Terror in Berlin: "Nur kurz vorher fuhr mein Kind hier Karussell, mit Glanz in den Augen"

Kerzen für Opfer Terroranschlag in Berlin

Bloggerin Andrea Zschocher war mit ihrer Familie auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz - wo wenig später 12 Menschen starben. Hier schreibt sie, wie es sich anfühlt, wenn der Terror so nahe kommt.

Terror in Berlin: "Nur kurz vorher fuhr mein Kind hier Karussell, mit Glanz in den Augen"

Unser Blog-Liebling: "Runzelfüßchen" nennt Journalistin Andrea Zschocher ihre Tochter und es ist auch der Name ihres Blogs, auf dem es normalerweise eher fröhlich und grundoptimistisch zugeht. Doch in diesen Tagen ist nichts normal. Aber auch dafür findet sie starke Worte, auch wenn es schwer ist. Danke, dass wir den Text hier teilen dürfen!

Breitscheidplatz

Um 21:20 Uhr kommt die erste Nachricht, von einer Leserin über Facebook. "Geht es euch gut?"
Ich bin verwundert, denn ich habe den Abend über zwar mit einer Freundin gechattet, aber nebenbei gearbeitet. Keine Nachrichten verfolgt.
Von nun an geht es im Minutentakt, in den sozialen Netzwerken, per SMS, per Mail. Und immer die gleiche Frage:

Geht es euch gut?

Ich schaue in den Nachrichten, was passiert ist. Mir bleibt kurz das Herz stehen. Das, was ich da lese, das kann, das darf doch nicht sein. Im "Heute Journal" wird vor falschen Anschuldigungen gewarnt. Vor voreiligen Schlüssen. Ich bin gar nicht in der Lage irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Ich bin einfach nur erstarrt.

Geht es euch gut?

Pling, Pling, Pling: Geht es euch gut?

Ja, es geht uns gut. Körperlich jedenfalls. Wir sind unversehrt. Meine Kinder schlafen friedlich in ihren Betten, träumen von dem schönen Tag, den sie hatten. Mein Mann schreibt an einem Post für den Blog und hört Musik, ich arbeite und freue mich auf unsere Pläne in 2017, von denen ich der Freundin erzähle.

Karussell, gebrannte Mandeln, Kinderpunsch

Und dann, diese Zäsur. Oberflächlich hat sich für mich ja nichts geändert. Aber tief drinnen, da eben schon. Denn wir waren heute mit dem Runzelfüßchen auf diesem am Breitscheidplatz. Sie hatte es sich sooo sehr gewünscht. Und wir auch. Zu viert auf den Weihnachtsmarkt. Als Familie. Endlich, Weihnachten zu viert. Mit allem was dazugehört. Zu viel Essen, zu viele Kekse, zu viel Weihnachtsmusik.

Um 16:30 Uhr, mit Kinderpunsch und gebrannten Mandeln. Mit Kinderkarussell und Weihnachtsmann. Mit einer ganz ehrführchtigen Tochter, die meine Hand ganz fest drückt, als sie den Weihnachtsmann erblickt und die sich nur traut, ihm über den Mantel zu streichen, ihm aber nicht die Hand zu geben.

Weihnachten mit Kindern ist magisch

Das Runzelfüßchen hat diese Zeit heute auf dem Weihnachtsmarkt geliebt. Zum ersten Mal fuhr sie eine Runde Karussell, juchzte vor Freude, schob sich Mandel um Mandel in den Mund, so dass kaum noch das Abendbrot in ihrem kleinen Bauch Platz fand. Glücklich und zufrieden schlief sie ein, im Traum ganz bestimmt den Tag Revue passierend. Ich war ganz gebannt von ihrer Freude. Denn auch wenn es kitschig ist, vielleicht sogar ein Klischee, es ist ein wahres: mit Kindern ist magisch. Dieser Glanz in ihren Augen, der all das Licht widerspiegelt. Diese Lebensfreude.

Sorgen

Geht es euch gut? Ja, denn uns ist nichts passiert. Wir waren lange zuhause, bevor all das geschah.

Geht es euch gut? Nein, denn ehrlich: Was soll ich dem Runzelfüßchen sagen, wenn sie wieder nach dem Weihnachtsmarkt fragt? Wenn sie wissen will, wieso solche Dinge geschehen? Und: Wie gehe ich damit um, dass ich niemals verhindern kann, dass so etwas nicht auch meinen Kindern geschehen kann.

Es geht uns gut

Ich beginne, selbst Nachrichten an Freunde zu schicken, rufe meine Familie an. Es geht uns gut, es geht uns gut. Aber tut es das? Ich fühle mich gelähmt. Habe keine Worte für meine Hilflosigkeit. Habe keine Ahnung, was ich meinem Kind sagen werde. Denn zur Zeit ist vieles noch Spekulation. Das auszuhalten ist schlimm. Und doch wichtig. Denn nichts wäre fataler als Gerüchte zu streuen.

Und so werde ich meine Kinder einfach fest umarmen und ihnen all meine Liebe schenken. Jeden Tag. Denn ich bin so unfassbar dankbar, dass sie da sind. Und, dass es uns gut geht.

Text (leicht verändert) von Andrea Zschocher, ursprünglich erschienen auf http://runzelfuesschen.blogspot.de

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