Hilfe, mein Kind will nicht kuscheln!

Nähe und Hautkontakt sind ja sooo wichtig für Kinder, hören wir immer wieder. Aber was, wenn das Kind nicht kuscheln will? Bloggerin Christine über Selbstzweifel und Angst vor feuchten Küsschen.

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Das Blog: Villa Schaukelpferd

Die Bloggerin: Mama Christine ist 31 und Mutter zweier Jungs. Lebt mit Mann und Kindern "irgendwo in Deutschland auf 100m2, die manchmal beengender sein können als ein Hamsterkäfig".

Das gefällt uns: Selbstzweifel, Wut, Ungerechtigkeiten - Christine spricht auch unbequeme Themen an, und das tut gut!

Okay, nimm den Hilferuf aus der Überschrift wieder heraus. Wenn ich mich heute, drei Jahre nach der Geburt des ersten Kindes, immer noch über die mangelnde Bereitschaft aufregen würde, sich von Mama und Papa mal drücken zu lassen, gäbe es viel zu oft Anlässe, mir sehnsüchtig andere Zeiten herbeizusehnen.

Was nicht heißen soll, dass es total schmerzlos war, die Tatsachen zu akzeptieren. Und ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass das Verhalten meiner Jungs auch heute noch spurlos an mir vorbeiginge.

Auch ich bin nur ein Mensch. Und zwar einer, der gerne kuschelt. Meine Kinder leider nicht.

Kinder lieben kuscheln - so wird es überall suggeriert

Früher hatte ich mir das (mal wieder) ganz anders vorgestellt. Babys und Kleinkinder schmusen und kuscheln in den ersten Lebensjahren täglich und stundenlang mit ihren Eltern – so wurde es mir durch Fernsehen, Werbung, Ratgeber und andere Mütter immer suggeriert. Nirgendwo las oder hörte ich von "unkuscheligen" Mutter-Kind-Beziehungen. Vielleicht gingen die paar wenigen Berichte aber auch nur unbemerkt an mir vorbei.

Dann kamen meine Kinder auf die Welt und schnell wurde mir klar: Die haben irgendwie andere Vorstellungen von Gruppenkuscheln auf der Couch als ich. Da wird eher gehampelt, geboxt und wieder vom Sofa gesprungen statt still zu sitzen und Mamas und Papas Nähe zu genießen.

Sicher, jedes Kind ist anders und nicht alle haben ein ausgeprägtes Kuschelbedürfnis. Aber manchmal wünschte ich, meine Kinder würden auch zu der Schmusefraktion gehören.

Immer wieder die Selbstzweifel: Was mache ich falsch?

Maxi wollte schon als Säugling nicht ins Tragetuch und hörte bei Fieber erst mit dem Weinen auf, wenn ich ihn in seinen Stubenwagen legte, wo er sich alleine beruhigen konnte. Wenn man ihn vorm Schlafengehen fragt, ob man ihn mal in den Arm nehmen dürfe, kommt meist ein entschiedenes "Nä!".

Sein Bruder Mini hingegen findet ab und zu Gefallen an Umarmungen. Auch wenn sie nicht ausgiebig ausfallen, kommt er aber immerhin auch von sich aus an, wenn ihn das seltene Bedürfnis nach Körperkontakt übermannt.

Am schlimmsten waren für mich lange Zeit die Fragen in meinem Kopf, die sich schnell zu entwickelten. Mache ich irgendwas falsch? Liegt es an den postpartalen Depressionen und der fehlenden Bindung, die ich nach Maxis Geburt hatte? Aber er mag ja auch nicht ausgedehnt mit seinem Vater kuscheln, zu dem er die intensivere Beziehung hat. Was mache ich falsch? Bin ich selbst zu distanziert zu den Kindern? Oder dränge ich mich ihnen schon auf? Was mache ich falsch?

"Dann gib mal der Mama ein Küsschen zum Abschied"

Eins ist mir mit der Zeit klar geworden: Wenn ich eine gute Beziehung mit körperlicher Nähe gleichsetze, ist Scheitern vorprogrammiert. Denn dass Mini und Maxi plötzlich doch noch zu Schmusetieren mutieren, ist ziemlich unrealistisch. Und mal von dem Kuschelaspekt abgesehen, finde ich unser Mutter-Kind-Verhältnis eigentlich ziemlich normal. Bei beiden Kindern.

Trotzdem schwirren permanent Sätze in meinem Kopf herum à la "Kinder brauchen viel Nähe" oder "Eine sichere Bindung zur Mutter entsteht vor allem durch Körperkontakt". Dann fühle ich mich schnell wie eine Rabenmutter, wenn die Kindergärtnerin Maxi morgens mit einem "Dann gib mal der Mama ein zum Abschied" ermuntert, mein Sohn aber nur entgeistert dreinschaut, als würde sie von ihm verlangen, mal eben einen Sack Reis nach China zu karren.

Erinnerung an Tante Gitti und ihre feuchten Küsse

Er muss mir ja auch kein Küsschen geben. Zumindest ich bestehe nicht darauf. Ich gebe meinen Kindern zum Abschied immer einen Kuss, habe jedoch noch nie selbiges von ihnen verlangt, weil ich mir denke: Wo ist da die Grenze zwischen "Vormachen" auf der einen und "Bedrängen" auf der anderen Seite?

Immer Tante Gitti von früher im Kopf, die jedes Mal ungefragt feuchte Küsschen an alle verteilte. Ob man das auch wollte oder nicht, wurde ignoriert. Ich hingegen möchte, dass meine Kinder lernen, selbst entscheiden zu dürfen, wie viel Körperkontakt sie von anderen zulassen wollen; Eltern eben eingeschlossen.

Vier Sekunden auf dem Schoß - ein Highlight

Ich bin ehrlich, ein wenig neidisch bin ich schon ab und zu, wenn ich sehe, wie andere Kinder sich im Kindergarten morgens von ihren Müttern verabschieden. Umarmen, Küssen und Drücken gehört da meist zum Standard. Mein Junge winkt aus sicherer Entfernung.

Das tut manchmal schon weh. Aber was nützt es, sich darüber aufzuregen? Mit aufgezwungener Liebe macht man es jedenfalls garantiert nur schlimmer.

Vor ein paar Tagen kletterten Mini und Maxi plötzlich aus heiterem Himmel auf meinen Schoß und wollten kuscheln. Zwar nur für knappe vier Sekunden, dann sprang Maxi auf mit den Worten "Genug!", aber das ist schon in Ordnung. Ich freue mich dann, dass ein natürlicher Wunsch nach Nähe irgendwo auch in meinen Kindern schlummert. Und wenn es sie dann plötzlich übermannt, bin ich die Letzte, die sich dem entzieht.

Wie kuschelig sind eure Kinder denn so? Ist es bei euch vielleicht genau andersherum, dass das Gekuschel eurer Kinder euch manchmal schon zu viel ist? Oder sollte es tatsächlich irgendeine Mutti da draußen geben, die ein ähnlich unschmusiges Exemplar zuhause hat?

Ich freue mich über jeden Kommentar. Wenn du magst, fühl dich ganz spontan mal gedrückt. Ohne Tante Gittis Küsschen.

Schmuse-Sehnsucht: keine Bildunterschrift

keine Bildunterschrift

Text von Christine, ursprünglich erschienen auf villa-schaukelpferd.de

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Kommentare (20)

Kommentare (20)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Unsere Prinzessin (2,5J) ist auch keine große Kuschelmaus, oft genug erinnern mich Verwandte und Freunde daran, wie unkuschelig sie ist. Nach außen hin mag es wohl wirklich so wirken.

    Jedoch durfte (oder musste
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Du sprichst mir aus der Seele. Genau dieselben Gedanken und dasselbe Kind habe ich auch. Allerdings ist sie erst 6,5 Monate jung, somit gebe ich die Hoffnung noch nicht auf, dass sie irgendwann doch schmusen will ;-)

    Zurzeit besteht schmusen darin, mit den Patsche -Händchen in meinem Gesicht herum zu fuchteln und an meinen Haaren zu ziehen - na wenn sie das vorerst so definiert, ok ;-)

    Das Tragetuch funktioniert auch nur unter Protest und nicht lange. Aber wenn sie darin einschläft und sich an mich lehnt, genieße ich das.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Mein großer ist auch kein kuschler ich wollt immer das Familienbett keine Chance er will in Seins schon immer und kuscheln ja wenn er krank is oder ma 10 Sekunden pro Tag mal sehen wie der kleine wird
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich sollte noch ergänzen: Dennoch ist mein kleiner Großer (5) das totale Mamakind. Auch ohne kuscheln.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich habe einen Nichtkuschler und "Antiliebhaber". Ein "Mama ich hab dich lieb" kommt selten und von der Mutti gegebene Küsschen werden weggewischt.

    Und mir ergeht es ähnlich. Das ganze Selbstzweifel-Gedöns.

    Aber er ist mein erster und Selbstzweifel gehören da zum Alltag

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