Du liebst es, Kinder zu kitzeln? Darum solltest du das lassen

Kind wird durchgekitzelt

Kitzeln löst Lachen aus, aber das heißt nicht, dass es auch Spaß macht. Im Gegenteil. Bloggerin Andrea erklärt, warum sie Kitzelattacken für Quälerei hält.

Meine Definition von "Kitzelattacke":

Man hält das Kind fest und kitzeln es durch. Das Kind kann sich nicht befreien. Es wird weiter gemacht, obwohl man merkt, dass das Kind weg will. Es geht in diesem Beitrag also um ÜBERGRIFFIGES Kitzeln. Nicht um sanftes, achtsames Kitzeln, dagegen gibt es natürlich nichts einzuwenden.

Kitzeln ist gar NICHT lustig!

Ich lese auf Facebook oft "Dann kitzle ich mein Kind ordentlich durch!". In diesem Beitrag will ich erzählen, warum ich mein Kind niemals durchkitzle bzw. was das übergriffige Kitzeln mit unseren Kindern macht.

Die gnadenlose "Kitzelmaschine"

Unser Blog-Liebling: Andrea Schiefer lebt mit Mann und Sohn in Österreich und macht eine Ausbildung als psychologische Beraterin. Auf ihrem Blog Herzensglückskind schreibt sie über Entwicklungspsychologie und eine liebevolle, respektvolle Kommunikation mit Kindern. Ihr Credo: "Beziehung statt Erziehung". Spannend!

Unser Blog-Liebling: Andrea Schiefer lebt mit Mann und Sohn in Österreich und macht eine Ausbildung als psychologische Beraterin. Auf ihrem Blog Herzensglückskind schreibt sie über Entwicklungspsychologie und eine liebevolle, respektvolle Kommunikation mit Kindern. Ihr Credo: "Beziehung statt Erziehung". Spannend!

Als ich ein Kind war, liebte ich die Besuche meines Onkels. Wir erlebten zusammen die aufregendsten Abenteuer im Urwald, am Mond oder in der Wüste. Seine Fantasie war nahezu grenzenlos.

Doch wenn er zur "Kitzelmaschine" wurde, fühlte ich mich mit einem Schlag wie gelähmt. Er riss dann seine Augen weit auf und machte ein witziges Motorengeräusch. Dabei ging er ein paar Schritte wie in Zeitlupe, um sich dann plötzlich mit lautem Geschrei auf mich zu stürzen. Das Grauen begann. Er hielt meinen Fuß fest und kitzelte meine Fußsohle wie verrückt. Mein Onkel lachte, ich lachte.

In Wirklichkeit aber starb ich dabei tausend Tode. Denn ich bekam keine Luft mehr, alles tat mir vom Lachen weh. Ich war ihm körperlich völlig unterlegen und konnte meinen Fuß nicht befreien, so sehr ich das auch versuchte.

Ich wollte laut "Stopp!", "Bitte hör auf!", "Es tut mir alles weh!" brüllen, doch aus meinem Mund kam nur dieses quälende, schmerzhafte Lachen.

Als er endlich meinen Fuß losließ, rannte ich erschöpft in mein Zimmer und verstand die Welt nicht mehr. Wenn daran denke, kann ich heute noch diesen unerträglichen Schmerz (ja Schmerz!) auf meinen Fußsohlen spüren.

Eine liebe Freundin hat mir eine ähnliche Geschichte aus ihrer Kindheit erzählt. Ihre Mama lief ihr jeden Abend, kurz vor dem Schlafengehen nach und jagte sie spielerisch ins Bett, dann startete sie eine Kitzelattacke. Ihre Mutter lachte dabei Tränen. Meine Freundin vergoss die Tränen innerlich. Sie fühlte sich hilflos und hoffte, dass es diesmal nicht so lange andauern würde. Sie fragte sich als Kind, warum diese Kitzelattacken so schlimm für sie waren, wo ihre Mama so viel Spaß dabei hatte.

Ich kenne keinen einzigen Erwachsenen der es mag, gekitzelt zu werden.

Warum nehmen wir an, dass unsere Kinder an Kitzelattacken Spaß haben?

Weil unsere Kinder dabei lachen? Dieses "Lachen" beim Kitzeln, ist meist kein wohliges Lachen aus Freude, sondern ein Reflex in Form von unfreiwilligem Lachen, Schreien oder Zuckungen.

Die Kinder können nicht aufhören zu lachen, bevor die "Kitzelmaschine" sein Gekitzle endlich beendet. Obwohl sie dabei lachen, leiden sie meist dabei. Ich finde, es gleicht eindeutig einem Schmerzgefühl.

Außerdem fühlen sich unsere Kinder dabei völlig machtlos, denn wir Erwachsenen sind ihnen körperlich deutlich überlegen. Diese überwältigende Hilflosigkeit macht die Kinder oft wütend und/oder ängstlich.

Wenn wir unsere Kinder festhalten, sodass sie sich nicht befreien können, ist dies übergriffig, obwohl die Kinder dabei lachen.

Kitzeln wurde früher sogar als Folterwerkzeug eingesetzt

"Kitzeln als Folter überlebte bis ins Mittelalter und die Zeit des kolonialen Amerika, allerdings im Wesentlichen zur öffentlichen Demütigung. Der "Stock" war eine spezielle Form des Prangers, die entworfen wurde, um die nackten Füße des Opfers zu fixieren, damit Passanten die Fußsohlen kitzeln konnten. Zum Kitzelreiz selbst kommen nach längerer Zeit durch das Lachen und Bewegungsreflexe verursachte Lungen- und Muskelschmerzen." (Quelle Wikipedia)

Wissenschaftlich gesehen gibt es zwei Arten von Kitzeln:

  • Knismesis: ist ein sanftes Kitzeln, wenn jemand einem zum Beispiel sanft mit einer Feder über die Haut streicht. Hierbei müssen wir nicht lachen. Dagegen habe ich nichts einzuwenden.
  • Gargalesis: ist eine fast schmerzhafte Kitzelattacke.

Was können wir statt Kitzeln anbieten?

Wenn Kinder den Wunsch nach Kitzeln äußern, ist dies meist eine Strategie, um ihr Bedürfnis nach Körperkontakt zu erfüllen.

Mögliche Alternativen:

  • Für das Kind vorhersehbares und kurzes Kitzeln, zum Beispiel in mithilfe eines Liedes oder eines Reimes. Dabei achten wir sehr genau auf unser Kind. Wir hören sofort auf, wenn sich das Kind zurückzieht.
  • Wildes oder liebevolles Kuscheln
  • Eine liebevolle Rückenmassage
  • Das Kind ist die "Kitzelmaschine" und kitzelt uns

Ich hoffe, ich konnte euch mit meinem Artikel inspirieren, "Kitzelmaschine" einfach abzuschalten.

Text von Andrea Schiefer, ursprünglich erschienen auf herzensglueckskind.com

Lesenswert ist auch Andreas Beitrag über "14 Wege des Selbstbewusstsein eines Kindes zu stärken"

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Kommentare (2)

Kommentare (2)

  • GAST2030
    GAST2030
    Ein guter Artikel, der hoffentlich so manchem die Augen öffnet und welchen ich schon an mehrere Elternpaare weitergeleitet habe!
    Ich selbst bin traumatisiert und habe auch als Erwachsene bis heute schwer damit zu kämpfen, weil ich ,das' bei meiner Schwester mit ansehen und selbst erfahren musste!
    Mit 'das' meine ich körperliche Übergriffe (Festhalten, nicht aufhören), meistens von Männern die rückblickend bis heute nicht sehr feinfühlig und empathisch sind. Meiner Meinung nach potenziert sich in derartigen Situationen der Hang zum Sadismus und fehlende Reflektion sowie fehlendes Bewusstsein. Wenn man einmal begriffen hat, dass der Körper lediglich 'Fremdes, zu Bekämpfendes im engsten Sinne' meldet und damit das Nervensystem durchdreht, der sollte schnell den Spaß verlieren - vorausgesetzt man ist einigermaßen reflektiert & psychisch gesund. Danke für diesen Artikel!
  • ella
    ella
    Uhh, das erinnert mich an meine Kindheit, allerdings waren es nicht Erwachsene sondern meine große Schwester. Genau, man will am liebsten fliehen, schreien, das Ganze beenden und es geht nicht, weil man lachen MUSS. Brrr, gar nicht schön. Manchmal ging das direkt ins Heulen über.... Ich frage mich jetzt, ob ich das bei meinen eignen Kindern unterbinden soll oder darauf bauen, dass die Kleine der Großen schon beibringt, dass sie das lassen soll.

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