Körpergewicht
Ich will endlich zunehmen!

Ein paar Kilo zu verlieren, das wünschen sich viele. Diese Frauen nicht: Sie wollen zunehmen. Sie tragen Kleidergröße 34 - und müssen darauf achten, nicht noch dünner zu werden.

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Julia Bevensee, 154 cm, 43 kg, fühlt sich schon lange nicht mehr als halbe Portion.

Julia Bevensee, 154 cm, 43 kg, fühlt sich schon lange nicht mehr als halbe Portion.

Julia Bevensee ist auf Diät: Zum Frühstück gibt's deswegen reichhaltig belegte Brötchen - mindestens zwei -, mittags Pizza mit extra viel Käse, abends dann Spaghetti Bolognese und zwischendurch jede Menge Süßes. Denn Julia Bevensee hat einen großen Wunsch: endlich drei Kilo zuzunehmen. Für sie bedeutet Diät machen nicht, weniger Kalorien zu sich zu nehmen, sondern mehr. Die 27-jährige Friseurin wiegt bei 1,54 cm Körpergröße nur 43 Kilo. Sehr wenig also. Sie ist kerngesund, aber ziemlich dünn und gehört damit zu einer kleinen Minderheit. Manchmal macht sie das sogar zur Außenseiterin. Wenn ihre Freundinnen und Kolleginnen über ihr Gewicht reden, gibt es nur ein Thema: die besten Methoden, um abzunehmen. "Zunehmen wollen, das klingt wie ein Luxusproblem", sagt Ulrike Schöttler. Auch die 49-jährige Hamburgerin ist leicht - 54 Kilo auf 1,84 Meter - und muss ständig darauf achten, nicht noch leichter zu werden. Sie lebt allein, isst gern gut und bereitet sich regelmäßig warme Mahlzeiten zu, "worüber meine Single-Freundinnen alle ziemlich erstaunt sind, die haben keine Lust zu kochen". Trotzdem nimmt sie kein Gramm zu. Über ihre Gewichtsprobleme spricht Ulrike Schöttler mit den Freundinnen nicht mehr. Dabei ist sie ein geselliger Typ und hat das Thema Kommunikation schon seit vielen Jahren zu ihrem Beruf gemacht: Sie organisiert via Internet Treffen von Menschen, die einander etwas zu sagen haben, beruflich oder privat.

Davon träume ich seit langem - einmal unter anderen dünnen Frauen zu sein.

Über ihre Website hat sie eine Gruppe für dünne Frauen aufgebaut, die viel Zuspruch erhält: "Davon träume ich, fast solange ich auf der Welt bin - einmal unter anderen dünnen Frauen zu sein; einfach ganz normal sein, ohne die üblichen Sprüche, das gibt ein ganz anderes Lebensgefühl!" Das erste Treffen fand Ende September in Hamburg statt. Die Frauen waren sich schnell einig, wie sehr es nervt, ständig gesagt zu bekommen, man solle "doch mal was essen". Auch wenn's gut gemeint ist. Und weil alle dünnen Frauen Probleme mit Kleidung von der Stange haben, war beim zweiten Dünne-Frauen-Treffen Ende Oktober ein Maßatelier zu Gast. Ulrike Schöttler: "Es gibt nun mal einen Unterschied ob man groß und dünn ist oder klein und dünn. Große, dünne Frauen fallen deutlich mehr auf als kleine dünne." Gemeinsam ist man stärker. Deshalb ist das Bedürfnis da, sich untereinander zu vernetzen. So ist auf Initiative einer BRIGITTE-Leserin inzwischen eine Dünne-Frauen-Gruppe bei facebook entstanden.

"Deine Sorgen möchte ich haben" oder "Dann iss doch einfach mal was", das sind die beiden Standardreaktionen, die Jana Andreck am liebsten nie wieder zu hören bekommen möchte. Bereits im Alter von fünf Jahren wurde die Berlinerin von Ärzten zu mehrwöchigen Kuren an die Ostsee geschickt, weil sie so schmal und blass war. Sie bekam dort fade Mehlsuppen, legte fünf Kilo zu, die sie zu Hause sofort wieder abnahm. Gelitten hat auch sie vor allem unter ihrem Umfeld: Auf dem Schulhof wurde sie gehänselt, im Ferienlager hängte man ihr einen Zettel "Keiner spielt mit Knochenkalle" an die Zimmertür. "Ich bekam dadurch ein ziemlich mieses Selbstwertgefühl", erzählt Andreck, "und fand meinen Körper nur noch ätzend." In der Pubertät spitzte die Krise sich zu. Sie trank Cola, so viel sie konnte, genehmigte sich Schokolade und Currywurst. Nichts brachte die ersehnten zusätzlichen Pfunde. Stattdessen futterte sie sich schlechte Blutzuckerwerte an. "Irgendwann merkte ich dann: So geht es nicht. Du musst akzeptieren, dass du dünn bist", sagt sie.

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  • Text: Anne Otto
    Fotos: Brita Sönnichsen
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