Gesellschaft
Die leise Revolte der Kopftuch-Frauen

Nach dem Koran leben und sich modisch stylen - die jungen und gut gebildeten Türkinnen sehen darin keinen Widerspruch. Die Zeitschrift "Âlâ" spiegelt dieses Lebensgefühl der neuen "Kopftuch-Frauen".

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Nurdan Işık, 24, arbeitet für "Etesettür", ein Online-Fashionportal von Frommen für Fromme

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Ebru Büyükdağ hat für das Treffen einen Ort vorgeschlagen, an dem sie sich vor ein paar Jahren noch nicht wohl gefühlt hätte: ein Restaurant in Istanbuls bester Lage. Weit unten glitzert der Bosporus. Passagierfähren navigieren durch die Strömungen zwischen dem europäischen und dem asiatischen Ufer der 13-Millionen-Metropole. Aus den Häusern zu beiden Seiten ragen dutzende Minarette. Es ist eine Aussicht, die früher vor allem Istanbuls weltlicher Elite vorbehalten war - nicht aber frommen Frauen wie Ebru Büyükdağ. Auf der weitläufigen Terrasse hätten die Kellner Cocktails serviert oder Weißwein zum Sonnenuntergang. Aber schon die Getränkekarte hätte Ebru Büyükdağ signalisiert: Das hier ist nicht dein Platz! Es wäre gewesen wie überall in Istanbul: Die elegantesten Lokale der Stadt, die schönsten Wohnviertel, die besten Jobs - all das waren jahrzehntelang die Privilegien säkularer Türken, der Richtung Europa gewandten Gefolgsleute von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk.

"Kopftuch-Frauen" und "islamisches Bürgertum"

Doch seit in der Türkei seit 2002 die AKP regiert, die islamisch geprägte "Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt" mit Ministerpräsident Recep Tayyib Erdoğan, dreht sich der Wind. "Islami burjuvazi", islamisches Bürgertum, so nennt sich die neue Mittelschicht: Es sind Konservative, die es aus bescheidenen Verhältnissen auf dem Land in die großen Städte geschafft haben. Das türkische Wirtschaftswunder der vergangenen Jahre hat auch ihnen Wohlstand beschert. Und den wollen sie nun zeigen. "Herr Ober, einen Sahlep bitte!" Im eleganten und teuren "Messt"-Restaurant hat man sich auf die Bedürfnisse der neuen gläubigen und zahlungskräftigen Kundschaft eingestellt. Kein Alkohol. Ebru Büyükdağ, 37 Jahre alt, lässt sich einen Sundowner aus heiser Milch und Orchideenwurzelextrakt servieren, zupft das seidene Kopftuch zurecht, unter dem sie ihre Haare verborgen hat, und blickt zufrieden in die Ferne. An ihren Fingern funkeln silberne Ringe. Vor sich auf dem Tisch hat die Istanbulerin die Insignien der urbanen Elite ausgebreitet: iPhone, iPad - daneben ein Stapel Hochglanzmagazine. Büyükdağ ist die Chefredakteurin von "Âlâ", dem neuen Style-Guide für die gläubige Türkin. Allmonatlich zeigt das Heft seinen Leserinnen: Frauen können fromm sein und gleichzeitig ein schickes Leben führen.

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  • Text: Eva Lehnen
    Fotos: Agata Skowronek
    BRIGITTE 2/2013
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