Wechselzeiten
40 Anfänger, ein Ziel - den ersten Triathlon meistern

Schwimmen, radeln, laufen: Triathlon hat sich vom Extrem- zum Volkssport entwickelt. Der Film "Wechselzeiten" begleitet vier Frauen auf dem Weg zu ihrem ersten Wettkampf. Ein Gespräch über Hochgefühle und Gekloppe im Wasser.

Drei Monate lang fünf Mal die Woche schwitzen, kämpfen - und ständig müde und erschöpft sein. Warum nehmen so viele Menschen die Herausforderung eines Triathlons an? Dieser Frage gehen der Regisseur Guido Weihermüller und sein Team mit ihrer Dokumentation Wechselzeiten nach, in der sie eine Gruppe von Einsteigern während ihres Trainingsprogramms begleiten. Dabei verweben sie die Wettkampfvorbereitung so geschickt mit den persönlichen Geschichten der vier sehr unterschiedlichen Protagonistinnen, dass man auch als Zuschauer ohne triathletische Ambitionen mitfiebert und mitfühlt - was nicht zuletzt an der behutsam, aber wirkungsvoll eingesetzten Musik liegt. Der Independent-Film läuft im Sommer bundesweit in verschiedenen Kinos an. Wir haben mit Ingo Wetzel, einem der Trainer, über den Reiz beim Triathlon gesprochen.

BRIGITTE: Nicht nur Leistungssportler trainieren für den nächsten Triathlon, sondern mittlerweile auch viele Hobbyathleten. Woran liegt das?

Ingo Wetzel: Ob Schwimmer, Radfahrer oder Läufer - viele von ihnen sind mit den einzelnen Sportarten nicht mehr ausgefüllt, sie langweilen sich und suchen eine neue Herausforderung. Mehrere Disziplinen hintereinander zu bewältigen ist eine Herausforderung - und darum geht’s beim Triathlon. Im Wettkampf leiden die Leute wie blöd, doch dann kommen sie ins Ziel und alles ist vergessen. Es ist komisch, aber das hat Suchtpotenzial.

Ist das nur ein gefühlter Hype?

Inzwischen machen tatsächlich sehr viele Leute Triathlon. In unserem Hamburger Verein Triabolos bewegen wir uns auf einem ziemlich hohen Niveau, allerdings schon seit einigen Jahren. Wir haben ihn mit sieben Leuten gegründet, pro Jahr kamen 120 Leute dazu. Das Rookie-Programm, die Zwölf-Wochen-Training für Einsteiger, war jedes Mal ausgebucht.

Tief Luft holen und los: In Hamburg starten jeden Sommer 10.000 Hobbysportler beim weltgrößten Triathlon.

Tief Luft holen und los: In Hamburg starten jeden Sommer 10.000 Hobbysportler beim weltgrößten Triathlon.

Foto: Wechselzeiten / Guido Weihermüller

Womit haben Anfänger am meisten zu kämpfen?

Eindeutig mit dem Schwimmen. Beim Radfahren kannst du auch mal die Füße stillhalten und dich ausruhen - und es läuft trotzdem weiter. Beim Laufen gehst du ein paar Meter, wenn du denkst, du kannst nicht mehr. Wenn du aber mit dem Schwimmen aufhörst, gehst du unter. Hinter dir kommen auch schon die nächsten und überschwimmen dich. Davor haben viele Respekt, einige sogar Panik. Selbst wenn man mal im Schwimmverein war - beim Triathlon ist es doch etwas anderes. In Hamburg haben wir mit 150 Leuten pro Startwelle viel Platz. Bei anderen Wettkämpfen starten 500 Athleten auf einmal. Da gibt es natürlich ein Riesengekloppe im Wasser.

Und trotzdem tun sie sich das an.

Das Schöne am Triathlon sind die Hochgefühle, die du zwischendurch hast. Du kommst aus dem Wasser und bist schon mal glücklich, dass du das Schlimmste hinter dir hast. Dann geht’s aufs Rad - und am Ende musst du nur noch laufen. Vielleicht ist das das Geheimnis, warum es so viel Spaß macht.

Das Rookie-Programm

Die Triabolos bieten jedes Jahr 40 Triathlon-Einsteigern für 199 Euro eine zwölfwöchige Vorbereitung mit erfahrenen Trainern. Anmelden kann man sich ab Februar, nach dem Kennenlernen im April geht es los: Fünf Trainingseinheiten pro Woche und vor dem Wettkampf ein Probedurchlauf mit verkürzten Strecken. Meist machen etwa 70 Prozent Frauen und 30 Prozent Männer mit - obwohl das Verhältnis im Triathlon genau umgekehrt ist. Nach dem ersten Triathlon organisiert der Verein weitere gemeinsame Trainingseinheiten. Inzwischen gibt es in verschiedenen Städten Angebote für Einsteiger.

Ich kann mich im Internet schlau lesen und Trainingspläne herunterladen - warum sollte ich überhaupt in einer Gruppe trainieren?

Triathlon ist extrem zeitaufwändig. Man muss sich unfassbar motivieren - das geht in der Gruppe einfacher. Wenn man mal nicht zum Training kommt, fragen die anderen sofort nach. Das ist wie eine Welle, die dich mitnimmt. Eine Gruppe schafft Verbindlichkeit. Deswegen war unser Ziel mit den Triabolos, aus einer Einzelsportart eine Mannschaftssportart zu machen. Nicht während des Wettkampfs, aber davor und danach. Das macht einfach mehr Spaß.

Viele trainieren trotzdem auf eigene Faust. Welchen Fehler machen sie dabei am häufigsten?

Die größte Gefahr besteht darin, dass man überzockt - also zu hart trainiert. Die Leute machen viel zu viel, vor allem zum Ende hin. Dabei musst du dich rechtzeitig ausruhen, damit du das Erarbeitete im Wettkampf auch abrufen kannst. Ein Trainer bremst und strukturiert dich.

Aus welchen Motiven melden sich die Leute zu eurem Rookie-Programm an?

Manche sind neu in der Stadt und wollen Leute kennenlernen. Einige haben eine Wette verloren, andere brauchen die Gruppe als Motivationsschub oder suchen ein gezieltes Training unter Anleitung. Und wieder andere wollen etwas für sich tun - nach einer Trennung oder als Ersatz fürs Rauchen. Inzwischen finden auch viele durch Mundpropaganda zu uns. Man kann sich nicht vorstellen, was da abgeht, wenn Menschen fünf Mal die Woche zusammen trainieren. Das ist am Ende eine eingeschweißte Truppe.

Die Distanzen

Einsteiger beginnen mit der Sprintdistanz: Sie schwimmen 500 Meter, fahren 20 Kilometer Rad und laufen 5 Kilometer. Wer sich gut vorbereitet, schafft aber auch die olympische Distanz: 1,5 Kilometer schwimmen, 40 Kilometer Radfahren und 10 Kilometer laufen. Profis wagen sich irgendwann an den Ironman. Dann schwimmen sie 3,86 Kilometer, radeln 180 Kilometer und laufen im Anschluss noch einen Marathon, also 42 Kilometer.

Da kommen Menschen mit ganz unterschiedlichen Grundvoraussetzungen zusammen, die einen sind fitter als die anderen. Gibt es keine Rangeleien?

Nein, denn auch darauf sind wir vorbereitet. Als Voraussetzung musst du nur drei Sachen können: 100 Meter kraulen, 20 Minuten gemütlich Joggen - und Radfahren kann sowieso jeder. Außer beim Rumpftraining haben wir bei den Einheiten drei Trainer, also auch drei Leistungsstufen. Damit ist alles abgedeckt. Natürlich ist einer immer der Langsamste, aber das ist auch okay.

Wie gut hat die im Film "Wechselzeiten" gezeigte Gruppe miteinander harmoniert?

Jede Gruppe ist anders, es gibt verbissene oder auch zurückhaltende. Die "Wechselzeiten"-Gruppe war mit sehr viel Spaß, aber auch viel Disziplin bei der Sache. Bis zum Ende waren alle fast immer bei allen Trainingseinheiten. Und sie haben sich schnell auch außerhalb des Trainings organisiert und gegenseitig motiviert. Die Kamera, die ständig um sie herumhing, haben sie irgendwann gar nicht mehr wahrgenommen.

Wie viele brechen das Programm ab?

Beim Kick-Off-Meeting entsteht ein Sog, aus dem sie nicht mehr herauskommen. Ich überbringe ihnen dort jedes Mal die schlechte Nachricht, dass sie sich in zwölf Wochen mit Tränen in den Augen umarmen und sich fragen werden, was sie in Zukunft mit ihrer Zeit anfangen. Bisher hat niemand gesagt: "Das pack ich nicht."

Aber es verletzt sich doch bestimmt mal jemand.

Einige wenige scheiden tatsächlich wegen einer Verletzung aus. Wir starten ganz vorsichtig, aber das sind trotzdem ungewohnte Belastungen. Da kann es schon mal sein, dass eine Sehne, ein Knie oder eine Achillessehne empfindlich reagiert. Bei unseren Radausfahrten hatten wir noch keinen Sturz, aber die Rookies treffen sich manchmal - entgegen unserer Empfehlung - zusätzlich und fahren noch ein bisschen. Dabei ist es schon zu Stürzen gekommen. Es gibt auch körperliche Probleme, die schon im Vorfeld da waren. Was aber viel wichtiger ist: Von denen, die beim Wettkampf an der Startlinie stehen, kommen 100 Prozent ins Ziel.

Die "Wechselzeiten"-DVD mit 70 Minuten Bonusmaterial können Sie im Wechselzeiten-Shop bestellen.

Sie haben Lust bekommen, bei einem Triathlon zu starten? Hier finden Sie einen passenden Trainingsplan.

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