Kindesmisshandlung - wann muss der Staat eingreifen?

Vernachlässigt, verwahrlost, misshandelt: BRIGITTE-Mitarbeiterin Verena Lugert begleitete einen Kindernotdienst und traf zwei junge Frauen, die vor Jahren aus ihren Familien wegen Kindesmisshandlung herausgeholt worden sind.

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Die Mitarbeiter vom Kindernotdienst auf dem Weg zum nächsten Einsatz

Die Mitarbeiter vom Kindernotdienst auf dem Weg zum nächsten Einsatz

21.30 Uhr, Schichtwechsel. Holger Michalka und Renate Flerlage-Hölzen vom Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) im Hamburger Stadtteil Ohlsdorf steigen ins Auto.
Der erste Einsatz in dieser Nacht: Kontrolle bei einer Familie mit drei Kindern, unangemeldet. Verdacht auf Kindesmisshandlung Die Mutter war ein paar Tage zuvor betrunken auf der Straße aufgegriffen worden, hatte die drei Mädchen allein gelassen. Der Wagen braust durch die Straßen, kurz vor Mitternacht stehen die beiden vor der Haustür der Familie. Eifrig bitten die Eltern die beiden vom Notdienst herein, sie sind nervös. Die Wohnung ist aufgeräumt, die Mutter nüchtern. Renate Flerlage-Hölzen will die Kinder sehen, die vom Klingeln aufgewacht sind. Sie spricht mit ihnen allein im Kinderzimmer, verlässt wenig später mit dem Kollegen die Wohnung. Erleichtert schließen die Eltern die Tür.

Es sind sehr weite Befugnisse, die die beiden Sozialpädagogen haben. Und sie wissen das. Der KJND ist ein Kriseninterventionsdienst, eine Einrichtung des Hamburger "Landesbetriebes Erziehung und Berufsbildung". Der KJND wird tätig, wenn die Jugendämter geschlossen sind - nachts, an Wochenenden und an Feiertagen, wenn Nachbarn Schreie aus Wohnungen hören, wenn Polizisten verwahrloste Kinder aufgreifen, wenn verzweifelte Mütter anrufen, weil sie sich völlig überfordert fühlen. Ohne richterlichen Beschluss können die KJND-Mitarbeiter anordnen, eine Wohnung aufbrechen zu lassen, oder ein Kind in Obhut nehmen - wenn Gefahr im Verzug ist. Doch wann ist Gefahr im Verzug? Diese Entscheidung muss Nacht für Nacht, bei jedem Termin, neu getroffen werden.

Der nächste Anruf aus der Zentrale: Auf der Wache in Hamburg-Harburg wartet ein elfjähriges Mädchen. Sie wurde beim Klauen erwischt und will jetzt nicht nach Hause. Mehrere Stunden hat sie auf der Wache gewartet, die Polizisten erreichten die Mutter nicht. Im Verwahrraum steht "Arschlöcher allesamt" mit Edding an die Wand gemalt. Eine Bank aus Holz. Melly sitzt darauf, ihre Beine baumeln herab, sie trägt schwarze Lederstiefel mit Schnallen und winzigen, dünnen Pfennigabsätzen. Sie säubert die perfekten Halbmonde ihrer Fingernägel mit den langen Nägeln der anderen Hand. Es klackt nervös. Ihre krausen schwarzen Haare sind geplättet, ihr Kindermund in ihrem niedlichen schokobraunen Gesicht ist rosa geschminkt. Sie hat große, erstaunte Augen.

Melly schnieft. Ihr Stiefvater schlägt sie mit dem Gürtel, sagt sie. Melly steigt zu Flerlage-Hölzen und Michalka ins Auto. Sie will mit zum KJND, wo Kinder fürs Erste auch untergebracht werden können. Doch die Sozialpädagogen wollen sich selbst ein Bild von der Situation machen. Die zarte, viel zu junge Mutter von Melly öffnet die Tür. Tiefe Augenringe zeichnen ihr Gesicht. Sie könne einfach nicht mehr, sagt sie und knetet verzweifelt ein Geschirrtuch zwischen den Fingern. Es stellt sich heraus: Nicht Melly wird vom Stiefvater verprügelt, sondern die Mutter. Flerlage-Hölzen gibt ihr eine Notrufnummer. Melly bleibt vorerst zu Hause. Richtig? Falsch?

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  • Text: Verena Lugert
    BRIGITTE 14/08
    Fotos: Jörg Modrow und Michael Löwa