Abnehmen
Warum Stress dick macht

Warum greifen wir immer zu Süßem, wenn es hektisch wird? Zum Beispiel weil das Gehirn es so will. Aktuelle Erkenntnisse, warum Stress dick macht.

  • 0 Kommentare
  •  
  •  

Foto: Marcus Butt/Ikon Images/Corbis

80 Prozent der Menschen verändern ihr Essverhalten, sobald sie unter Druck sind. Während existenzielle Ereignisse meist auf den Magen schlagen, veranlassen leichtere stressauslösende Faktoren uns dazu, mehr als nötig zu essen. Auf der Suche nach den Ursachen, warum Stress dick macht, werden die Forscher vor allem im Gehirn fündig, dort wo Hungersignale ent­stehen.

Erkenntnis 1: Das Belohnungssystem ist bei Übergewichtigen größer

Tatsächlich gibt es Unterschiede in den Köpfen von schlanken und dicken Menschen: Übergewichtige Frauen etwa reagieren bei jeder seelischen Belastung so, als hätten sie Hunger. Sie greifen gezielt zu Snacks und süßen Desserts, die sie beruhigen und ihren emotionalen Notstand beenden. Problematisch dabei: Wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, Essen als Wohlfühl-­Katalysator einzusetzen, programmiert sein Essverhalten um und kann bald nicht mehr anders.

Weitere Unterschiede im Verhalten von normal-­ und über­gewichtigen Frauen konnten Wissenschaftler am Max­-Planck­-Institut für Kognitions-­ und Neurowissenschaften in Leipzig nachweisen. Bei einem PC­-Kartenspiel, bei dem Kartenstapel mit unterschiedlichen Erfolgs­- und Risiko­-Aussichten gewählt werden konnten, kam heraus: Übergewichtige Frauen bevor­zugten den Stapel, der einen Sofortgewinn versprach, verbun­den allerdings mit einem hohen Langzeitrisiko. "Ihnen ist die schnelle Belohnung wichtiger, mögliche negative Folgen stehen dabei im Hintergrund", sagt die Neurobiologin und Leiterin der Studie Annette Horstmann. "Schlanke Frauen agieren um­gekehrt, wollen langfristige negative Konsequenzen vermeiden und verzichten dafür auf den kurzfristigen Spaß."

Die Leipziger Forscher entdeckten parallel dazu Unterschie­de im Gehirn der Frauen: Das Belohnungssystem war bei den Übergewichtigen größer als bei Normalgewichtigen, die Hirn­-Areale, die für die Selbstkontrolle zuständig sind, waren kleiner. "Die Übergewichtigen haben aber nicht etwa weniger Hirnsubstanz, sondern ihr Gehirn arbeitet wahrscheinlich anders als bei Normalgewichtigen", erläutert Annette Horstmann. Die Folgen: Dicke Frauen erliegen schnell der Lust nach dem nächsten Belohnungs-Snack.

Erschwerend kommt dazu, dass unser Gehirn heute regelrecht überfordert wird: Essen ist jederzeit verfügbar – und wir greifen gern zu, auch ohne Hunger. "Die ursprüngliche Aufgabe des Gehirns, uns vor dem Verhungern zu bewahren, wurde praktisch überschrieben“, sagt der Tübinger Neuro- wissenschaftler Hubert Preißl, "das Sagen haben Regelkreise im Gehirn, die uns suggerieren: Wenn du jetzt noch etwas mehr isst, fühlst du dich besonders gut." Sich dem zu widersetzen, schafft nicht jeder.

Das Ganze wird umso bizarrer, da man Stress – physiologisch betrachtet – gar nicht wegessen kann. So lassen kohlenhydratreiche Mahlzeiten den Stresshormonspiegel im Blut sogar ansteigen. Dass wir uns nach einem Teller Spaghetti trotzdem entspannter fühlen, hängt offenbar mit dem "Glückshormon" Serotonin zusammen, das durch einen Kohlenhydrate-Schub angekurbelt wird. Dennoch ist Essen eine gute Idee, wenn man ständig unter Strom steht. Denn dann braucht der Körper mehr Magnesium und antioxidative Vitamine. Die Ernährungswissenschaftlerin Ingrid Kiefer empfiehlt, auf eine gute Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen zu achten, nicht an Kohlenhydraten zu sparen und bei Eiweiß lieber etwas zu bremsen.

Am besten wäre es, sein "fehlprogrammiertes" Gehirn umzuerziehen. Doch jede strenge Diät würde erneut Druck bedeuten und das Belohnungssystem aktivieren. "Man muss lernen, bewusst mit Nahrungsmitteln umzugehen, um eine gewisse Kontrolle über sein Verhalten zu bekommen", rät Neurowissenschaftler Hubert Preißl. Gegen Süß- und Heißhunger können Entspannungstechniken, Meditation und Sport helfen.

Erkenntnis 2: Die Energieversorgung des Gehirns ist gestört

Dass wir uns einfach nicht beherrschen können und stressige Momente mit Pizza und Schokolade bekämpfen, liegt laut Professor Dr. Achim Peters von der Universitätsklinik Lübeck "an einer falsch programmierten Energieverwaltung im Gehirn". Mit seinem Team aus Hirnforschern, Psychiatern und Naturwissenschaftlern hat der Internist mehr als 300 Normal- und Übergewichtige untersucht. Die Forscher maßen während verschiedener Belastungssituationen die Energieversorgung im Gehirn im Vergleich zum restlichen Körper. Sie konnten zeigen, dass das Gehirn sich immer zuerst mit Energie versorgt, bevor es den Muskeln, Organen oder dem Fettgewebe etwas abgibt. Unsere Denkfabrik im Kopf macht zwar nur zwei Prozent unseres Körpergewichts aus, benötigt aber 50 Prozent des täglichen Glukosebedarfs.

In seinem Buch Das egoistische Gehirn fasst Peters seine Erkenntnisse zusammen, erklärt die Zusammenhänge von Stress, Übergewicht und Emotionen und belegt, warum das Gehirn der Schlüssel für erfolgreiche Therapien sein kann. Denn ist die Energieversorgung des Gehirns gestört, kommt es zu einem Stau in der Lieferkette, sagt Achim Peters. "Es gelingt dem Gehirn nicht, ausreichend Energie aus dem Körper anzufordern. Es gleicht die Unterversorgung aus, indem es über ein System aus Botenstoffen den Appetit stimuliert." Fazit: Wir essen mehr, als uns gut tut, können an Adipositas (Fettsucht) und Diabetes erkranken.

An der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lübeck soll mit einem Abnehmprogramm erreicht werden, die Energieverteilung zwischen dem Gehirn und dem Körper zu optimieren. Dieses Konzept rückt unsere Reaktionen in Stresssituationen in den Mittelpunkt. Denn bei Stress fordert unser Gehirn sogar 90 Prozent Glukose aus dem Körper an. "Wir sind zuversichtlich, dass es durch Verhaltenstraining möglich ist, das Gehirn so umzuprogrammieren. Damit würde es seine Energie wieder verstärkt aus den Energiedepots ziehen und uns nicht ständig zu übermäßigem Essen verführen", so Achim Peters.

Für alle, die gern abnehmen möchten, aber eine Diät nur schwer durchhalten, bedeutet dies: Sie sollten das eigene Verhalten in Stresssituationen unter die Lupe nehmen und Strategien entwickeln, mit dem Stress umzugehen. Zum Beispiel im Job nicht alles runterschlucken, sondern die Konfrontation oder ein klärendes Gespräch suchen; sich nach der Arbeit nicht mit Süßem, sondern mit einem Kinobesuch belohnen oder einfach nette Leute treffen.

Erkenntnis 3: Darm-Bakterien sorgen für Extra-Pfunde

Als Ursache für Übergewicht rückt auch der Darm in den Fokus der Forscher. Genauer: seine Bakterienbesiedelung. Auf einer gesunden Darmschleimhaut leben Billionen von Bakterien. Sie produzieren Vitamine und fungieren als Abwehrstoffe gegen Krankheitserreger. Und sie bestimmen, ob wir dick oder dünn sind.

Neuere Untersuchungen zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen Adipositas und einer veränderten Darmflora gibt. "Bei Menschen mit normalem Körpergewicht überwiegen Bakterien aus der Gruppe der Bacteroidetes im Darm. Bei Adipösen setzt sich die Bakteriengruppe der Firmicutes stärker durch und nimmt um etwa 20 Prozent zu", sagt Professor Dr. Stephan C. Bischoff von der Uni Hohenheim. "Die veränderte Bakterienpopulation bei Übergewichtigen produziert mehr Enzyme, die in der Lage sind, auch unverdauliche Nahrungsbestandteil wie Cellulose zu spalten und sie in Kalorien umzuwandeln." Damit nicht genug: Es werden zunehmend Bakteriengene aktiviert, die die Aufspaltung und Nutzung von Kohlenhydraten noch fördern. Bischoff: "Das bedeutet, dass etwa ein Zehntel der gesamten Kalorienzufuhr noch zusätzlich zur Verfügung steht und in Fettdepots gespeichert werden kann."

Was lässt sich dagegen tun? Wir können die "schlank machenden" Bakterien im Darm selbst anzüchten. Der beste Weg hierfür sind weniger Kohlenhydrate aus Brot, Nudeln und Kartoffeln essen, dafür viel frisches Obst und Gemüse. Kalorienzählen allein hilft hier jedenfalls nicht. Und eine Kapsel zum Schlucken, gefüllt mit den Bakterien des Stammes Bacteroides, die die Dickmacher in unserem Darm verdrängen, gibt es bisher nicht.

  • Text: Susanne Gerlach/Katja Töpfer
  • 0 Kommentare
  •  
  •  
Sie interessieren sich für unsere Themen? Kostenlosen Newsletter bestellen

BRIGITTE im Abo

Jetzt bis zu 30% sparen
und Geschenk sichern