BRIGITTE LIVE
Sahra Wagenknecht über eine große Koalition und die Liebe
Sahra Wagenknecht, Vize-Chefin der Linken, glaubt an eine große Koalition nach der Bundestagswahl. Und daran, dass Liebe einfach da ist. Am Sonntag sprach sie live mit BRIGITTE-Chefredakteurin Brigitte Huber und Zeitgeschehen-Ressortleiterin Nikola Haaks.
Die Einzelgängerin?
Sahra Wagenknecht ist "eher Einzelgängerin", sagt sie selbst. Natürlich erfordere das politische Geschäft ein gewisses Maß an Teamplay. Trotzdem, betont sie: "Ich habe mich nie an dem orientiert, was andere machen." Das sei schon als Kind so gewesen. Sahra Wagenknecht weigerte sich, in den Kindergarten zu gehen, beschäftigte sich stattdessen lieber mit Büchern, konnte schon mit vier lesen. Nicht ganz einfach für ihre alleinerziehende Mutter. Damit die arbeiten gehen konnte, ist Sahra Wagenknecht bei ihrer Großmutter in einem Dorf in der Nähe von Jena aufgewachsen, nicht bei ihrer Mutter in Berlin. Später durfte Sahra Wagenknecht in der DDR nicht studieren. "Nicht aufgeschlossen fürs Kollektiv", hieß es, weil sie den politischen Ausbildungs-Drill vorher nicht ertragen konnte. "Es ist ein Teil meiner Persönlichkeit für meine Sache einzutreten.“
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Über Frauen und Männer
"Ich bin gerne eine Frau", sagt Sahra Wagenknecht. Männer hält sie oft für unangemessen arrogant. Sie findet witzig, dass es Listen mit den attraktivsten Politikerinnen gibt – "bei Männern käme ja wohl keiner auf die Idee". Für die Politikerin und Autorin ist die Frauenquote nur ein Faktor, um der Benachteiligung von Frauen entgegenzuwirken, "nur wenige Frauen bekommen die Chance, in einem Aufsichtsrat zu sitzen". Mit besserer Kinderbetreuung sei weit mehr Frauen geholfen, ihre Chancen nutzen zu können.
Privat verbinden sie die längeren Freundschaften mit Männern als mit Frauen. Ihr Vater, ein Iraner, verschwand aus ihrem Leben, als sie drei war. Vermutlich zurück in den Iran. Es ist davon auszugehen, dass er nicht mehr lebt. "Das Verlustgefühl hat mich schon meine ganze Kindheit begleitet". Trotzdem habe sie nie rausfinden wollen, ob er wirklich tot ist.
Über die Liebe
Die Liebe, sagt Sahra Wagenknecht, gehe bei ihr nicht danach, ob sie sich mit dem Parteiprogramm der Linken in Einklang bringen lässt. "Liebe lässt sich schwer definieren. Sie ist einfach da." Bei Oskar Lafontaine sei ihr von Anfang an klar gewesen, dass das ein besonderer Mann für sie sein könnte. "Liebe ist der einzige Bereich, in dem ich Nähe zulasse. Sonst steht man allein da." Ein Partner müsse ihr ebenbürtig sein, mit ihr Gespräche über Zeitgeschehen und Literatur führen können. "Wenn man nichts zu reden hat, erschöpfen sich Beziehungen sehr schnell." Ob sie über eine Hochzeit mit Oskar Lafontaine nachdenkt? "Das sage ich Ihnen dann, wenn es so weit ist", antwortet sie und wirkt dabei fröhlich und gar nicht genervt. Gegen ein Kind habe sie sich einerseits sehr bewusst entschieden. Zu wenig Zeit neben der politischen Arbeit, um genug für ein Kind da zu sein, fand sie. Andererseits dachte sie lange, sie habe ja noch Zeit – bis es eben nicht mehr so war. "Bedauern darüber ist schon da."
Über Substanz und Politik
Erst "relativ spät" ist Sahra Wagenknecht in die Politik gekommen, ihren ersten Sitz im Europaparlament trat sie mit 34 an. Vorher arbeitete sie vor allem als Publizistin. "Wenn man zu lange nur Politik macht, verliert man an geistiger Substanz", sagt sie. Deshalb spielen Lesen und Literatur für sie nach wie vor eine sehr wichtige Rolle. Ihre Lieblingsautoren sind Thomas Mann und Goethe. Aber sie lese nicht nur Bücher von Männern, die schon tot sind. "Angst", ein Thriller von Robert Harris, habe ihr zum Beispiel auch gut gefallen. Das Lesen sei für sie kein Rückzug. "Es gibt einem etwas wieder", sagt Sahra Wagenknecht. Ausgleich, Motivation. "Man muss ja motiviert sein. Man merkt Politikern an, ob sie überzeugt sind von dem, was sie fordern."
Über das, was sie politisch will
Und was fordert Sahra Wagenknecht? Wenn sie nur eine einzige politische Entscheidung treffen könnte, wäre das: eine andere Wirtschaftsordnung: "Den Menschen geht es nicht so gut, wie es ihnen gehen könnte." Sie gibt zu, dass ihre Haltung zum Kapitalismus in den 90ern überzogen war. "Manches davon hätte ich selbst zu DDR-Zeiten nicht so gesagt." Sie habe aber selber erst einmal begreifen müssen, dass es andere Möglichkeiten des Sozialismus gebe als den, den sie aus der DDR kannte – "und der offensichtlich nicht funktioniert hat". Ihre Prioritäten für die Wahl und die kommende Legislaturperiode: gerechtere Besteuerung der Reichen, die Rückkehr zu ordentlicher Arbeitslosenversicherung und Rentensystem, Einführung eines Mindestlohns, Verbot von Leiharbeit.
Über die Bundestagswahl
Die Frage "Merkel oder Steinbrück?" erheitert sie. "Steinbrück ist keine Alternative zu Merkels Politik. Wenn ich schon die Wahl zwischen dem Original und der Kopie habe, nehme ich lieber das Original." Auch wenn Angela Merkel viel "Verantwortung für die Zerstörung von Lebensverhältnissen" in Deutschland und Europa trage. Aber man müsse schon lange suchen, um überhaupt eine Forderung zu finden, in der Steinbrück grundlegend von Merkel abweiche. "Ich fürchte, es wird wieder eine große Koalition geben", sagt Sahra Wagenknecht. Die "Linke" müsse den Menschen erklären, dass es trotzdem ganz konkret helfe, sie zu wählen. "Wenn die Linke wieder stärker wird, ist das Druck auf die SPD." Sie bedauert, dass sich viele Menschen zurückziehen und gar nicht mehr wählen, wenn es ihnen schlecht geht. Ja, sie wisse, das sei leichter gesagt als getan. Trotzdem: "Ich würde mir wünschen, dass die Menschen sich weniger gefallen lassen. Mehr Selbstbewusstsein haben und kämpfen."
Über das Unmögliche
Auf die Frage einer Zuschauerin, warum sie nicht in die SPD wechsle, um regieren zu können, antwortet Sahra Wagenknecht: "Man kann das Unmögliche versuchen. Aber nicht das ganz Unmögliche."
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