Serie Kolumne: Anke turnt

Sportpause - Anke hat schlechte Laune!

Anke ist krank. Sie darf nicht trainieren und ist genervt von der Zwangspause. Da sollte unser Kolumnist Timur Vermes doch eigentlich etwas partnerschaftliches Einfühlungsvermögen an den Tag legen...

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"Schon drei Tage kein Sport", krächzt es neben mir. Ich gucke auf den Wecker. Es ist halb sieben. Dann drehe ich mich auf die andere Seite. Neben mir lugt eine rotzrote Nase über ein Wollgebirge von Schal, schaut mich genervt an und sagt nochmals "Drei Tage!" Vorwurfsvoll. Ich hatte auf eine Wunderheilung gehofft. Ist aber nicht eingetreten. Also ist es Zeit für den Monolog.

"Isch bim schom gamz umauschgeglischem", nuschelt der Schal. Ich bin schon ganz unausgeglichen, heißt das. Am ersten Tag hab ich noch "Bitte?" gefragt, heute weiß ich, dass die Anke, die ja beruflich eine sitzende Tätigkeit ausübt, Sport als Ausgleich betrachtet und dementsprechend mit diesem verrauschten Worten beklagt, dass sie nach drei Tagen ohne Sport sich seelisch beeinträchtigt fühlt.

"Tjaja", sag ich, "so geht's." Ich gebe zu, das ist nicht sehr sensibel, aber sensibel bringt's jetzt auch nicht mehr. Sensibel hab ich schon oft genug probiert. Ich habe schon an der Stirn von der Anke gefühlt und gesagt: "Du meine Güte, du gehörst ins Bett!" Oder: "Du rennst mir jetzt nicht da draußen durch den Regen!" Aber das ist, als rede man direkt an eine Wand. Ich hab auch schon "bedauernd" versucht. Und "ermutigend". Sogar einmal "aufheiternd", da hatten wir gerade die Verhütungsmethode gewechselt, und ich hab gesagt: "Oje, ich glaub, die haben dir eine Heizspirale eingesetzt." Aber das hilft alles nichts, da kann man genauso gut sagen: "Tjaja, so geht's."

"Ich muss doch wieder Sport machen", gurgelt die Anke wehleidig aus ihrem Schal. "Wenn ich vielleicht heute morgen nicht laufe, sondern erst abends?"
"Oder nachts" murmle ich leise.
"Was meinst du?"
"Dass morgens früh um eins in deinem Zustand auch eine ganz ausgezeichnete Option wäre."
"Arsch!"

Das könnte jetzt auch ein Niesen gewesen sein, aber ich glaube, es war eine sehr kurz gefasste Kritik an meinem mangelhaften Einfühlungsvermögen. Dabei weiß ich selbstverständlich, was in der Anke los ist. Ich bin ja nicht doof. Die Anke denkt, dass sie sich in zwei Jahren jetzt einen ansehnlichen Körper antrainiert hat, und wenn man den nicht täglich nachformt, dann sieht sie ruckzuck aus wie ein alter Schwamm.

Das ist irgendwie so wie beim Finanzminister Steinbrück und der Hypo Real Estate: Da hat er jetzt jede Menge Milliarden hineingestopft, aber wenn er nicht täglich noch mehr Milliarden reinpresst, dann geht alles wieder kaputt. Die Anke fängt jetzt neben mir an, ihren Körper zu begutachten und zu begrapschen. "Ich bin schon ganz schlaff", befindet sie erschüttert. Dabei ist genau das jetzt ganz falsch. Das ist nämlich jene Hysterie und Panik, vor der Sport- und Wirtschaftsexperten derzeit immer warnen.

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  • Text: Timur Vermes
    Foto: Getty Images
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