Mütter und Burnout: "Das Wellness-Wochenende reißt es nicht raus!"

Ausgebrannt, am Ende ihrer Kräfte - so geht es immer mehr Müttern. Trotzdem ist es ein Tabu. Bloggerin Verena Carl hat mit einer Mutter über ihren Burnout gesprochen - und wie sie wieder herausgefunden hat.

Depressionen und Burnout galten lange als Manager-Krankheit, völlig zu unrecht. Denn auch der ganze normale Wahnsinn des Alltags mit Job und Kindern kann zum schwarzen Loch werden.

Das bestätigen aktuelle Zahlen des Müttergenesungswerkes: Während 2003 noch 48 Prozent der Patientinnen auch wegen psychischer Störungen in Kur gingen, sind es heute fast 80 Prozent.

Mütter und Burnout, das ist eine fatale Kombination – denn dieser Zustand schadet den Frauen genau so wie ihren Kindern, und häufig auch der Partnerschaft.

Anna Karina Birkenstock (41), Kinderbuchillustratorin aus Hennef, hat das vor einigen Jahren erlebt: Doppelbelastung und innere Ansprüche mündeten in einer Krise.

Verena Carl vom Blog 40-something wollte wissen: Wie konnte es soweit kommen, wie hat Anna Karina ihr Tief überwunden, und was kann man tun, damit diese Falle gar nicht erst zuschnappt?

Kinderbuchillustratorin Anna Karina Birkenstock

Kinderbuchillustratorin Anna Karina Birkenstock

40-something: Du hast ein Leben, um das man dich beneiden könnte: einen erfüllenden, kreativen Job und eine Familie mit Mann und zwei Töchtern. Du hast mir aber auch erzählt, dass du vor ein paar Jahren trotzdem fast täglich verzweifelt weinend in der Küche gesessen hast. Auf dem Boden hinter der Kochinsel, damit deine kleinen Töchter nichts davon mitbekommen. Woher kam dieses Unglück?

Anna Karina Birkenstock: Ich glaube, das liegt an einem Mythos, mit dem wir Mütter alle konfrontiert sind: Medien, Politik, der eigene Bekanntenkreis, alle reden einem ein, Beruf und Familie ließen sich locker vereinbaren. Noch dazu in einem Job wie dem meinen, mit selbstgewählten Arbeitszeiten und der Möglichkeit, zu Hause zu sein.

Aber dann bekam ich mein erstes Baby, und es schlief einfach nicht so wie andere Kinder. Ich war chronisch müde und habe mir trotzdem kaum eine Arbeitspause gegönnt. Zwei Jahre später kam meine zweite Tochter auf die Welt, wieder habe ich durchgearbeitet, wenn auch reduziert. Und dann kam dieser Punkt, an dem die kleinere mit Zwei in der Krippe eingewöhnt wurde und die größere bereits in der Kita war, und ich dachte: Jetzt gibt es endgültig keine Entschuldigung mehr, jetzt musst du wieder richtig ranklotzen. Aber ich war ja nicht ausgeruht für einen frischen Start, sondern seit vier Jahren komplett erschöpft, fuhr nur noch auf Reservetank.

Die Erwartungen an Mütter sind gestiegen.

Hattest du denn in den ersten Jahren keinerlei Entlastung?

Doch, schon, wir hatten eine Tagesmutter, es gab Babysitter, und die Kinder haben ja schließlich auch einen Vater – allerdings ist der auch selbständig und deshalb viel außer Haus.

Und dieser Status mit zwei Freiberufler-Eltern und kleinen Kindern erzeugt eine ständige Unsicherheit: Kommen wir noch klar, wenn wichtige Aufträge wegbrechen? Wie organisieren wir das mit Deadlines, wenn ein Kind krank wird?

Außerdem arbeiten Mütter nicht nur deutlich mehr als früher, sondern gleichzeitig sind die Erwartungen an uns gestiegen: Wehe, du kochst nicht bio! Wehe, du kaufst nicht die teuren Ökowindeln! Wehe, du lässt deine Kinder mal eine Stunde fernsehen! Deshalb hatte ich immer wieder das Gefühl, nicht zu genügen.

Und das hat sich dann ein Ventil gesucht.

Genau. Häufig bin ich weinend zusammengebrochen, immer wieder habe ich meine Kinder laut angefahren, aus lauter Überforderung, und schämte mich dann hinterher dafür.

Eine stille Verzweiflung, die keiner merkt 

Mütter und Burnout, das scheint ein Tabu zu sein – auch du hast eine Zeit gebraucht, um zu merken, dass du nicht selbst aus dem Tief hinauskommst. Aber hat denn keiner in deiner Umgebung gemerkt, wie schlecht es dir geht?

Erstaunlicherweise nicht. Ich weiß noch, wie ich einmal fast eine halbe Stunde lang völlig apathisch in der Kita-Garderobe saß und auf meine ältere Tochter wartete, während die anderen Eltern lachten, sich unterhielten, fröhlich waren. Und dachte: Warum merkt keiner, was mit mir los ist?

Meinem Mann fiel vor allem auf, dass ich so oft mit den Kindern laut wurde und nahm sie in Schutz. Das war natürlich richtig, aber meine Not hat er nicht gesehen. Schließlich habe ich mich aufgerafft und bin zum Hausarzt gegangen.

Und der hat dir dann sofort einen Therapieplatz besorgt?

Schön wär's gewesen! Die Plätze waren leider alle auf Monate ausgebucht. Schließlich habe ich eine Therapeutin gefunden, die aber keine Kassenzulassung hatte, und rief weinend bei meiner Krankenkasse an, um die zu überzeugen, dass sie die Kosten übernahmen.

Rückblickend würde ich sagen, das war eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Therapie: dass ich gelernt habe, mich für meine eigenen Bedürfnisse auf die Hinterbeine zu stellen.

Nicht die Aufgaben waren der Auslöser, sondern das eigene Idealbild 

Was hast du noch mitgenommen aus der Therapie selbst?

Der wichtigste Satz klingt mir heute noch im Ohr: "Sie sind nicht unter ihren Aufgaben zusammengebrochen, sondern unter Ihrem Idealbild von sich selbst." Das ist das Entscheidende: Weil ich immer dachte, ich genüge nicht, alle anderen machen das mit links, konnte ich mir selbst nie gut genug sein. Auch unbewusste Glaubenssätze, die jeder aus der eigenen Kindheit mitschleppt, spielen eine Rolle.

Heute sind deine Kinder sieben und neun, und du bist wieder zufrieden mit deinem Leben. Was hast du geändert?

Kleinigkeiten, eigentlich. Aber sehr effektive. Es wird den Müttern ja immer erzählt, sie bräuchten ab und zu eine Auszeit, ein Wellness-Wochenende – das ist schön und gut, aber das ist es nicht, jedenfalls nicht nur! Es ist der Alltag, in dem man zusehen muss, dass man sich Entlastung und Entspannung holt.

Dann gibt es eben auch mal Tiefkühlpizza.

Mein wichtigstes Ziel ist es jetzt, eine entspannte, liebevolle Mutter zu sein – für mich selbst und für meine Kinder. Und das erreiche ich am besten, wenn ich hier und da Fünfe gerade sein lasse. Dann hängen die beiden eben mal einen Nachmittag vor dem Fernseher ab und essen Tiefkühl-Pizza. Manchmal, wenn es stressig ist, berufe ich auch eine innere Konferenz ein …

Unser Blog-Liebling: Verena Carl ist eine von drei Frauen, die auf dem Blog 40-something.de schreiben. Unter dem Motto "Endlich alt genug!" machen sie sich allerhand kluge Gedanken über das Leben, die Liebe, den Körper, Dinge, die guttun und Dinge, auf die man getrost verzichten kann. Ein Blog wie ein richtig gutes Gespräch unter Freundinnen beim Rotwein - tiefgehend und ehrlich.

Unser Blog-Liebling: Verena Carl ist eine von drei Frauen, die auf dem Blog 40-something.de schreiben. Unter dem Motto "Endlich alt genug!" machen sie sich allerhand kluge Gedanken über das Leben, die Liebe, den Körper, Dinge, die guttun und Dinge, auf die man getrost verzichten kann. Ein Blog wie ein richtig gutes Gespräch unter Freundinnen beim Rotwein - tiefgehend und ehrlich.

Wie geht das denn?

Da ist eine Übung aus der Therapie: Man stellt sich die verschiedenen Aspekte der eigenen Persönlichkeit vor wie Konferenzteilnehmer und lässt die miteinander ins Gespräch kommen. Also die Frau, die Mutter, die Karrierefrau, die Künstlerin … und dann fängt man innerlich an zu verhandeln: Wer braucht jetzt gerade Aufmerksamkeit, wer muss sich mal zurückhalten, wer wurde schon lange übersehen?

Hat dieses neue Gefühl für dich selbst auch etwas an deiner Beziehung geändert?

Ich stehe heute sehr viel selbstbewusster für meine eigenen Bedürfnisse ein, ich warte nicht mehr darauf, dass mein Mann von selbst merkt, was ich brauche. Zum Beispiel gehe ich jetzt jede Woche zum Yoga – und wenn ich den Termin mal verschwitze, dann erinnert er mich mittlerweile von selbst daran! Darüber freue ich mich.

Das Interview führte Verena Carl, es ist ursprünglich erschienen auf dem Blog 40-something.de. Vielen Dank, dass wir es hier zeigen dürfen!

Mehr über Anna Karina Birkenstock und ihre Arbeit lest ihr auf annakarina.de.

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Mütter und Burnout: Mama kann nicht mehr - und keiner merkt's 😞

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