Wie Sport Probleme löst

Ob Krebs, Depressionen oder Alzheimer: Die erstaunliche Heilkraft des Sports wird entdeckt.

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Es ist eine Medizin, die man in keiner Apotheke kaufen kann. Kein Pharma-Unternehmen bemüht sich um ihre Vermarktung, keine Arzneimittelbehörde prüft Nutzen und Nebenwirkungen. Wahrscheinlich blieb ihre heilsame Kraft deshalb lange Zeit unerforscht. Nur wer sie am eigenen Leib erprobt hat, manchmal sogar gegen den Rat der Arzte, schwört darauf- auch ohne wissenschaftliche Beweise.

Monika Wagenbach* war 28, als ihr die Diagnose multiple Sklerose gestellt wurde. Die Arzte wiesen sie in eine Klinik ein, verordneten Medikamente und absolute Schonung. In ihren Beruf, so die niederschmetternde Prognose, könne sie niemals mehr zurückkehren. Nach fünf Monaten im Krankenhaus kam die Patientin schließlich völlig geschwächt nach Hause. Und fällte einen einsamen Entschluss: Sie hatte immer gern Sport getrieben, und sie würde es auch jetzt, gegen den ärztlichen Rat, wieder tun. Zunächst waren es winzige tägliche Einheiten, zehn Minuten leichtes Hanteltraining, später kamen Walken, Biken und Skaten dazu. Die zehn Kilo, die sie durch Medikamente und die verordnete Untätigkeit zugenommen hatte, waren schließlich ebenso verschwunden wie die Migräne, unter der sie schon länger litt: "Ich habe mich regelrecht entgiftet gefühlt." Sie fängt wieder an zu arbeiten, halbtags, fährt jeden Tag sieben Kilometer mit dem Fahrrad ins Büro. Heute, zwanzig Jahre später, treibt sie noch immer jeden Tag eine halbe Stunde Sport. Sie hat einen neuen Beruf als Gesundheitsberaterin und einen Mann, der sagt: "Ohne deinen Sport wärest du nicht mehr am Leben."

Dass ein kranker Körper vor allem Ruhe braucht - lange Zeit wagte kaum jemand, an diesem Grundsatz zu zweifeln. Doch das Dogma ist ins Wanken geraten, seit Wissenschaftler weltweit beginnen, die Wirkung von körperlicher Aktivität auf Herzerkrankungen, Depressionen, Krebs oder Diabetes zu erforschen. Und feststellen: Sport kann nicht nur Krankheiten verhüten, sondern manchmal sogar heilen, in einigen Fällen besser als kostspielige Medikamente.

Joggen gegen Krebs

Dass Bewegung beispielsweise Darmkrebs vorbeugen kann, ist bekannt und plausibel, weil Sport anregend auf Verdauung und Stoffwechsel wirkt. Neu und verblüffend hingegen ist die Erkenntnis, dass bereits erkrankte Menschen möglicherweise ihr Leben retten, wenn sie körperlich aktiv werden.

Verschiedene US-amerikanische Studien belegen: Regelmäßiges Jogging oder Walking senkt das Rückfallrisiko bei Darmkrebs - und nicht nur dort. Auch Brustkrebs-Patientinnen, die trotz der lähmenden Diagnose bald mit Sport beginnen, erhöhen deutlich ihre Chance, die Krankheit zu überleben. Das fanden Mediziner des Brigham and Women's Hospital in Boston heraus.

Zwar wissen Mediziner, dass Bewegung hilft, wichtige Körperfunktionen zu regulieren: Blutgefäße werden wieder elastisch, ein zu hoher Blutdruck sinkt, der Insulinspiegel normalisiert sich, die Verdauung funktioniert besser, eine trainierte Muskulatur schützt Knochen und Gelenke, und das Gehirn schüttet den Glücksbotenstoff Dopamin aus. Warum Sport auch darüber hinaus wirkt, das Immunsystem stärkt und Selbstheilungskräfte ankurbelt, weiß niemand bisher ganz genau.

Immer mehr Untersuchungen aber belegen diesen Effekt. So zeigte eine Studie an Patienten mit stark verengten Herzkranzgefäßen: Nur 20 Minuten Sportprogramm täglich wirkten besser und nachhaltiger als eine operative Erweiterung der Gefäße. Die körperlich aktiven Teilnehmer klagten im Verlauf eines Jahres weit seltener über Beschwerden und Schmerzen als jene, die chirurgisch behandelt worden waren und bei denen der Eingriff zum Teil sogar wiederholt werden musste. Bei Migräne-Patientinnen stellten türkische Forscher bereits nach sechs Wochen Ausdauersport deutliche Erfolge fest: Die Anfälle traten nur noch halb so häufig auf und waren ein Drittel weniger stark. Und bei einer Langzeitstudie aus den USA war der Effekt von Krafttraining doppelt so groß wie der Nutzen von Osteoporose-Tabletten: Zwei Stunden Muskeltraining pro Woche senkten das Risiko einer Hüftfraktur um mehr als ein Drittel.

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  • Text: Stefanie Winter, Mitarbeit: Charlotte Wiedemann
    BRIGITTE Heft 21/2006
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