Kinder zerstören in Augsburg ein Kunstwerk – und die Eltern schauen zu

In einem öffentlichen Brief macht der Künstler seiner Fassungslosigkeit Luft.

Worum geht's hier?

Um Kunst. Um Erziehung. Um Gleichgültigkeit. Und im Großen und Ganzen um Respekt.

Dieser riesige Schwamm hier ist also ein Kunstwerk?

Genau. Die Installation "Der Schwamm" wurde erstmals 2016 in ausgestellt und soll ein Zeichen gegen Hass und Rassismus sein. Er saugt das Böse symbolisch auf.

Wer steckt dahinter?

Der Schwamm ist eine Installation des Deutsch-Iraners Michel Abdollahi. Abdollahi ist ein preisgekrönter Journalist, Maler und Performance-Künstler, der sich vor allem mit den Themen Fremdenfeindlichkeit auseinandersetzt.

Da bekommt er sicher oft Gegenwind ...

Ja – leider fällt ausgerechnet dieses Friedenssymbol regelmäßig der Zerstörungswut zum Opfer. Schon 2016 wurde er in Hamburg angezündet, vermutlich aus fremdenfeindlichen Motiven. Und jetzt wurde er in  zum Friedensfest erneut kaputt gemacht. Und zwar von Kindern.

Von Kindern? Wie kam es dazu?

Abdollahi und die Organisatoren hatten sich dafür entschieden, den Schwamm für alle zugänglich auf einem öffentlichen Platz auszustellen. "Kunst muss für alle da sein und nicht nur für einen elitären Teil der Bevölkerung", so die Meinung des Künstlers. Doch leider führte das dazu, dass das innerhalb von 24 Stunden zerstört wurde. Kinder sprangen darauf herum, rissen Teile aus dem Schaumstoff heraus und warfen sie über den Platz. 

Offener Brief an die Augsburger anlässlich der Kunstinstallation „DER SCHWAMM“ Liebe Augsburgerinnen und Augsburger,...

Posted by Michel Abdollahi on Dienstag, 25. Juli 2017


Hat sie denn keiner aufgehalten?

Nein, Abdollahi schreibt darüber auf Facebook:

"Viele Eltern standen teilnahmslos daneben, rauchten oder beschäftigten sich mit ihrem Handy. Dass ihre Kinder gerade öffentlich Vandalismus betrieben, interessierte sie kaum. Dass ihre Kinder den ganzen Platz mit Schaumstoff verschmutzen, genauso wenig. Sie beobachteten, wenn überhaupt, gelangweilt das Szenario oder ermunterten die Kinder dazu, weiterzumachen. Keiner bückte sich, um auch nur ein Stück Schaumstoff zu entsorgen, obwohl der Mülleimer daneben stand. Keiner ermahnte sein Kind."

Offenbar hielten sie den Schwamm für einen Spielplatz?

Womöglich. Vielleicht war es ihnen auch einfach nur egal. Denn es gab durchaus ein Schild am , das auf die Aktion aufmerksam machte. Es wurde auch gelesen. Trotzdem reagierte niemand.

Was sagt der Künstler dazu?

Er fragt sich, was das über unsere Gesellschaft aussagt.

"Die Kinder trifft keine Schuld. Aber die Eltern. Erwachsene beobachten seelenruhig wie etwas zerlegt wird. Es interessiert sie nicht mal, warum es da steht. Obwohl sie das Schild lesen und sich davor fotografieren, nehmen sie die Sachbeschädigung billigend in Kauf, ganz ohne Sorge, jemand könnte sie dafür verantwortlich machen. Dabei kann jeder einzelne dafür haftbar gemacht werden. Die Konsequenzen scheinen unwichtig. Anstatt sich mit dem Kind über das Werk auseinander zu setzen, passiert nichts. Anstatt das Kind zu ermahnen, passiert nichts. Das ist nicht hinnehmbar.

Wenn wir dieses Bild jetzt weitermalen und auf andere Situationen anwenden, was dann? Interessiert es genauso wenig, wenn die Kinder in die Radikalität abdriften? Wenn sie anfangen zu mobben und zu hassen?"

Wie waren die Reaktionen auf seinen offenen Brief?

Viele Menschen stimmten ihm zu - aber leider tobte auch hier der Hass weiter. "Auf dieser Seite haben uns noch nie so viele Hassbotschaften, Gewaltfantasien und Morddrohungen erreicht, wie nach der Aufstellung des Schwamms in Augsburg", schreibt Abdollahi in einem weiteren Post. Er sei erstaunt, wie sehr sein Kunstwerk die Menschen provoziere. 

Will er nun aufhören?

Nein - im Gegenteil! So erschreckend die Reaktionen sind - für ihn ist die Aktion gerade deshalb ein Erfolg. "Es wurde unfassbar viel Hass auf den Schwamm projiziert und der hat alles geduldig aufgesaugt." Die nächsten Städte hätten schon Interesse an seiner Installation angemeldet.
 

Wer hier schreibt:

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Kinder zerstören in Augsburg ein Kunstwerk – und die Eltern schauen zu

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