Working Moms nerven? Warum Deutschland ein Problem hat und ich keinen Bock mehr!

Mutter Baby am Computer

Warum haben arbeitende Mütter so wenig Rückhalt und keine Lobby? Bloggerin Susanne Triepel sagt, was sich ändern muss. Dringend.

Unser Blog-Liebling: Susanne Triepel lebt mit Kind in Berlin und schreibt auf ihrem Blog Notyetaguru.com vor allem (aber nicht nur) über den Vereinbarkeitswahnsinn. Mit ihren herrlich spitzzüngigen und klugen Texten hat sie uns als Jünger längst gewonnen.

Unser Blog-Liebling: Susanne Triepel lebt mit Kind in Berlin und schreibt auf ihrem Blog Notyetaguru.com vor allem (aber nicht nur) über den Vereinbarkeitswahnsinn. Mit ihren herrlich spitzzüngigen und klugen Texten hat sie uns als Jünger längst gewonnen.

Am Montag sprang ich um 8:15 Uhr fast aus der Business-Hose.

Bis dahin war es ein ganz normaler Tag: Um 7:51 Uhr habe ich mein Kind an der Schule abgeliefert, zuvor hatte ich bereits: die Waschmaschine beladen, drei Minuten vorm Kühlschrank meditiert, im Badezimmer so getan, als hätte ich eine Frisur, meinen verstopften Abfluss repariert, einen Berg Pausenbrote geschmiert und schließlich an der Haustür die Hausaufgaben final abgenommen. In diesem Moment ist noch der Spiegel im Flur von der Wand gefallen. Ich habe das ignoriert. Auch das mit dem Pech. Für sowas hab ich morgens keine Zeit.

Um 7:33 Uhr haben wir die Wohnung verlassen. Es folgte eine zehnminütige Fahrt mit dem Rad, während der ich mein Kind fit gemacht habe für die Gesellschaft, in der wir alle leben.

Ich habe erklärt, was das Wort "Penis-Lutscher" bedeutet, und das eine 2 keine schlechte Note ist (im Supermutter-Kiez erfasst der Selbstoptimierungswahn auch die Kinder).

Um 7:51 Uhr hing ich am Schultor-Gitter und brüllte zärtlich "mach die Jacke zu", ein Entrüstungs-Schnauber schallte als Abschiedsecho über den Hof. Ich ignorierte das, und begrüßte eine Erzieherin, weil die ihren Job für wenig Geld total gut macht.

Teilzeit oder Eigentlich ist sie nie da? Aha:

Punkt 8 Uhr parkte ich mein Rad vor der Schule. Ich checkte im Laufen bis zur Tramhaltestelle, die wichtigsten E-Mails von meinem Hauptjob. Das muss ich, weil da gerade der Bär steppt. Ich stand an der Haltestelle und recherchierte, wo ich in Berlin eine original Harry-Potter-Brille besorgen kann, nebenbei leitete ich drei wichtige Anfragen an eine Kollegin weiter, die immer bereit ist, wenn ich mal nicht kann (Danke). Um 8:11 Uhr saß ich in der Tram, unterwegs in Richtung Nebenjob.

So ist das an einem Montag. Alles normal. In der Tram dankte ich dem Universum für mein altes Smartphone, und einen schnarchenden Penner, der sich so breit machte, dass sich dort niemand außer mir hinsetzen wollte.

Flexibilität oder Better trust the Mutti

Die 6 Minuten in der übervollen Tram sind trotzdem ein großes Glück: Die gehören nämlich mir! In der Regel lese ich Zeitung.

An diesem Tag war mein Glück allerdings getrübt: Mir sprang die Überschrift eines Artikels vors Auge: "Warum berufstätige Mütter nerven" lautete die Schlagzeile. Ich schnaubte durch beide Nasenlöcher. Der Mann neben mir schlief inzwischen friedlich auf meiner Schulter. Ich sprang nicht aus der Hose. Nein, ich bin kein besonders mitfühlender Mensch:

Ich bin seit 9 Jahren arbeitende Mutter und wie der Pawlow'sche Hund: Mein Körper verfällt in eine Arbeitsstarre, sobald meine rechte Schulter einseitig von einem Kopf belastet wird: Wenn mein Kind neben mir schläft, lese ich in der Regel Texte Korrektur oder fülle einhändig Excellisten aus. Das ist nicht gut für meine rechte Schulter – ja ich weiß. Und: Ich will natürlich ganz viel Zeit für mein Kind haben, aber als arbeitende Mutter geht nicht immer alles so, wie man will. Ich mache trotzdem einen verdammt guten Job!

JEDEN VERDAMMTEN TAG. WENN MAN MICH LÄSST! Alle arbeitenden Mütter tun das. Warum haben wir trotzdem so einen schlechten Ruf? Sogar unter Frauen? Der Artikel mit der provokanten Überschrift ist übrigens gar nicht so schlimm. Er wirbt für uns. Aber ich frage mich: Warum ist das überhaupt nötig. In 2017? Deutschland muss sich daran gewöhnen, dass Frauen mit Kindern arbeiten. Sie tun es gern – und sie können das, wenn man sie – ich wiederhole mich gern: LÄSST!

Warum nach der Elternzeit der Frust kommt:

Braucht Deutschland die Mütterquote, damit sich Menschen an Frauen wie mich gewöhnen? Nein. Aber dringend mehr Gelassenheit und Verständnis. Wieso haben arbeitende Mütter so wenig Rückhalt und keine Lobby? Nerven wir wirklich nicht nur unsere Kinder, sondern auch Kollegen und Chefs? Weil wir Frauen mit Kind uns anstellen, und nichts auf die Reihe bekommen? Nicht zuverlässig sind, oder so engagiert im Job, wie damals, als wir keine Kinder hatten? Weil wir zu viel wollen, und deswegen scheitern? Nein: Wir werden ganz einfach mit den falschen Maßstäben gemessen. Von anderen und von uns selbst.

Für die meisten Mütter ist die Rückkehr in den Job nach der Elternzeit wie Pans Labyrinth ohne Ausgang. Viele Mütter kehren zwar in ihren alten Job zurück, aber kommen dort nicht richtig an. Wie auch: Keine Mutter sagt einer anderen: "Zieh Dich mal warm an, Schätzelein, du bist am Arsch, während der Kita-Eingewöhnung. Den ersten Winter im Kindergarten überstehst du nur mit ganz viel Glück, Oma und einer Flasche Rotwein."

Nope. Es ist ein wohlgehütetes Geheimnis, wie der Geburtsvorgang. Da sind wir selber schuld? Das ist so ein Frauen-Ding? Weil wir uns alle hassen?

Aber die männlichen Kollegen reagieren auch nicht besonders mitfühlend, sondern sind in der Regel genervt. Teilzeit-Arbeit steht in den meisten Unternehmen nicht besonders hoch im Kurs. Es bedeutet einen hohen Verwaltungsaufwand für quasi nix. Teilzeit ist der Horror für den deutschen Durchschnitts-Personaler, und wofür: Aus der Teilzeit heraus werden selten Karrieren gemacht, eher beendet = Mutti ante Portas!

Alles von vorn – was von Mutti übrig bleibt:

Dann heißt es alles neu. Immer mehr Mütter werden selbstständig. Sie sind kreativ und starten durch. Das ist schön und ganz schön schwer. Auch wenn es viele gute Netzwerke gibt, die dabei helfen. Viele qualifizierte Mütter landen mit Anfang 40 leider in der vorgezogenen Berufs-Menopause. Und dann? Ich hatte auch schon mal fast den Hashtag #regrettingmotherhood auf dem Display.

Das Elterngeld ist eine wirklich gute Idee – rein theoretisch. Rein praktisch sind aber weder die Mütter, noch deren Partner, noch die Kollegen oder Chefs, und auch die Politik auf das vorbereitet, was danach kommt.

Wir denken alle MUTTI MACHT DAS SCHON! Wie alle Mütter vor uns. Hauptsache Kita-Platz. Aber: Als Mutter im Job kannst du zwar genau so viel wie früher, aber du kannst es nicht mehr so machen wie vorher. Auch mit Kita-Platz. Und du willst es auch nicht mehr, weil du auch Zeit für dein Kind willst. Diese einfachen Sätze sollte ich drucken lassen und an alle Elterngeld-Bezieherinnen verteilen.

Der Vereinbarkeitshammer trifft jede:

Ich war genauso unvorbereitet – mich traf der Vereinbarkeits-Hammer von oben, hinten und vorne. Arbeiten mit Kind ist anstrengend. Punkt. Nach neun Jahren als arbeitende Mutter in verschiedenen Beschäftigungsmodellen kann ich das beurteilen.

Ich ziehe jetzt den Schweden-Joker: Die Mütter dort haben garantiert die gleichen Probleme, aber die haben es ein bisschen besser. Weil sich alle daran gewöhnt haben, dass Mütter und Väter eine Weile anders arbeiten müssen, wenn sie kleine Kinder haben! Es gibt dort eine gesellschaftliche stille Übereinkunft und die heißt: Das ist halt so!

Und das gilt nicht nur dann, wenn die Mütter aus dem Job sind, sondern vor allem, wenn sie zurückkommen. Ich zitiere immer gerne einen Unternehmer, der mit einer Schwedin verheiratet ist:

"In Schweden bist du als Manager ein Loser, wenn du es nicht schaffst dein Kind nachmittags von der Kita abzuholen. Da gibt es grundsätzlich keine Meetings am späten Nachmittag, wenn einer im Team kleine Kinder hat."

Glückliches Schweden, trauriges Deutschland?

Bullerbü ist nicht – was sich ändern muss:

In unseren Köpfen stecken Ideale und Konzepte, die nicht aufgehen. Im Job 150 Prozent zu geben und gleichzeitig die Supermutter zu sein, funktioniert nicht. Hat es nie. Die Vereinbarkeit von Arbeit und Kind kommt nicht automatisch mit Ablauf der Elternzeit. Und selbst, wenn du es verzweifelt versuchst: Es ist meistens nicht, wie du dir das vorstellst. Als arbeitende Mutter solltest du eines tun: Ansprüche aufgeben. Doch. I learned it the hard way (ich sage nur Mutter-Kind-Kur).

Deutschland im Jahre 2017 hat ein Problem mit arbeitenden Mütter und die Mütter Probleme mit der Arbeit. Wir brauchen dringend mehr Ehrlichkeit und eine familienfreundliche Unternehmenskultur. Und Kinderfreundlichkeit: Weil Bullerbü ist nicht!

Kinder werden krank! Wenn man Glück hat, hat man einen Partner oder eine Oma, die einspringen können. Und Mutti geht tapfer und zuverlässig ins Büro. Aber manchmal sind die Kinder so krank, dass die Mutter daheim bleiben muss. Ist so. Mütter können das sehr wohl einschätzen: Nein, Kindern kann man kein Aspirin geben und sagen, reiß dich doch zusammen, und komm mit der Mutti ins Büro. Die lieben Kleinen gehören dann ins Bett, das gilt übrigens genauso für Mütter, die krank sind. Preußische Tugenden bringen uns leider auf Dauer nicht weiter. Sie bringen uns nämlich ganz schön ins Straucheln.

Wenn Mutti kippt – kippt die Republik

Und wenn Mutti kippt, kippt die ganze Republik. Doch: Von Kindern hat Vater Staat ziemlich viel. Wir alle. Alle Bemühungen, Eltern Vollzeit-Beschäftigungen zu ermöglichen, sind ja schön, aber: Du kannst doch nicht den ganzen Tag dein Kind delegieren? Beziehung braucht Zeit! Kinder brauchen ihre Mütter (oder Väter) – nicht nur, wenn sie krank sind. Ich will hier nicht Fremdbetreuung verteufeln, aber wo lassen wir denn bitte oft unsere Kinder den ganzen Tag?

Die meisten Erzieher sind genauso durch, wie die Mütter. Die Arbeit als Erzieher ist anspruchsvoll und wird zu schlecht bezahlt. Nach 4 Jahren Vorstand in einer Elterninitiativ-Kita sage ich: Erzieher müssten im Grunde auch Ruhezeiten haben. Aber wie soll das gehen, in öffentlichen Schulen oder Kindergärten mit starren Strukturen? Jahrzehntelang ist nichts getan worden – läuft ja. Hängt halt wieder ein Zettel an der Tür: Alle krank, Kinder abholen früher. Mutti schafft das schon? Nimmt sie das Kind halt mit ins Büro. Und wenn es ein Baby ist, das vielleicht Geräusche macht? Das ist vielleicht keine gute Idee.

Warum du besser mit Hundewelpen ins Büro kommst

Hundewelpe schlägt Baby in der Beliebtheitsskala immer noch um Längen. Wieso soll ich bitte schön so einer Gesellschaft einen gesunden Rentenkassen-Einzahler bescheren? Ihn erziehen, für ihn sorgen, gleichzeitig arbeiten, obwohl alle über mich die Nase rümpfen?

Wenn ein bärtiger total talentierter Kreativ-Chef ein 12-monatiges Sabbatical macht, danach mit einem Welpen auf dem Arm zurückkommt, und im Wochen-Meeting verkündet: "Ich geh jetzt wieder zur Uni, und arbeite nur noch 30 Stunden, weil ich ja jetzt den Hund hab", dann seufzen alle selig. Der Mann muss gehalten werden, und er will es auch. "Einer für alle und alle für einen."

Die Kollegen gehen wie selbstverständlich mit dem Hund raus, wenn der Kreativ-Chef eine Deadline hat, und wenn er "Welpe Odin" deswegen nicht rechtzeitig zum Hundesitter bringen kann, kommt Odin halt in die Agentur. Aber was, wenn Odin krank ist, und nicht zur Hundeschule kann? Und wenn der süße Hund auf den Teppich kotzt? Ach Gott, der ist doch krank. Kann ja mal passieren. Dann macht der Kreativ-Chef einfach Homeoffice. Odin ist so krank – er muss zum Arzt? Oh Gott, ja natürlich muss ein Kollege einspringen.

Wer jetzt denkt, ich hätte einen Knall, dem sage ich: NEIN! Und jetzt zum Schluss ein kleines Spiel: Tauscht in den vorherigen Sätzen den bärtigen Kreativ-Chef gegen "Kreativ-Chefin", macht aus Sabbatical "Elternzeit", aus "Welpen" Baby, macht aus "Hundesitter" Babysitter und aus "Hundeschule" die Kita.

Nein, ich habe mein Baby nie mit in eine Agentur gebracht! Ich bin gar keine Kreativ-Chefin. Ich bin nur eine ganz normale arbeitende, alleinerziehende Mutter. Und ich habe auch keinen Hund. Ich schwöre.

Frauen machen mehr Care Arbeit

Nachtrag für alle Männer/Väter: Ich habe diesen Artikel aus der Sicht einer arbeitenden Frau geschrieben, weil ich eine bin (war beim letzten Toilettenbesuch jedenfalls noch so). Und auch wenn viele Männer unter der Doppelbelastung Familie und Beruf stöhnen oder immer mehr Väter alleinerziehend sind, es sind in der Regel mehrheitlich die Frauen, die die Care Arbeit machen. Ist so, und nun 15 Mal den nach unten schauenden Hund rein prophylaktisch!

Text von Susanne Triepel, ursprünglich erschienen auf http://notyetaguru.com. Vielen Dank, dass wir ihn hier veröffentlichen dürfen!

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