Immer weniger Kinder können schwimmen – wundert euch das wirklich?!

Kinder koennen nicht schwimmen

Umfrage zeigt, dass die Mehrheit der Kinder in Deutschland nicht sicher schwimmen kann. Kein Wunder, meint MOM-Redakteurin Michèle Rothenberg, die selbst einen nervigen Seepferdchen-Marathon erlebte.

Seit ich weiß, wie schnell und leise ein Kind im Wasser untergeht, habe ich nachts immer wieder den Albtraum, dass mein Kind ertrinkt und ich es retten muss. Es ist meine größte innere Eltern-Angst. Ich bin jedes Mal fix und fertig.

Ich habe mich früh darum bemüht, dass meine Tochter schwimmen lernt. Schon im Kindergartenalter. Es ist mir echt wichtig! Trotzdem hat sie mit ihren 7,5 Jahren immer noch nicht das Seepferdchen.

Ich fühle mich also direkt angesprochen von der Meldung, die diese Woche herumging: Mehr als die Hälfte der Grundschüler kann nicht sicher schwimmen. Laut DLRG besitzen nur 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen ein Jugendschwimmabzeichen.

Das ist schlimm! Es wird zu noch mehr Badeunfällen führen – Ertrinken steht bei den tödlichen Unfällen von Kindern auf Platz 2. Und bei Erwachsenen steigen die Zahlen auch.

Überrascht hat mich die Meldung der DLRG trotzdem nicht. Denn es gibt sehr gute Gründe für das Schwimmdesaster. Seit Jahren. Nein, es liegt nicht daran, dass die Eltern heute lieber Soja-Latte trinken gehen, statt mit dem Kind Bahnen zu ziehen.

Es wird den Eltern einfach verdammt schwer gemacht!

Grund 1: Nirgendwo ein Schwimmbad.

Ich war als Kind mindestens einmal die Woche schwimmen – weil wir gleich zwei Hallenbäder in der Nähe hatten. Aber Schwimmbäder zu betreiben ist teuer – und immer weniger Kommunen wollen sich das leisten. Sie machen die Bäder einfach dicht. Wenn man aber erst eine Stunde mit dem oder Bus fahren muss, um das nächste, völlig überfüllte Minischwimmbad zu erreichen, dann überlegt man sich das dreimal. Das gilt auch für viele Grundschulen, für die sich der Schwimmunterricht zeitlich einfach nicht mehr lohnt. Also wird er gestrichen. Kein Wasser, kein Schwimmen. So einfach ist das.

Grund 2: Die Eintrittspreise sind absurd!

Wenn ich mit meiner Tochter drei Stunden ins nächste Hamburger Hallenbad gehe, zahle ich (inklusive Pommes) fast 15 Euro. Eine Tageskarte ist noch teurer. Das ist Wucher! Um ein sicherer Schwimmer zu werden, ist es aber wichtig, regelmäßig ins Schwimmbad zu gehen. Einmal die Woche können wir uns das nicht leisten, eine Familie mit mehr Kindern oder weniger Gehalt schon gar nicht.

Grund 3: Drei Jahre Wartezeit für einen Schwimmkurs? Normal!

Zunächst hatte ich den kühnen Plan, meiner Tochter selbst das Schwimmen beizubringen. Haben meine Eltern damals schließlich auch gemacht. Aber erstens nimmt mich meine Tochter als Schwimm-Autorität nicht ernst (dabei kann ich sogar Delfin schwimmen!): Wenn ich üben wollte, wollte sie rutschen. Und das Thema Delfin interessierte sie nur, wenn ich Flipper-Geräusche dazu machte und sie auf mir reiten konnte.

Zweitens dachte ich mir irgendwann: Für den Preis der teuren Eintrittskarte kann ich genauso gut einen Schwimmlehrer den Job machen lassen.

Aber finde mal einen! Mir wurden die Kurse der DLRG empfohlen, aber als ich dort anrief, sagt man mir, dass ich mit drei Jahren Wartezeit rechnen müsse. Drei Jahre! Wie sollte ich in der Zeit all die Angst-Albträume überstehen?! 

In den städtischen Bädern sah es nicht anders aus. Moment, doch, in einem Kurs hatten sie noch einen Platz - wochentags um 13 Uhr. Tja. Da muss ich leider arbeiten, um mir das Geld für den Schwimmkurs zu verdienen.

Irgendwann ergatterte ich einen Platz in einer ziemlich teuren privaten Schwimmschule. Da war meine Tochter 6 Jahre alt. Dann tauchte das nächste Problem auf:

Grund 4: Die Qualität der Schwimmkurse ist oft miserabel.

Meine Tochter liebt das Wasser, schon immer. Doch nach ihrer zweiten Schwimmstunde hatte sie plötzlich Angst. Vor der Schwimmlehrerin. Die führte ihren Kurs ungefähr so feinfühlig, als wolle sie die nächste Generation Navy SEALS ausbilden. Die tolle, "ganz neue Lernmethode" der Schule führte auch nicht dazu, dass die Kinder ein Gefühl fürs Wasser bekamen. Am Ende des Kurses schaffte meine Tochter drei Meter zu schwimmen, ging dabei halb unter und nach dem vierten Meter dann ganz. Aber ich könne gern noch den (natürlich ebenfalls sehr teuren) Folgekurs machen, um die Kenntnisse zu vertiefen, sagte man mir. Nein, danke. Von anderen Eltern hörte ich ähnliche Geschichten. Was kann ein Kind schon in 30 Minuten-Einheiten lernen, in einem Kurs mit 15 anderen Kindern?

So geht's nicht weiter!

Ich frage mich, wie es sein kann, dass in diesem Land etwas so Wichtiges wie Schwimmenlernen mit so vielen Hindernissen verbunden ist. Es gibt in unserem Viertel mehr Angebote für Kinder-Yoga oder Capoeira als fürs verdammte Brustschwimmen. Und ich bin noch jemand, der gern ins Schwimmbad geht. Ich mag sogar den Chlorgeruch! Wie muss es aber Eltern gehen, die Hallenbäder nicht ausstehen können. Die machen diese ganze Odyssee doch erst recht nicht mit.

Nein, liebes Deutschland, du Schwarze-Null-Exportweltmeister-Reichste-Nation-Europas. Knapps doch bitte, bitte ein paar Millionen irgendwo ab und sorge dafür, dass es endlich wieder überall gute, bezahlbare Schwimmbäder gibt. Damit deine Kinder nicht untergehen. Das muss man sich doch mal leisten können!

(P.S. Wir haben dann doch noch einen tollen Schwimmkurs gefunden. Das Kind kann nun eine Bahn durchschwimmen. Und ich habe nur noch ganz selten Albträume.)

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