"Jedes Kind kann schlafen lernen": Genial oder gefährlich?

Für die einen ist er die letzte Rettung, für die anderen gehört er auf den Index: Der Bestseller "Jedes Kind kann schlafen lernen" ist umstritten. Auch MOM-Redakteurin Stefanie Hentschel hat die Methode ausprobiert - und würde es nie wieder tun.

Es ist der Renner unter den Eltern-Ratgebern: Mehr als eine Million Mal wurde das Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" bislang verkauft. Aber es gibt auch viele Gegner der Methode, die in dem Buch beschrieben wird. Als der Verlag Gräfer und Unzer im August 2013 eine Neuauflage herausbrachte, startete eine Mutter die Petition Schluss mit JKKSL!". Sie forderte den Verlag darin auf, "Jedes Kind kann schlafen lernen" vom Markt zu nehmen. Das Schlaflernprogramm habe "nachweislich schlimme Folgen für die Kinderseele". Tausende haben die Petition unterzeichnet.

BRIGITTE-MOM-Redakteurin Stefanie Hentschel kann die Argumente der Gegner gut nachvollziehen. Auch sie probierte die Methode aus - eine Qual für alle Beteiligten.

Was für ein Versprechen! "Jedes Kind kann schlafen lernen". Das ist Musik in den Ohren übermüdeter Zombie-Eltern, die sich nur noch verschwommen erinnern können, wie das war, mal drei Stunden am Stück oder gar LÄNGER zu pennen. Kein Wunder, dass so viele erschöpfte Mütter und Väter irgendwann zur so genannten Ferber-Methode greifen, die in dem Ratgeber "Jedes Kind kann schlafen lernen" von Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth gelehrt wird.

Uns war die Methode sogar von unserer Kinderärztin empfohlen worden, als unsere erste Tochter etwa ein halbes, höchstens ein Dreivierteljahr alt war und ich mich bei einem Arzt-Besuch mal über die zerhackten Nächte beschwert hatte. Damals wurde die Kleine zirka alle zwei Stunden wach und wollte die Flasche, die wir ihr abwechselnd gaben. Wach wurden aber immer beide, es war unruhig, wir waren genervt und gestresst am Rande des Erträglichen.

Die Methode sagt ja im Kern, dass man das Baby wach und allein ins Bett legen und, wenn es weint, mit immer längeren, genau festgelegten Abständen nach ihm schauen, es aber nicht in den Arm nehmen soll. Bis das Kind schläft. So gewöhne es sich, sagt das Buch, an, ohne fremde Hilfe wieder in den Schlaf zu finden.

"Ich heulte dabei die ganze Zeit"

Haben wir gemacht. Das Kind weinte. Das Kind schrie. Wir saßen im Nebenzimmer, redeten kein Wort, sahen auf die Uhr und gingen immer genau nach dem vorgegebenen Takt zu unserer Tochter ins Zimmer. Ich heulte dabei die ganze Zeit. Mein Mann fast. Unsere Tochter bewies Ausdauer, bis sie irgendwann, nach fast einer Stunde, völlig entkräftet wegnickte.

Als sie schlief, schworen wir uns: nie wieder. Versuchten es am nächsten Abend aber doch noch mal, zu unsinnig erschien uns die Qual des einen Abends, ohne dass sie zu irgendwas geführt hätte. Nach ein paar Tagen schlief unser Baby tatsächlich allein ein und im Großen und Ganzen ganz okay durch. Wenige Nächte lang, dann fuhren wir mit ihr zu einem Verwandtenbesuch, kamen spät nach Hause, sie wachte beim Hochtragen auf, ich legte mich zu ihr, damit sie nicht die halbe Nacht wach wäre. Am nächsten Tag war der ganze schöne Erfolg futsch: Sie wollte uns zurück!

Da war uns klar: Das tun wir ihr - und uns! - nicht noch mal an. Von da durfte sie wieder bei einem von uns im Arm einschlafen, und wenn sie nachts weinte, wurde sie getröstet, oft mit der Flasche. Die Aufwach-Abstände wurden von ganz allein länger und länger, mit gut zwei schlief sie durch. Inzwischen ist sie sieben und pennt, wenn wir sie lassen, am Wochenende auch gern mal 12, 13 Stunden am Stück. An Schultagen kriegen wir sie morgens kaum aus dem Bett.

Ihre kleine Schwester schlief übrigens bis zur Schule nicht allein ein, außerdem kommt sie fast jede Nacht irgendwann zum Kuscheln rüber, kriecht unter die Decke und schlummert da friedlich weiter bis zum Morgen.

Und wissen Sie was? Es ist uns egal. Manchmal nervt es mich, aber dann beruhigt mich mein Mann jedes Mal, dass sie uns schneller nicht mehr brauchen wird, als uns lieb ist. Recht hat er. Ein im Schlaf um sich boxendes, hartknochiges, schnaufendes Kind im Elternbett ist nicht schön. Aber nicht annähernd so schlimm wie ein brüllendes Baby, mutterseelenallein im Nebenzimmer.

Text: Stefanie Hentschel

Kommentare (158)

Kommentare (158)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Dieses Buch gehört verboten!!! Eine Freundin von mir kauft dieses Buch auf allen Flohmärkten und schmeißt es dann weg! Recht hat sie! Es sollen nicht noch mehr Kinder leiden! Ein Baby durch Resignation statt durch Liebe und Nähe zum Schlafen zu bringen ist Kindesmisshandlung! Lebewesen sind keine Roboter, die man alle gleich einstellen kann! Wann lernt das unsere schnelllebige Gesellschaft endlich?!? Wenn ihr keine Zeit und Lust auf ein Baby und alles was dazugehört habt, dann werdet nicht schwanger!!! Schafft euch ein Tamagotchi an. Das könnt ihr bei Bedarf ausschalten und es schreit auch nicht stundenlang durch!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Der Kindesvater hat das Buch gekauft, weil er das Kind aus dem Schlafzimmer verbannen wollte, wo es aber problemlos durchgeschlafen hat. Es war die Hölle. Generell verstehe ich nicht so recht, warum es in unserer Kultur fast schon ein ungeschriebenes Gesetz ist, die Zeit des Schlafens mit seinem Partner in einem Bett zu verbringen, es aber eher verpönt ist, diesen Moment mit seinem Kind zu teilen? Man erzieht oder gewöhnt (zwingt) den kleinen Menschen, alleine zu schlafen, damit sie sich dann als Erwachsene doch wieder umgewöhnen und ihre Nächte mit jemanden zu teilen. Alleine Schlafen ist blöd, oder? Klar, wenn es problemlos klappt, schön, herzlichen Glückwunsch :) Aber wenn man plötzlich nächtelang wach ist, um das Kinderbett im anderen Zimmer von Erbrochenem zu befreien, nur weil man meint, dieses kleine hilflose Wesen, das nichts weiter als Geborgenheit braucht, müsste schon gesellschaftlichen Zwängen unterworfen werden, dann beginnt man das Buch zu verachten. Kind fand
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ohne dieses Buch war ich gereizt, ungeduldig. Schlafmangel ist nicht zu unterschätzen. Alleinerziehend mit Job und nicht einigermaßen verbindlich schlafen können ist die Hölle! (und bin ich damit eine gute Mutter????) Mein Vater riet mir zu diesem Buch weil er Mitleid hatte. (und er hat nicht besonders schnell Mitleid!) Nach dem Buch hatten wir einen Rhythmus, den wir natürlich immer durchbrachen wenn es notwendig wurde. Bei Krankheiten z.B.. Und mein Sohn hat von allein den Rhythmus wieder aufgenommen. Und sogar bei aushäusigen Besuchen gab es keine Probleme. Sicherlich ist er dann spätabends noch einmal aufgestanden, weil alles so anders war. Bei einer Gelegenheit kam er zu meinen Bekannten ins Wohnzimmer, in dem wir gerade Karten spielten. Er setzte sich für ein halbe Stunde zu uns und schaute uns zu. Und als ich sagt: schau mal, so interessant ist es doch gar nicht, da kann ich dich doch wieder ins Bett bringen, da war er einverstanden - völlig problemlos. Da war er drei!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich war wohl eine der ersten, die mit diesem Buch "gearbeitet" haben. Mein Vater hatte mir den Zeitungsartikel darüber ausgeschnitten. "Versuchs doch mal damit, vielleicht geht das ja". Ja, es ging. Es ist jetzt fast 18 Jahre her. Es hat 2 Abende gebraucht. Später ist mein Sohn wieder in mein Bett geklettert. Immer wenn er krank war. Und ist selber wieder in sein Zimmer gegangen, wenn er wieder gesund war: "Mama, wieder leine lafen". Unser Morgenritual war bis er 10 Jahre alt war: morgens in mein Bett klettern und einen Keks essen. Vor dem Kindergarten, vor der Schule, am Wochenende sowieso. Mein Sohn hat seit diesem Buch GERNE geschlafen. Die Tür blieb auf, das Licht blieb an, und er hat im Bett gesungen und erzählt und gelacht bis er eingeschlafen ist. Heute ist er ein fantastischer junger Mann. Selbstbewusst, intelligent, sehr sozial eingestellt, eigensinnig, rebellisch, fantasievoll, freundlich, er führt Freundschaften seit dem Kindergarten, ich bin sehr stolz auf ihn!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Meine Tochter schläft durch, seitdem sie drei ist. Ich habe also 3 Jahre nicht durchgeschlafen. Sie ist nachts oft aufgewacht, gerne lag sie dann acuh mal 2-3 Stunden wach, ohne morgens länger zu schlafen.

    Ich hab sie nie weinen lassen, wozu? Es ist doch mein Job, mich um ihr emotionales Wohlergehen zu kümmern.

    Ich war dann halt oft müde. Ja. Naja, und?

    Die längste Zeit meines und ihres Lebens schläft sie ohnehin durch, da kommt es auf die paar Jährchen nicht an.

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