Gesellschaft

Macht, Einfluss, Karriere: Frauen verändern die Welt

Auf Frauen wird in Zukunft keiner mehr verzichten können, das ist Fakt. Und das heißt für uns alle: Mehr Inhalte, weniger Show. Mehr Kompromisse, weniger Hierarchien. Mehr Entschlossenheit, weniger leeres Gerede. Ganz gute Aussichten, oder? Ein Spurensuche von Kristina Maroldt.

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Die Welt wird weiblicher - und damit vollständiger und vielseitiger

Die Welt wird weiblicher - und damit vollständiger und vielseitiger

Mit 16 klebte ich mir einen knallrosa Sticker an die Zimmertür. "Die Zukunft ist weiblich!" stand darauf, eine wackere SPD-Kämpferin hatte ihn mir bei einem Straßenfest in die Hand gedrückt.

Der Spruch war schon damals uralt. Doch im Frühjahr 1993 umwehte ihn ein Hauch von Punk. Keine Frau ohne Stenoblock bewegte sich damals im Dunstkreis deutscher Kanzler-, Ministerpräsidenten- oder Dax-Vorstandsmitglieder-Schreibtische. Dafür hatten im Nachbar-Landkreis meines bayerischen Heimatdorfs gerade zwölf Jungs gedroht, den Gottesdienst zu bestreiken, falls Mädchen als Ministranten zugelassen würden. Von Nürnberg bis New York trommelten Psychologen und PR-Manager zum Aufstand gegen "machtbesessene, verklemmte Emanzen". Und die damalige deutsche Frauenministerin, eine Physikerin namens Angela Merkel, befand nüchtern: "Angesichts der schwierigen nationalen Lage ist es momentan nicht an der Zeit, das klassische Verständnis von Mann und Frau zu ändern."

  • Die Welt wird weiblich - Zeichen für den Wandel
    In den Aufsichtsräten der Dax-Konzerne sitzen aktuell 18,2 Prozent Frauen. Anfang 2011 waren es erst 13,4 Prozent und 1990 noch gar keine.
  • Schlau
    Der Anteil von Professorinnen an Unis hat sich seit 2000 von 10 auf knapp 20 Prozent verdoppelt.
  • Geld
    In 14 % aller deutschen Haushalte verdienten 2010 die Frauen mehr als die Männer. 2000 war das erst in 6 % aller Haushalte der Fall.
  • Frau Doktor
    Der Anteil der weiblichen Ärzte ist in den vergangenen 20 Jahren um 68 % Prozent gestiegen.
  • Chefinnensache
    1992 regierten weltweit 5 Präsidentinnen und 5 Regierungschefinnen. Heute: 12 Präsidentinnen und 9 Regierungschefinnen.
  • Ganz oben
    Der Anteil von Frauen in Führungspositionen der deutschen Privatwirtschaft: 30 %.
  • Kämpferinnen
    Bis zum Jahr 2000 gab es nur wenige Frauen bei der Bundeswehr, heute liegt der Anteil bei 10 Prozent.
  • Landesmütter
    Bis 2009 gab es nicht eine, heute drei Ministerpräsidentinnen in Deutschland. Thüringen, Nordrhein- Westfalen und das Saarland werden von Frauen regiert, im Januar könnte Rheinland-Pfalz dazukommen.
  • Fortschritt
    Die Zahl der Frauen, die Ingenieurwissenschaften studieren, hat sich zwischen 1991 und 2011 mehr als verdoppelt: auf 89 235.
  • Role-Models
    In deutschen mittelständischen Unternehmen sind die jungen Führungskräfte zu fast 40 Prozent weiblich.
  • Förderung
    Im Jahr 2011 wurden rund 53 000 Frauen mit dem Meister- BAföG in einer Aufstiegsfortbildung gefördert. Zu 2010 eine Steigerung um 2 Prozent (52 000).
  • Starke Quote
    Vor 20 Jahren war Lena Odenthal die einzige TVKommissarin - heute ermitteln 16.

Heute ist die Physikerin Kanzlerin, und eine geschiedene zweifache Mutter ist Chefin des Internationalen Währungsfonds. In den USA erobern Frauen die Spitzen von Technologie-Riesen wie Yahoo, in Europa dank Quote so manchen Aufsichtsrat und bei den Olympischen Spielen den Boxring. Im deutschen Mittelstand sind schon fast 40 Prozent aller jungen Führungskräfte weiblich. Keine Talkshow kommt noch ohne einen jungen Vater aus, der über seine Abenteuer am Wickeltisch berichtet. Und dieselbe Angela Merkel, die vor 20 Jahren auf die Beibehaltung klassischer Rollenbilder pochte, fordert heute Frauen wie Männer auf, ebendiese in Frage zu stellen: "Ich bin überzeugt: Sie haben viel zu gewinnen."

Es tut manchmal verdammt gut, die Linse auf Weitwinkel zu stellen. Weil einem sonst zwischendrin allzu leicht der Geduldsfaden reißt. Etwa weil der Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern in Deutschland seit Dekaden bei 23 Prozent dümpelt. Hallo? Geht denn da gar nichts voran?

O doch. Aber wie bei allen Großbaustellen sieht man die Fortschritte kaum, wenn man mitten in der Baugrube steht. Man braucht ein bisschen Abstand. Einen Bauplan, der den rudimentären Zustand des Projekts zu Baubeginn zeigt. Und eine Flasche Champagner. Es gibt durchaus einiges zu feiern. Auch wenn, da hat sich der rosa Sticker geirrt, die Zukunft wohl doch nicht so weiblich wird wie geplant, sondern - eigentlich noch besser.

Dazu gleich mehr. Jetzt aber erst mal ab in den Keller, zu den Grundmauern des Großprojekts "Weibliche Zukunft". Die sind nämlich erfreulich solide und damit der erste Anlass, als Frau die Korken knallen zu lassen: Sowohl die demografische Entwicklung als auch die Entwicklung der Bildung werden den Vormarsch des doppelten X-Chromosoms in Wirtschaft und Wissenschaft, Politik und Kultur in den nächsten Jahren gewaltig befördern. Bei den Uni-Abschlüssen haben die Frauen die Männer inzwischen abgehängt. Da gleichzeitig die Bevölkerung schrumpft, wird auf Frauen in Zukunft keiner mehr verzichten können. Und das bedeutet: Ihr Einfluss wird weiterhin steigen. Überall. Rasant.

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  • Text: Kristina Maroldt
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