Ernährung
Der Experte warnt: "Vegan ist riskant!"

Vegan zu essen schont die Umwelt und die Tiere - und ist gerade deshalb ziemlich angesagt. Ernährungsexperte Prof. Dr. Helmut Heseker sieht den Trend kritisch.

Wie riskant ist vegane Ernährung?

Wie riskant ist vegane Ernährung?

Foto: LukaM/shutterstock

BRIGITTE: Herr Prof. Heseker, ist es eigentlich gesund, vegan zu essen - also ganz auf Fleisch, Milchprodukte und Eier zu verzichten?

Prof. Dr. Helmut Heseker: Nein, die vegane Ernährung ist eine einseitige Mangelernährung – wenn sie nicht sorgfältig geplant und gestaltet wird. Man braucht sehr gute Lebensmittel-Kenntnisse, um gesundheitliche Schäden zu vermeiden, und muss bereit sein, regelmäßig und konsequent Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen.

Wie viel Wissen ist denn nötig, um es richtig zu machen?

Ein Überdurchschnittliches. Die meisten Veganer wissen eine Menge, aber es gibt auch Dogmatiker unter ihnen, die einseitig essen, sich da regelrecht hineinsteigern und immer mehr weglassen. Und dann sind da noch die sogenannten "Pudding"-Veganer, die zwar auf Fleisch, Eier und Milch verzichten, aber nicht wirklich abwechslungsreich essen, sondern viele Süßigkeiten und Fertiggerichte. Beide Gruppen ernähren sich nicht gesund. Ein weiteres Problem ist, dass so mancher Veganer Schwierigkeiten hat, konsequent mit Nahrungsergänzungsmitteln auszugleichen, was fehlt.

"Der Mensch braucht einfach Vitamin B12"

PROF. DR. HELMUT HESEKER

arbeitet als Ernährungswissenschaftler am Institut für Ernährung, Konsum und Gesundheit der Universität Paderborn. Seit 2010 ist er außerdem Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. – der wichtigsten
Fachgesellschaft für Ernährungsfragen.

Studien zeigen, dass Veganer weniger Gewichtsprobleme und ein geringeres Risiko haben, an Diabetes, Stoffwechselstörungen und Herz-Kreislauf-Krankheiten zu erkranken.

Es ist in Studien schwer zu trennen, welchen Einfluss die vegane Ernährung hat und welchen der vegane Lebensstil. Veganer rauchen weniger, trinken weniger Alkohol, bewegen und entspannen sich regelmäßig. Sie leben also deutlich gesünder als die meisten Deutschen. Sie essen außerdem in der Regel viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte und keine gesättigten tierischen Fette – was durchaus förderlich für die Gesundheit ist. Vergleicht man allerdings isoliert die vegane Kost mit einer ausgewogenen Mischkost, dann hat die vegane Ernährung mehr Nachteile.

Welche denn?

Viele Veganer entwickeln Mangelerscheinungen. Professor Claus Leitzmann von der Universität Gießen hat einige Studien dazu durchgeführt. Am stärksten betroffen ist Vitamin B12, das gar nicht in pflanzlichen Lebensmitteln vorkommt. Auch die Versorgung mit Jod und mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Eisen und Kalzium ist oft ein Problem. Einige Veganer wollen nicht hinnehmen, dass eine rein pflanzliche Ernährung ein Risiko für den Menschen sein kann. Fakt ist aber: Die Natur hat es so eingerichtet, dass der Mensch ohne Vitamin B12 nicht auskommt. Und das gibt es eben nur in Lebensmitteln tierischen Ursprungs.

Das heißt, wir brauchen tierisches Essen, um gesund zu sein?

Es ist definitiv besser für uns – Milch, Milchprodukte und Eier sind allerdings ausreichend, es muss kein Fleisch sein. Deswegen ist eine vegetarische Ernährung im Gegensatz zur veganen Ernährung kaum riskant und durchaus als Dauerkost geeignet. Der Vorteil einer ausgewogenen Mischkost mit wenig Fleisch, wie sie die DGE empfiehlt: Es sind alle Nährstoffe enthalten, das heißt, man muss sich um seine Ernährung keine großen Gedanken machen. Abwechslungsreich bedeutet dabei nicht, zum Bäcker zu gehen und alle Teilchen zu probieren, sondern alle Lebensmittelgruppen abzudecken, also viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukte, Milch und Milchprodukte in Maßen, wenig Fleisch, Fisch und Eier, Öle und Fette. Jedes Weglassen einer Lebensmittelgruppe bringt die Gefahr einer Einseitigkeit mit sich, und man muss sich gut überlegen, wie man das kompensieren kann.

"Kinder vegan zu ernähren, ist absolut tabu"

Woran erkenne ich denn, ob ich einen Nährstoffmangel habe?

Ein Vitamin-B12-Mangel kann zu einer Blutarmut führen, der sogenannten perniziösen Anämie. Diese äußert sich häufig durch neuronale Symptome wie Taubheitsgefühle oder Lähmungen und kann dauerhafte Schäden des Rückenmarks zur Folge haben. Sollte man sein Blut regelmäßig untersuchen lassen, um das zu vermeiden? Wenn man konsequent Vitamin B12 einnimmt, Jodsalz im Haushalt verwendet und kalziumreiches Mineralwasser trinkt, ist es nicht unbedingt nötig. Aber wenn jemand meint, dass er seine Vitamin-B12-Versorgung allein mit milchsauren Gurken, Algen und Sauerkraut hinbekommt, dann ist auf jeden Fall eine Blutuntersuchung angezeigt. Auch eine Kontrolle des Eisenwertes, das individuell sehr unterschiedlich verwertet wird, ist sinnvoll. Indizien für Eisenmangel sind zum Beispiel Müdigkeit, spröde Haare und trockene Haut.

Vegan lebende Eltern ernähren oft die ganze Familie ohne tierische Lebensmittel. Was bedeutet das für Kinder?

Eltern sollten ihre Kinder nicht mit veganer Ernährung malträtieren. Ich höre immer wieder von Kinderärzten, dass Kinder vorgestellt werden, die vegan ernährt wurden und hinsichtlich Körpergröße und Gewicht unter der Norm liegen. Auch für Jugendliche, schwangere und stillende Frauen ist eine rein pflanzliche Ernährung auf keinen Fall zu empfehlen.

Was genau ist so problematisch?

Neben Vitamin B12 ist auch die Versorgung mit Jod und einigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren kritisch, die wir dringend für die Hirnentwicklung brauchen. Studien haben gezeigt, dass ein Mangel in frühen Entwicklungsphasen zu Entwicklungsstörungen und einer verminderten Intelligenz führen kann. Das ist später nicht mehr zu kompensieren. Das geringere Körperlängenwachstum ist unter anderem eine Folge von zu wenig Eiweiß und Kalorien.

Eiweiß gibt es doch auch in pflanzlichen Lebensmitteln ...

Ja, aber tierisches Eiweiß hat eine höhere biologische Wertigkeit, das heißt, es besitzt mehr essenzielle Aminosäuren, die der Körper für die Funktion von Muskeln, Blut und Zellen braucht. Man kann zwar geschickt pflanzliche Proteine kombinieren, zum Beispiel, indem man Hülsenfrüchte oder Soja mit Vollkornprodukten isst. Aber dazu muss man sich eben sehr gut auskennen.

"Je einseitiger etwas wird, desto mehr Kenntnisse braucht man"

Vor allem ethische Gründe halten einige Menschen davon ab, tierische Produkte zu essen: Massentierhaltung und Umweltschutz zum Beispiel. Was sagen Sie denen, die einfach keine Eier oder Milch herunterbekommen?

Wir empfehlen zwar ausdrücklich nicht, sich rein pflanzlich zu ernähren, aber wir geben Veganern Empfehlungen an die Hand, wie sie eine vegane Ernährung mit Supplementen umsetzen können, um Nährstoffdefizite zu vermeiden. Dazu gibt die DGE demnächst ein Positionspapier heraus. Zum Umweltaspekt: Ein hoher Fleischkonsum ist ungünstig, ganz klar. Die DGE empfiehlt daher lediglich 300 bis 600 Gramm Fleisch – und zwar pro Woche. Tatsächlich aber essen die Deutschen durchschnittlich das Doppelte dieser Menge! Wenn wir dorthin kämen, weniger Fleisch zu verzehren, wären wir umweltpolitisch deutlich weiter.

Gesundheitlich auch ...

Das stimmt. Ein hoher Fleischkonsum, das zeigen viele Studien, ist assoziiert mit einer höheren Energieaufnahme, sprich: zu vielen Kalorien. Das Fleisch, das heute produziert wird, hat zwar nur noch fünf Prozent Fett, es schmeckt aber häufig gar nicht mehr besonders lecker. Der Verbraucher bereitet es also schmackhafter zu. Er paniert es, legt Kräuterbutter drauf oder kocht eine Sahnesoße dazu. Der zweite Punkt ist, dass vor allem rotes Fleisch und daraus hergestellte Wurst oder Fleischwaren mit einem höheren Dickdarmkrebsrisiko verbunden sind.

Also doch lieber vegetarisch essen?

Nein, es ist einfacher, mit etwas Fisch und Fleisch eine ausgewogene Ernährung hinzubekommen, am bestem mit weißem Fleisch. Je einseitiger etwas wird, desto mehr Lebensmittelkenntnisse braucht man, und desto mehr muss man über sein Essen nachdenken. Aber eine gut gemachte vegetarische Ernährung kann auch ein Weg sein.

Und was ist mit Fleischersatzprodukten wie Sojaschnitzel oder Seitanwurst?

In den Supermärkten liegt inzwischen eine breite Auswahl an industriell verarbeiteten, pflanzlichen Convenienceprodukten. Viele dieser hochverarbeiteten veganen Ersatzprodukte enthalten eine hohe Anzahl an Zusatzstoffen. Mit natürlichen Lebensmitteln hat das nichts zu tun.

  • Artikel vom 15.03.2016
    Interview: Daniela Stohn
    BRIGITTE 5/2016

Bestelle jetzt unseren kostenlosen Newsletter

Meistgesehen
Videos zum Thema