Regisseurin Petra Volpe: "Man wird als Frau auf jeder Ebene geshamed"

Der Film "Die göttliche Ordnung" erzählt von Nora, die Anfang der 70er in der Schweiz für Frauenrechte kämpft. Wir haben Regisseurin Petra Volpe zum Interview getroffen. 

Regisseurin Petra Volpe

Regisseurin Petra Volpe

Frau Volpe, warum haben Sie den Film 'Die göttliche Ordnung' gemacht?

Wir haben schon vor fünf Jahren angefangen, für den Film zu recherchieren. Wir wollten ein Stück Geschichte erzählen, das zwar bekannt, aber nicht besonders präsent war. Es ist typisch für Frauengeschichte, dass sie nicht existiert.

Wir kennen die Geschichte ja nur aus Männer-Perspektive

Das Problem fängt schon in der Schule an. Wir lernen: 'Dieses eine Geschlecht hat ganz viele tolle Dinge gemacht, und dieses andere Geschlecht kommt gar nicht vor.' Wir kennen die Geschichte nur aus Männerperspektive. Es müsste dringend mehr Frauengeschichte in die Schulzimmer.

Aber müssen die Dialoge in Ihrem Film wirklich so platt sein? Gerade die Argumente der Wahlrechtsgegnerin fand ich ziemlich überzogen ...

Das sind alles Originalzitate! Die ganzen Argumente, die in dem Film vorkommen – 'Frauen in der Politik ist gegen die göttliche Ordnung' oder 'Die Frau soll die Stimme des Herzens benutzen und muss nicht in die Politik' – das ist original von der Anti-Stimmrechtsbewegung der übernommen.

Ups! Aber so würde heute ja niemand mehr reden.

Wenn wir mal schauen, was gerade alles in der Welt passiert: Trump, Polen, . Da fallen auch Argumente, von denen in 40 Jahren die Menschen denken werden, sie seien die Formulierungen eines Drehbauchautors. Als wir vor fünf Jahren anfingen, wussten wir nicht, wie verschärft die politische Atmosphäre sein würde, wenn der Film rauskommt, und wie aktuell er dann ist.

Okay, die Demokratie hat es momentan nicht leicht. Aber was ist mit den Frauen? Wir stehen heute doch besser da als früher?!

Besser vielleicht, aber: Die Idee, 'der Mann ist der Staat', ist tief verwurzelt. Wie viele weibliche CEOs haben wir? Wie viele Frauen sind in den Parlamenten vertreten? Wie viele Frauen leiten große Theater oder Filmfestspiele?

Frauen werden auch heute noch oft als Objekte betrachtet und nicht ernst genommen. Lady Gaga legt eine Wahnsinnsperformance hin, und hinterher ist das Internet voll damit, dass sie zu fett ist.

Jungen Frauen wird gesagt: Pass auf dich auf, du hast etwas zu verlieren. Es wird nicht gesagt: Geh raus in die Welt, sei abenteuerlich, schlaf mit so vielen Männern, wie du Lust hast!

Ich glaube, es hat eine sehr große Kraft, dass man Frauen schon ganz früh erzählt, dass irgendwas mit ihrem Körper nicht stimmt. Bei diesem Fokus aufs Schönsein fängt Benachteiligung an. All die jungen Frauen, die bulimisch sind oder Anorexia haben – es herrscht schon lange eine Art Krieg gegen den weiblichen Körper. Das nimmt uns Kraft, das hält uns klein.

So viel Energie von Frauen geht in ihr Äußeres, in Diäten und Bemühungen, noch besser auszusehen. All diese Energie könnte in etwas ganz Anderes fließen.

Das neueste Beispiel: Schönheitsoperationen der Vulva. Jetzt lassen sich Frauen ihre Vulven operieren. Man wird als Frau auf jeder Ebene geshamed. 

Regisseurin Petra Volpe: "Man wird als Frau auf jeder Ebene geshamed"

Apropos shaming: Im Film lernt Nora ja auch, dass sie einen 'Tiger' zwischen den Beinen hat. Musste das sein?

Ja, das war mir wichtig. Ich glaube, dass die sexuelle Befreiung mit der politischen Hand in Hand geht. Jungen Frauen wird gesagt: Pass auf dich auf, du hast etwas zu verlieren. Es wird nicht gesagt: Geh raus in die Welt, sei abenteuerlich, schlaf mit so vielen Männern, wie du Lust hast! Nein, das gilt als anrüchig. Die Unterdrückung der Frau läuft immer auch über den Körper und ihre Sexualität.

Warum, glauben Sie, ist das so?

Es geht um Geld und Macht. Wenn Frauen aufhören würden, sich um ihre Frisuren, ihre Haut, ihre Hinterbacken und ihre Klamotten Gedanken zu machen, würde eine ganze Industrie zusammenbrechen.

Das Patriachart ist auch stellvertretend für den Kapitalismus, und der verheizt alle Menschen. Der Feminismus basiert auf einem sozialen Grundgedanken und hat ganz viele Ideen, die sich gegen diese Konkurrenzkultur richten.

Das Patriachart verheizt alle Menschen? Also auch Männer?

Ja, es ist zwar nicht so einfach, das den Männern zu verkaufen, weil sie an der Macht ja teilhaben. Aber diese Rollenaufteilung ist für sie genauso schlimm. Solche Normen halten sie in Wahrheit genauso klein und gefangen.

Und wie kommen wir aus dieser Zwickmühle raus?

Wir müssen es einfach immer wieder zum Thema machen, dürfen nicht locker lassen und es als gegeben hinnehmen. Bei Frauen kann die Befreiung tatsächlich damit anfangen, dass sie lernen, liebevoller mit ihrem Körper umzugehen, sich nicht so abhängig zu machen vom Blick der anderen.

Männer verlieben sich nicht, weil jemand den perfekten Po hat.

Das Krasse ist ja, dass Mädchen denken, wenn sie nicht so oder so aussehen, werden sie niemanden finden, der sie lieb hat. Aber so ist die Welt nicht. So sind schlussendlich auch Männer nicht. Sie verlieben sich nicht, weil jemand den perfekten Po hat. So läuft das nicht. Mit meiner Lebenserfahrung und meiner Beobachtung der Realität stimmt das null überein. Wir müssen daran arbeiten, uns von diesen Bildern und Ideen zu befreien. Es kommt allen zugute.

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