Wassersport
Schwimmen lernen - diesmal richtig

Noch mal schwimmen lernen - das wäre nicht schlecht, dachte sich Balance-Autorin Sina Teigelkötter. Nicht, dass sie im Wasser unterginge. Aber schwimmen und kraulen ist ja nicht unbedingt das Gleiche.

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Manche Sätze vergisst man nie. "Du schwimmst zwar schön, aber nicht schnell genug" ist so ein Satz. Vielleicht hätte ich ihn doch noch vergessen, wenn nicht kurz darauf meine Nase auf äußerst schmerzhafte Weise Bekanntschaft mit dem Beckenrand gemacht hätte - kurzsichtig, wie ich war, hatte ich übersehen, dass ein Ende der Kraulbahn nicht nur in Sicht, sondern längst erreicht war. Und so fand die kaum gestartete Schulmannschafts-Karriere ein rasches, blutiges und enttäuschendes Ende. Unnötig zu erwähnen, dass ein uncharmanter Schwimmlehrer das damals weniger bedauerlich fand.

Heute suche ich mir aus, von wem ich mir im Schwimmbad etwas sagen lasse. Dass ich mir überhaupt wieder etwas sagen lassen will, habe ich vor kurzem beschlossen. Schluss machen will ich mit Brustschwimmen im Zeitlupentempo, verkrampften Nackenmuskeln und mühsamen Selbstversuchen. Statt dessen: richtig kraulen lernen. Endlich möchte ich schön UND schnell schwimmen können. Darum steht jetzt Frank am Beckenrand. Er war Profischwimmer und ist nun Personal-Coach. Zwei Stunden ist er heute ganz allein für mich da - und muss mich erst mal beruhigen: "Das kriegen wir wieder hin. Ich hab schon ganz andere zum Kraulen gebracht." Ein Blick in seine blauen Paul-Newman-Augen, und ich glaube das sofort.

Zug für Zug

Doch Frank bremst mich auch gleich wieder: Beim Kraulen komme es nicht darauf an, möglichst schnell nach vorn zu preschen. Im Gegenteil: Wer die Bewegungen langsam, aber sorgfältig und jeden einzelnen Zug bis zum Ende ausführe, komme letztlich weiter als mit hektischen Arm- und Beinschlägen. Hab's doch immer schon gewusst: In der Ruhe liegt die Kraft, besonders im Wasser.

Also - Bauch rein, Brust raus und die Arme so bewegen, wie Frank es am Beckenrand vormacht: mit den Fingerspitzen voraus den gestreckten Arm ins Wasser tauchen und sich ganz weit im Wasser voranziehen. Dann, am weitesten Punkt, die Hand drehen - der Daumen zeigt nun nach oben - und mit ihrer Innenfläche das Wasser vom Körper bis zum Oberschenkelansatz wegdrücken. Ein bisschen viel Technik auf einmal, finde ich. Aber schon ist Frank zur Stelle, stellt sich hinter mich und führt meine Arme dahin, wo sie eigentlich hin sollten. Von draußen muss das hier wie Wasser-Tango aussehen. So fühlt es sich zumindest an.

Körperkontakt halten

Nach ein paar Versuchen habe ich meine Arme unter Kontrolle und meinen Hauptfehler erkannt: Es geht nicht darum, die Arme möglichst schnell von mir wegzuschleudern, sondern sie möglichst eng am Körper entlanggleiten zu lassen. Zu den kleinen, aber wirkungsvollen Tricks gehört auch, sich beim Armwechsel in den Schultern und nicht etwa in der Hüfte zu drehen. Muss man alles erst mal wissen, wusste ich aber nicht. Nun schwimmt es sich zwar noch nicht wie von allein, aber wesentlich bewusster und Kraft sparender.

Mal richtig Luftholen

Plötzlich wird mir leicht schwummrig: Ich habe das Atmen vergessen. Nach jedem dritten Zug sollte der Kopf aus dem Wasser - aber bitte nicht zu weit, und nicht einfach hochheben, sondern unter dem gebeugten Ellbogen zur Seite drehen. Seine Ideallinie hat man, wenn der Kopf flach auf der Wasseroberfläche liegt und die Stirn dabei nach unten zeigt. Tief Luftholen, wieder ins Wasser zurückdrehen - und restlos alles ausatmen. Sonst droht nach einigen Bahnen ein Kreislaufkollaps, um den ich zum Glück noch einmal herumgekommen bin.

Ich mach mir Beine

Die obere Körperhälfte liegt nun schön waagerecht, nahezu stromlinienförmig im Wasser. Aber was machen eigentlich die Beine? "Nicht viel", sagt Frank, "die Oberschenkel sogar gar nichts. Es reicht, die gestreckten Unterschenkel abwechselnd leicht auf- und abzuschlagen, und zwar im doppelten Armtempo." Lachen und etwas Wasser schlucken muss ich, als Frank erzählt, dass manch angehender Krauler durch übertriebene Beinarbeit sogar schon rückwärts geschwommen ist. Mein Durchschnittstempo lässt sich also durchaus noch unterbieten.

Auf die Langstrecke

Übung macht die Schwimm-Meisterin, also los, noch ein paar Bahnen. "Mach dich länger", höre ich Frank beim ersten Luftschnappen gedämpft durch die Badekappe. "Noch länger", ruft er beim zweiten Mal, "atmen … noch viel, viel länger" beim dritten. "Streck deine Finger, so, als ob du Luftballons zum Platzen bringen wolltest." Ich gebe mir redlich Mühe, aber nicht alle platzen auf Anhieb, sind wohl auch ein paar kleine Wasserbomben dabei. Trotzdem habe ich ähnlich viel Spaß wie bei einem Kindergeburtstag, und das ist eigentlich das Erstaunlichste.

Um wirklich gut und routiniert zu kraulen, bräuchte ich etwa noch fünf Stunden Gruppenschwimmunterricht, sagt mir Frank nach unserer Einzelstunde. Einiges werde ich mir noch abgewöhnen müssen. Etwa beim Schwimmen aus Vorsicht die Augen zu schließen, obwohl ich doch eine perfekt sitzende Brille trage. Und schnell schwimme ich leider immer noch nicht. Aber irgendwie macht mir das nun nichts mehr aus. Falls also eine Schwimm-Mannschaft gerade kraulende Verstärkung mit Potenzial suchen sollte: Für ein Comeback stehe ich bereit. Ab sofort.

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  • Text: Sina Teigelkötter
    Fotos: Nele Martensen
    BRIGITTE Balance 01/2006
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