Outdoor

Trailrunning: Weglaufen gilt

24 Stunden raus aus dem Alltag. Weg vom Schreibtisch, weg vom Kinderspielplatz - und rein ins Outdoor-Abenteuer. Beim Trailrunning geht es auf schmalen, unbefestigten Wegen in den Wald und in die Berge. Ein Selbstversuch.

  • 4 Kommentare
  •  
  •  
Wir geben's uns: BRIGITTE BALANCE-Mitarbeiterin Monika Herbst (links) nahm sich mit ihrer Freundin eine Auszeit. Gemütlich machten es sich die beiden nicht: Auf dem Programm stand Trailrunning.

Wir geben's uns: BRIGITTE BALANCE-Mitarbeiterin Monika Herbst (links) nahm sich mit ihrer Freundin eine Auszeit. Gemütlich machten es sich die beiden nicht: Auf dem Programm stand Trailrunning.

Blätter rascheln. Sind das Schritte, die sich meinem Zelt nähern? Da: ein tiefer kehliger Laut… Ich halte die Luft an. Mein Puls rast. "Was war das?", fragt Andrea. Sie liegt einen halben Meter entfernt in ihrem Zelt. "Vielleicht ein brunftiger Hirsch?", flüstere ich. Ich sehe nichts. Aber meine Ohren hören jedes Geräusch des nächtlichen Waldes, als würde ein Verstärker neben mir stehen. Unruhig wälze ich mich hin und her. An Schlaf ist nicht zu denken.

Andrea und ich mussten mal raus. Nach Babyzeit und Wiedereinstieg in den Job suchten wir eine sportliche Herausforderung. Zufällig fiel mir ein Buch über Trailrunning in die Hände, und ich war begeistert von den Bildern: Läufer in den Bergen, am Strand, auf schmalen Waldwegen. Dazu pralle Sonne, Regen, Schlamm. Manche Sportler sahen fix und fertig aus, andere strahlten. Die Fotos wirkten so lebendig und intensiv, so viel interessanter als meine Standardlaufrunde in der Stadt, dass ich das auch machen wollte. Meine Freundin Andrea war sofort dabei. Wir stürzten uns in ein Abenteuer und waren danach um einige Erkenntnisse schlauer.

Erkenntnis 1: Euphorie hilft

Mit Rucksack und Zelt auf dem Rücken joggen - ganz schön extrem.

Mit Rucksack und Zelt auf dem Rücken joggen - ganz schön extrem.

Wir hätten es wissen müssen: Bereits beim ersten Anstieg bringt uns das Bergauflaufen an unsere Grenze. Dabei sind wir nicht mal in den Alpen, sondern im Mittelgebirge. Der Plan: Wir laufen auf dem Hexenstieg, einem bekannten Wanderweg, der quer durch den Harz führt. Der Hexenstieg ist gut beschildert, wir können uns leicht orientieren. Das Teilstück, das wir ausgewählt haben, ist mit insgesamt 600 Höhenmetern vergleichsweise harmlos. Den Brocken, den höchsten Berg im Harz, umgehen wir. Wir wollen eine komplette Marathondistanz laufen, abseits von Asphalt, nur im Grünen. Dafür nehmen wir 24 Stunden Auszeit. Ohne Kinder, ohne Männer, nur wir beide. Die Nacht verbringen wir im Zelt.

So weit, so gut. Dumm nur, dass der Weg schon so bald nach dem Start steil nach oben führt. Steine und Wurzeln machen ihn noch schwieriger. Kurzzeitig verlässt mich der Mut: Was, wenn wir vorzeitig abbrechen müssen, weil wir die 42 Kilometer nicht schaffen? Wenn wir uns quälen, statt die Zeit zu genießen?

Andrea teilt sich ihre Kraft bei dieser schwierigen Etappe gut ein, sie geht zwischendurch immer wieder ein paar Schritte. Mich hat der Ehrgeiz gepackt. Ich jage meinen Puls nach oben, auch wenn das natürlich total unvernünftig ist. Der Kopf hat jetzt Pause. Ich spüre die Kraft in meinem Körper und laufe. Hier ist niemand, der etwas von mir will. Ich fühle mich frei und lebendig und muss mich richtig zwingen, auf die Steine und Wurzeln zu achten. Mein Puls ist am Anschlag, trotzdem fällt mir das Laufen auf einmal leicht. Eine Welle aus Euphorie und Begeisterung spült mich nach oben.

Erkenntnis 2: Kinderstühle meiden!

Dabei hatten wir noch vor wenigen Wochen keine Lust mehr auf die Harz-Aktion, wollten das Ganze nur noch schnell hinter uns bringen. Das Training nervte. Vier Mal pro Woche Laufen neben Job und Familie - uns fehlte die Zeit, um Freunde zu treffen oder abends mit einem Glas Wein auf dem Balkon zu sitzen. Zumal wir auch noch unfreiwillig in die Verlängerung gingen: Andrea war barfuß gegen den Kinderstuhl ihrer Tochter gestoßen und hatte sich dabei den kleinen Zeh gebrochen. Die Folge: Vier Wochen Laufverbot, Enttäuschung, Wut. Andrea fing mit dem Training wieder fast bei null an.

Erkenntnis 3: Spaziergänger können ganz schön schnell sein

"Wenn Sie langsam laufen, schaffen Sie das", hatte uns Markus de Mareés von der Sporthochschule Köln gesagt, als wir ihn vorab um Rat gefragt hatten. Daran halten wir uns bis auf die Ausnahme beim ersten Anstieg. So kommen wir ziemlich entspannt durch den Harz. Das einzig Quälende ist eine Blase an Andreas Fuß, mit der sie aber tapfer weiterläuft. Allerdings verfolgt uns bei einem Durchschnittstempo von fünf Kilometern pro Stunde die berechtigte Angst, beim Laufen von Spaziergängern überholt zu werden. Ich drehe mich ein paarmal unauffällig nach schnell ausschreitenden Rentnern um, aber die Schmach bleibt uns zum Glück erspart.

Erkenntnis 4: Wir sind Heldinnen

Wenn man mit einem sieben Kilo schweren Rucksack mit Zelt, Schlafsack und Isomatte durch den Harz joggt, schindet man selbst im Schneckentempo Eindruck. "Marathon de Sables?", ruft uns ein entgegenkommender Spaziergänger mit Blick auf unser Gepäck zu. Wir grinsen, von solchen Extremen sind wir zum Glück weit entfernt.

Der Marathon de Sables ist ein Ultramarathon. Die Teilnehmer tragen beim Laufen ihre Ausrüstung selbst. Das war es aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Die Extremsportler laufen 230 Kilometer durch die Sahara, wir nur 42 Kilometer durch den wohltemperierten Harz. Angeblich joggen sie im Sommer im Schneeanzug, um sich an die Anstrengung in der Hitze zu gewöhnen. Uns war es peinlich genug, im Training mit vollem Rucksack durch die Stadt zu laufen - in Laufklamotten, wohlgemerkt, nicht im Schneeanzug.

Sie interessieren sich für unsere Themen?
Kostenlosen Newsletter bestellen

Seite:

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  • Fotos: Frederik Röh
    Text: Monika Herbst
    Ein Artikel aus BRIGITTE Balance Heft 5/2012