Sein Angriff war heimtückisch und kam gänzlich unerwartet: eine Beingrätsche von links, gefolgt von einer angetäuschten Rechtsdrehung, die im letzten Moment in einen Linksschwenk verwandelt wurde und in einem verwirrenden Hüftschlenker endete. Meine Chancen waren ungefähr so groß wie die einer Mücke bei Platzregen. Also: gleich null. "Da! Siehst du!" Der Triumphschrei meines Freundes übertönte die romantisch schnalzenden Violinen des Kaiserwalzers. "Du bist schon wieder nicht im Rhythmus!" Ich antwortete nicht. Manche Niederlagen erträgt man besser schweigend. Außerdem war uns beiden klar: Die nächste Runde würde sowieso an mich gehen. Nach dem Wiener Walzer war ein Discofox angekündigt. Ich grinste im Stillen: Ein unverhoffter Kick mit meinem rechten Spielbein kurz vor der gemeinsamen Auswärtsdrehung würde ihn quasi neben-bei aus dem Takt werfen...
Wie bitte? Was rufen Sie da entrüstet vom Parkettrand? Beim Tanzen gehe es doch um ganz was anderes? Um Harmonie und Herrlichkeit, Pailletten und Poesie? Ums selige Verschmelzen im Dreivierteltakt? Um "Komm, Liebling, tanz mit mir in den Morgen"? Alles Quatsch. Tanz und Harmonie? Da kringelt sich doch die Ballkleidschärpe! Nach knapp 15 durchtanzten Jahren bin ich überzeugt: "Dirty Dancing" mag unsere Träume beherrschen - die Wirklichkeit sieht anders aus. Haarsträubend anders. Ich spreche aus Erfahrung: Standard I und II, einmal Latin für Anfänger, ein Wochenend-Crashkurs für Hochzeitsgäste, diverse Faschings-, Abi-, Hochzeits- und Firmenbälle. Mein Fazit: Paartanz ist Nahkampf. Mit härtesten Mitteln. Es geht um Raum, um Rhythmus, um Führung. Die Waffen: physikalisch bis psychologisch. Die Regeln: nicht existent. Der Ausgang: ungewiss. Und dadurch natürlich bei jedem Partner von neuem spannend.
Zum Beispiel bei Martin aus meinem Mittelstufentanzkurs, einem eiserner Verfechter des Judo-Grundsatzes "Siegen durch Nachgeben": Nie symbolisierte ein einziger Händedruck deutlicher die butterweiche Unentschlossenheit der Generation Golf, nie endeten Schritte und Drehungen zielgerichteter im Nichts, nie erstarrte ein Paar nach angstverschwitzten zehn Minuten eindrucksvoller in salzsäulenhafter Bewegungslosigkeit. Durch Martin wurde ich förmlich dazu gezwungen, mit althergebrachten Hierarchien zu brechen und unter den entsetzten Blicken des Tanzlehrers die Führung an mich zu reißen. Ach, Wiener Walzer kann so wunderbar sein, wenn man selber das Tempo vorgibt! Der Tanz mit Martin wurde denn auch zu meinem ersten triumphalen Sieg - und zum Beginn einer wundervollen Tanzkarriere.
Die Begegnung mit Flo, einige Jahre später, gestaltete sich weniger beglückend: Der Tango, den wir auf unserem Abiball tanzten, erinnerte mich an einen verbissenen Sumo-Ringkampf; ein energieraubendes Drücken und Schieben gen Saalwand unter Einsatz diverser Schleuder- und Wurftechniken - leider nur durch Flo. Der machte seinem Namen nämlich überhaupt keine Ehre, sondern überragte mich in Länge und Breite um durchschnittlich zehn Zentimeter und wusste dies geschickt bis rücksichtslos zu nutzen. Irgendwann gab ich es auf und mich seiner Führung hin. Die folgenden fünf Minuten, so wurde mir später erzählt, hinterließen bei den umstehenden Ballgästen den bleibenden Eindruck animalischer Eksta-se und ungezügelter Leidenschaft - unter meinem rechten Zehnagel allerdings auch einen blaugrünen Fleck, der erst Jahre später völlig herausgewachsen war. Welch schmachvolle Niederlage! Ich lernte: Wähle nie wieder einen Tanzpartner, der dir an Größe und Gewicht über-, an Taktgefühl jedoch unterlegen ist. Und falls doch, trage zumindest keine Riemchensandalen.
Bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch: Natürlich weiß ich, dass die Glückseligkeit des Paartanzens eigentlich genau in der Mitte liegen sollte. Irgendwo zwischen Martins Puddinggriff und Flos Quadratmeterpranken. In den Armen eines Mannes, der uns dezent, aber bestimmt über das Parkett geleitet. Der uns führt, aber nicht vorführt und die Welt ringsum derart zum Wirbeln bringt, dass wir uns irgendwann ganz automatisch als ihr Mittelpunkt fühlen: würdevoll wie eine Königin, leicht wie eine Feder, anmutig wie eine Ballerina und verführerisch wie ein Löffel Himbeereis an einem heißen Juninachmittag. Das Problem dabei ist ein altes, philosophisches, an dem sich schon Aristoteles die Zähne ausbiss: Das Ideal ist unerreichbar, sonst wäre es keins. Der Mann, der beim ersten Taktschlag zu Fred Astaire mutiert, existiert schlichtweg nicht. Zumindest nicht in unseren Breiten, den Salsa-Akrobaten, der uns im letzten Kuba-Urlaub herumwirbelte, lassen wir mal außen vor. Über die Ursache der Führungskrise auf deutschen Tanzböden geraten sich Sozialpsychologen denn auch schon seit längerem in die Haare. Die einen führen die Wirkung weiblicher Emanzipation ins Feld: Wer sowieso schon Angst hat, für einen Macho gehalten zu werden, wird sich auf der Tanzfläche ganz sicher nicht als solcher gebärden. Oder er reagiert eben mit Überkompensation - Würgegriff statt Walzerzauber. Die Gegenseite verweist auf die gar nicht so unmachohafte Überzeugung mancher Männer, die Frau, die sie da ungefragt zum Hochzeits-Crashkurs angemeldet hat, werde schon wissen, in welche Richtung der Foxtrott zu tanzen ist.













