Hauptsache dünn?

Irgendwas ist ja immer: Entweder man ist gerade mal nicht zu dick und versucht, das zu bleiben. Oder man ist gerade mal wieder zu dick und versucht, das nicht zu bleiben. Alles dreht sich um Gewicht, Körperfettanteil, Body-Mass-Index. Sind wir eigentlich alle bescheuert?

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Es gibt Dinge, über die man nicht genauer nachdenken sollte, während man sie tut. Schuhe kaufen gehört in der Regel dazu. Und wenn einer auf dem Laufband anfängt, sich klar zu machen, womit er da gerade seine Zeit verbringt, kommt er sich schneller blöd vor, als er zwei Kalorien verbrannt hat.

Fettverbrennung. Wenn ich das schon höre. Wie beknackt muss man denn eigentlich sein, wenn man den einen Zivilisationsirrsinn "Mehr essen, als man soll" mit dem anderen "Sich bewegen, ohne voranzukommen" bekämpft? Nun ja, so beknackt wie zum Beispiel ...ich. Fettverbrennung. Mein größtes Hobby ist Fettverbrennung. Sie fragen nach meiner Freizeit? Es gibt Zeiten, in denen ich zunehme. Es gibt Zeiten, in denen ich abnehme. Ich habe keine Freizeit. Und Sie doch wahrscheinlich auch nicht, machen Sie mir doch nichts vor. Im Zweifelsfall gehören Sie nämlich zu den 41 Prozent der übergewichtigen deutschen Frauen. Sie Arme. Wohingegen ich, davon bin ich zutiefst überzeugt, ja bloß zu den Frauen gehöre, die sich nur für zu dick halten. Das sind, laut Studien, übrigens die allermeisten in Deutschland. Da haben wir also folgende Situation: Entweder Sie sind zu dick. Oder Sie sind nicht zu dick, halten sich aber für zu dick.

Man braucht keine repräsentativen Umfragen, um zu erkennen, dass die meisten von uns eine Vollmeise haben. Dazu genügt ein Blick in deutsche Buchhandlungen. Oder in heimische Bücherregale. In meins zum Beispiel. Dort parkt in zweiter Reihe - getarnt durch eine Goethe-Sonderausgabe und eine Fontane-Schmuckkassette - die "Für-immer-jung-schön-schlank-und-dasganz- ohne-Mühe"-Kollektion.

Ein Body-Mass-Index unter 17,5 ist die Voraussetzung für eine Karriere auf dem Laufsteg - und für die Einweisung in eine Klinik für Essgestörte. Das muss man sich mal bitte ganz kurz in Ruhe vorstellen: Die Frauen, die da bei Modeschauen am andächtigen Publikum vorbeischweben, beklatscht werden, bejubelt und beneidet, sind biologisch gesehen schwer krank. "Eine hoch bezahlte Anorexie" nennt Dr. Ursula Schwenkhagen das Modeldasein. Sie ist die Leiterin der Station für Essstörungen in der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Bad Bramstedt.

Sogar die Wahrnehmung der Expertin bleibt nicht verschont: Auf einem "Stern"- Titelbild zum Thema Magersucht war kürzlich eine von Dr. Schwenkhagens Patientinnen abgebildet. "Als ich das Bild sah, kam sie mir eigentlich gar nicht zu dünn vor", sagt die Psychologin. "Die Frau entsprach nämlich mit ihrem viel zu niedrigen BMI von 15,3 genau jenen Magermodels, die man üblicherweise auf Zeitschriften sieht." Das Kranke wird als ideal, das Normale als zu dick wahrgenommen.

Aber was, verdammt, ist normal? Gibt es so was wie normal überhaupt noch? Nein, normal ist vorbei. Keiner will "normal" aussehen, und keiner will "normal" sehen. Nicht umsonst heißt es, wenn über die "Dove"-Kampagnen, die normalgewichtige Frauen abbilden, gesprochen wird: "Ach ja, die Werbung mit den Dicken."

Vor 40 Jahren wog ein "Vogue"-Model acht Prozent weniger als eine Durchschnittsfrau. Heute sind es 23 Prozent. Selbst die Schaufensterpuppen haben heute zehn Zentimeter weniger Hüftumfang und fünf Zentimeter dünnere Oberschenkel als in den 20er Jahren.

Aber selbst die superdünnen Supermodel-Schenkelchen, die aussehen wie abgenagte Knochen von der Sorte, wie man sie häufiger in Wüstenlandschaften rumliegen sieht, sind oft noch nicht perfekt genug. "Auf Fotos werden selbst 15-jährigen Mädchen die Beine verlängert und die Taillen verjüngt", sagt Fotografin Gabo. "Ich habe mich lange gegen die digitale Bearbeitung meiner Bilder gewehrt. Aber wenn du auf dem Markt bestehen willst, musst du mit den Wölfen heulen. Sonst sehen deine unbearbeiteten Fotos neben lauter überarbeiteten in den Zeitschriften einfach total schlecht aus."

Ach, Mist, ich würde so gern wieder Sport machen statt Fettverbrennung, ich würde gern wieder essen, statt mich zu ernähren.

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  • Text: Ildikó von Kürthy
    BRIGITTE Heft 16/2006
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