio-Bärbels Seite steht. Ein Bürgerbegehren und eine Postkartenaktion engagierter Eltern haben die städtische Bäckerinnung dazu bewogen, keine Weckmänner mit Pfeife mehr verkaufen zu lassen. Stichwort: Suchtprävention.

Am Sankt-Martins-Tag finden wir uns dann alle um 15 Uhr in der Kita ein. Die Kinder sind aufgekratzt, Erzieherin Annabelle teilt die Elektroleuchtstäbe aus und gibt den Kindern ihre selbstgebastelten Laternen. Großes Durcheinander, weil natürlich nur die Hälfte der Stäbe funktioniert.

Emma-Mama rennt noch schnell in den Supermarkt, um eine Großpackung Batterien zu kaufen und Bio-Bärbel erzählt lang und episch, wie schön dass doch früher war, als es noch echte Kerzen gab und ab und zu eben auch mal eine Laterne in Flammen aufging."Dieser Nervenkitzel hat doch das ganze Martins-Flair erst ausgemacht. Und besser für die Umwelt war es auch".

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Das Laternenlauf-Bullshit-Bingo

Endlich sind alle Laternen einsatzbereit, die Kinder stehen in Zweierreihen im Nieselregen auf dem Bürgersteig, vorneweg läuft Erzieherin Annabelle mit ihrer Gitarre und stimmt mit fester, glockenheller Stimme "Ich geh mit meiner Laterne..." an. Die Kinder singen mit und hinter ihnen läuft der Pulk aus Eltern, der die ganze Zeit quasselt und schnattert, bis Bio-Bärbel alle mit frostigen Killerblicken zum Schweigen gebracht hat. Wir drehen eine Runde durchs Viertel, Harkan zieht Leon seine Laterne über den Schädel, Leon würgt Harkan mit dem Laternenstangendraht, schließlich kommt der große Laternenumzug wieder in der Kita an, wo auf dem Spielplatz schon ein kleines Lagerfeuer flackert.

Im flackernden Feuerschein: Luzi-Papa. Nackt!

Die Kinder versammeln sich ums Feuer und jetzt stimmt Erzieherin Annabelle noch einmal das Sankt-Martins-Lied an, die Kinder singen inbrünstig mit, und als die letzten Töne verklungen sind, entzündet Bio-Bäbel eine Gartenfackel, steckt sie gleich neben dem Kletterbaum in den Boden, und da sehen wir ihn, im flackernde Feuerschein: Luzi-Papa. Nackt!

Naja, fast nackt, er hat sich eine Art Lendenschurz um die Hüften geschwungen und sitzt nun erbärmlich frierend an den Baumstamm gelehnt auf dem Boden.

Ein Aufschrei geht durch die Menge, Krümel fängt an zu weinen und die arme Luzi, dreht sich mit feuerrotem Kopf zur Wand. "Oh, mir ist so kalt, so helft mir doch ihr guten Leute!" ruft Luzi-Papa.

"Warum hat der Papa von Luzi gar nichts an?" fragt Pia.

Aber da hören wir auch schon das Röhren und Knattern von iDads aufgemotztem Motorrad, das um die Ecke biegt. Bio-Bärbel öffnet das Tor zum Spielplatz, iDad lenkt seine Maschine schwungvoll am Sandkasten vorbei in Richtung Kletterbaum, hält genau vor dem schlotternden Luzi-Papa, nimmt den Helm ab und ruft: "Mein Name ist Martin, ich hab’s echt eilig, aber ich kann Dich hier auch nicht so frieren sehen. Hier nimm die Hälfte meines Umhangs!".

Sankt-Martin fährt mit Karacho ins Spielplatz-Tor

Luzi-Papa bedeckt sich mit seiner Umhanghälfte, ruft schlotternd "Da-a-anke, edler Herr!", während iDad sich den Helm wieder aufsetzt, seinem Publikum zuwinkt, den Motor aufheulen lässt und davonbraust. Naja, fast. Denn Bio-Bärbel hat das Spielplatztor natürlich ordnungsgemäß wieder zu gemacht, womit unser Sankt-Martin nicht rechnen konnte. iDad fährt also mit Karacho gegen die Gitterstäbe, macht einen Salto über den Lenker seiner BMW F800 GS und landet auf der anderen Seite des Zauns auf dem Gehweg.

Großes Geschrei, Java rennt heulend zu ihrem Papa, der fluchend auf dem Boden liegt und sich das Knie hält, Leon-Papa stellt den Motorrad-Motor aus. "Krankenwagen, Krankenwagen!" ruft Krümel-Mama, Erzieherin Annabelle legt die Gitarre beiseite, um erste Hilfe zu leisten und Luzi-Papa humpelt barfuß und zitternd in Richtung Kita, um sich wieder anzuziehen.

Und dann auch noch die Polizei

Plötzlich tönt eine Sirene durch die Straße, Blaulicht flackert auf, aber das ist nicht der Krankenwagen, auf den wir alle warten, sondern die Polizei, die gerade einen Mannschaftsbus vor unserer Kita parkt. Zwei Polizisten in voller Kampfmontur steigen aus und einer von beiden ruft mit fester Polizistenstimme "Wer ist hier der Chef?" über den Spielplatz. Die Menge teilt sich und alle Finger zeigen auf Therese-Mama, unsere Kümmermutti, die Geheimwaffe für alle unangenehmen Aufgaben. Und sehr viel unangenehmer als ein Polizeieinsatz während einer Sankt-Martins-Feier kann es ja eigentlich kaum werden.

Der Polizist belehrt uns, dass mehrere Anwohner den Notruf gewählt und von einem nackten Mann berichtet hätten, der sich auf unserem Spielplatz versteckt. Außerdem würde ein offensichtlich betrunkener Kradfahrer mit einer Amokfahrt unschuldige Kinder bedrohen. Darüber hinaus hätten wir ja wohl keine Genehmigung für offenes Feuer auf diesem Grundstück.

Therese-Mama erklärt mit zitternde Stimme, das alles sei ein Missverständnis...Sankt Martin... Laternenumzug... Luzi-Papa in der Rolle des Bettlers... moderne Interpretation des heiligen Martin... Motorrad als zeitgemäßer Pferdersatz... und so weiter. Da tönt erneut eine Sirene, wir sehen wieder Blaulicht, und ein Feuerwehr-Löschzug inklusive Leiterwagen biegt in unsere Straße ein.

Wo brennt's denn hier?

Die Kinder stehen alle staunend am Zaun, auf dem Gehweg liegt immer noch iDad, der sich wimmernd das Knie hält und von Erzieherin Annabelle und seiner Tochter Java getröstet wird.

Ein Feuerwehrmann springt aus dem ersten Wagen und ruft: "Wo brennt es hier?" "Sie kommen doch nicht etwa wegen unseres kleinen Lagerfeuers?" frage ich. "Wir wurden gerufen, weil es hier in einem Kindergarten brennen soll, Anwohner haben den Notruf gewählt." "Das einzige, was wir hier wirklich brauchen, ist ein beschissener Krankenwagen", jault iDad.

Ich zeige dem Oberbrandmeister unser bescheidenes Lagerfeuerchen, wobei: Allzu bescheiden ist es gar nicht mehr, denn Leon und Harkan haben den Trubel um iDads Motorradunfall genutzt, um möglichst viel Brennbares ins Feuer zu werfen, also abgerissene Kletterbaumzweige, die Papiertischdecke vom Sankt-Martins-Buffet, die Zettel mit den Laternenliedertexten, das schon benutzte Plastikgeschirr mit den Nudelsalatresten.

Die Kinder fanden es großartig

Aus unserem Feuerchen ist ein veritables Feuer geworden und Oberbrandmeister Klempke klärt mich auf über die Gefahren von Funkenflug, unsere Aufsichtspflicht im Bezug auf den Umgang von Kleinkindern mit offenem Feuer, die Belästigung der Anwohner durch Rauch sowie die Vorteile einer Brandschutzschulung, während ein anderer Feuerwehrmann mit einem Feuerlöscher unser Lagerfeuer einschäumt.

Dann braust der Löschzug wieder davon, um in unserer Straße endlich Platz für den Krankenwagen zu machen, auf den iDad so verzweifelt wartet. Der kommt dann auch endlich, Java und iDad fahren ins Krankenhaus und wir bleiben alle etwas fassungslos zurück. Nur die Kinder glühen geradezu vor Begeisterung. Ein Laternenfest mit einem Motorradunfall, Polizei, Feuerwehr und einem Krankenwagen – besser hätte es doch kaum kommen können.

Buch-Tipp

Herbst: Laternen-Stress: Sankt Martin, mir graut's vor Dir!

 Mehr von Benni-Mama in ihrem Buch "Große Ärsche auf kleinen Stühlen"Wo Jungs- und Mädchenmütter, Erzieher der alten Schule und Kuschelpädagogen sich auf kleinen Stühlen zum Elternabend treffen, um einen Laternenumzug zu organisieren oder den biologisch korrekten Speiseplan zu erörtern, fliegen die Fetzen. In ihrem Buch "Große Ärsche auf kleinen Stühlen" beschreibt Benni Mama Elterntypen, die wir auf so ziemlich jedem Elternabend ertragen müssen (8,99€, S.Fischer Verlage - oder direkt hier bestellen)

Kommentare (8)

Kommentare (8)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ja, ja, die guten alten Traditionen...Ist aber noch gar nichts gegen die Diskussionen, die hier in den Niederlanden seit einiger Zeit geführt werden- der zwarte Piet sei diskriminierend. Sogar Gerichte haben sich damit beschäftigen müssen! Und das in einem Land, das für seine Toleranz so gerühmt wird..
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Hä? Entweder die Story ist erfunden, oder es handelt sich um einen Haufen erschreckend überspannter Eltern (die ich zum Glück alle nicht kenne...).

    Bei uns wird das Martinsfest vom Kinderhaus organisiert, die Geschichte wird von den Kindern während der Kiga-Zeit eingeübt und aufgeführt. Das einzige, was wir Eltern machen, ist Wecken oder Gänse backen, die man dann teilt (so wie den Mantel eben). Bei uns hat sich noch nie jemand drüber mokiert. Und wer die Martinsgeschichte nicht mag, obwohl sie unabhängig von der Religion eine tolle Lehre über Mitgefühl und Barmherzigkeit ist, der kann ja mit seinen zeitgeistig moderner erzogenen Kindern daheim bleiben :-)
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Nette Geschichte aus der Rubrik "zu dämlich zum Leben"

    Der angebliche Fachkräftemangel in Deutschland scheint an ganz anderer Stelle zu sein, als ihn manche Firmenchefs vermuten ...
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Also: bei uns sind die Kinder im Mittelpunkt und spielen selber die ganze Martinsgeschichte vor - ohne Eltern.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Wir feiern an Ostern übrigens nicht die Kreuzigung sondern die Auferstehung Jesu. Das ist schon sehr peinlich. Wenn das tatsächlich so wäre, wäre das eine äußerst sinnfreie Theologie.

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