"Instagram, du machst mich fertig!"

Lebe den Moment - und vergiss bloß nicht, ihn bei Instagram zu posten! Millionen von Menschen dokumentieren ihr Leben im digitalen Bilderbuch. Bereichert es unser Leben oder erschwert es es? Ein offener Brief. 

Liebes ,

kein Social-Media-Kanal verwirrt mich mehr als du!

Rund 15 Millionen deutschen Usern bietest du eine Plattform. In den toben sich fast 90 Millionen Menschen auf dir aus.

Du versorgst mich rund um die Uhr mit Inspiration. Wenn ich nicht weiß, was ich zum Abendbrot essen möchte, suche ich #foodporn, und schon ist klar: Es gibt Avocado-Toast mit Bio-Spiegelei!

#avocadotoast #breakfast #brunch #food #foodporn #krcafe #katonah #ny #westchestercounty #westchester

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Wunderbare Geschichten!

Millionen von Menschen erzählen mir über dich wunderbare Geschichten: Der Transgender, der endlich den Mut gefunden hat, er selbst zu sein. Die Frau mit der Pigmentstörung, die sich nicht mehr länger verstecken will. Das Mädchen, das eine schwere Zeit durchgemacht hat, und jetzt erkennt: Es muss sich für seine Narben nicht schämen!


Plattform für Communities

Du bietest gefühlt Tausenden Essgestörten einen Raum, in dem sie sich mit ihrer Krankheit auseinandersetzen können – ohne Angst, dafür von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Auf ihren "Recovery-Accounts" posten sie Bilder von ihrem Essen – vielleicht ein erster Schritt für sie, um es irgendwann wieder genießen zu können.

So viele mutige Frauen und Männer erzählen in deinen Untiefen von ihren Problemen. Sie gestehen ein, dass sie unter einem gestörten Selbstwert leiden. Sie zeigen allen, denen es ähnlich geht, dass sie nicht alleine sind.

Vorbilder, die Mut machen

Und dann all diese Menschen, die ihre Erleuchtungen auf dir teilen! Die eines Tages verstanden haben, dass sie okay sind, wie sie sind, und dass ihr Körper nicht aus Knete ist, die sie in irgendeine Idealform bringen müssen.

 


Instagram, die Liste der Geschichten, für die ich dich jeden Tag feiere, ist wahnsinnig lang.

Aber es gibt eben auch diese andere Seite ...

Nicht die Realität! Aber der Eindruck bleibt ...  

Ich weiß es ja ganz genau: Viele, die bei dir so richtig fame sind und Zigtausende Favs kassieren und Follower haben – die machen auch mal 20 Selfies für den perfekten Post. Und den bearbeiten sie vorher noch mit Filtern und Apps.

Ich sehe es, wenn ich die einschlägigen Bilder vergleiche: Es gibt gewisse Posen, und wer die drauf hat, sieht einfach vorteilhafter aus. Mir ist das völlig klar! Und trotzdem bin ich manchmal leicht enttäuscht, wenn ich nach zehn Minuten in deiner Welt in den Spiegel schaue.


Deine User schreiben mir nicht vor, wie ich auszusehen habe, und du erst recht nicht. Aber wenn Fotos von Bikini Bridges hunderte Favs bekommen, suggeriert mir das schon irgendwie, dass Bikini Bridges cool sind.


Let's talk Vorher-Nachher!

Und dann, Instagram, würde ich gerne etwas über diese Vorher-Nachher-Posts loswerden. Ich weiß nicht, ob es so glücklich ist, wenn wir mit solchen Bildern kommunizieren. Ich kann es ja vollkommen verstehen: Wer eine Verwandlung durchgemacht und gekämpft hat, fühlt sich gut, ist zurecht stolz auf sich und möchte das mit anderen teilen.

Sie oder er verdient auch Respekt und Anerkennung. Er oder sie kann sicher auch anderen helfen und sie inspirieren. Meistens erzählt ja auch ihr oder sein Account die ganze Geschichte.

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Aber: Eine Verwandlung mit einem Bild zusammenzufassen, kann zu Missverständnissen führen. Man könnte auf die Idee kommen, dass es bei der Verwandlung um das Aussehen ging und dass die Veränderung des Aussehens etwas um seinetwillen Erstrebenswertes wäre, das uns glücklicher oder besser macht – eine nach meinem Empfinden sehr gefährliche Idee.

Ich will keine Fitness-Motivation!

Außerdem werden gerade diese Vorher-Nachher-Posts von unzähligen Accounts missbraucht, um uns "zu motivieren". Es gibt Fitness-Accounts, die reposten fast nur Vorher-Nachher-Bilder von Privatpersonen, die sich Sixpacks usw. antrainiert haben, und schreiben dann Dinge wie "Motivation" und "Inspiration" darunter.

Muss mich das wirklich motivieren, die Übungen zu machen, die sie mir in anderen Posts vorschlagen? Darf ich nicht auch ohne Sixpack leben, ohne mich schlecht zu fühlen?

Gut, ich kann meine Timeline selbst gestalten und muss keinem Fitness-Account folgen. Aber wenn ich einmal bei der Suche auf so einen Account stoße, bekomme ich schon bei der nächsten Suche mehr davon angezeigt. Und plötzlich tauchen immer mehr dieser Bilder auf und ich bin mitten drin im Perfektions-Strudel.

Wirklich nicht akzeptieren kann ich, wenn diese Fitness-Accounts unter den Vorher-Nachher-Posts die User zur Abstimmung auffordern, welche Variante sie schöner finden. Da möchte ich nur fragen: GEHT'S NOCH?


Die Challenge: Wer bin ich?

Weißt du, Instagram, ich glaube, in erster Linie forderst du mich heraus, mir darüber klar zu werden, wer ich eigentlich bin. Bin ich der Mensch, der einen Trend mitmacht, nur um geliked zu werden? Der sich von BILDERN beeinflussen lässt, die gut ankommen?

Oder bin ich der Mensch, der differenziert, bevor er Stellung bezieht? Der nach der Geschichte hinter dem Bild sucht, und dem das Bild nichts bedeutet, wenn er diese Geschichte nicht findet?

Ich fürchte, ich werde mir noch oft den Kopf über dich zerbrechen, Instagram. Auf jeden Fall hast du ziemlich viel Macht. Bei dir werden Trends gesetzt, die potenziell 15 Millionen Menschen allein in Deutschland beeinflussen könnten.

Aber wie ich haben all diese Menschen selbst in der Hand, welchen Trend sie liken, unterstützen und damit stärken - und welchen sie nicht mitmachen. Und genau deshalb glaube ich, dass letztendlich mehr Gutes von dir ausgeht als Schlechtes.


 

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