Der Runde Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich" kam im April 2010 erstmals zusammen, nachdem Missbrauchsfälle in verschiedenen öffentlichen, privaten und kirchlichen Einrichtungen bekannt geworden waren. Den Vorsitz teilten sich die ehemalige Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, die Bundesministerin für Justiz, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, sowie die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Kristina Schröder. Ziele waren unter anderem, Kinder zukünftig vor Missbrauch in Einrichtungen zu schützen, den Opfern Hilfen und finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen, sowie sich mit der rechtlichen Aufarbeitung der vergangenen Missbrauchsfälle auseinanderzusetzen.
Foto: imago/Felix Jason
BRIGITTE: Frau Enders, welche Erwartungen hatten Sie ursprünglich an den "Runden Tisch"?
Ursula Enders: Um eines vorab klar zu machen: Die Empfehlungen des "Runden Tisches" sind nicht zu kritisieren. Er hat wichtige Vorschläge zur Verbesserung der Situation von Opfern von sexuellem Missbrauch gemacht. Was zu kritisieren ist, ist die Politik, die davon so gut wie nichts umgesetzt hat.
BRIGITTE: Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?
Ursula Enders: Absolut! Alles, was die Politik macht, ist ihre Betroffenheit für die Vergangenheit auszudrücken, ohne dabei Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen. Die aktuell betroffenen Mädchen und Jungen, sowie die heute erwachsenen Betroffenen werden einfach hängen gelassen. Das ist eine Verhöhnung der Opfer, wenn man einerseits sagt "Wir müssen unbedingt etwas unternehmen" und anderseits faktisch keine Hilfe anbietet. Prävention ist schön und gut, aber die Politik blendet aus, was betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene aktuell wirklich brauchen.
„Das Ganze ist doch eine politische Heuchelei“
BRIGITTE: Was hat Sie besonders enttäuscht?
Ursula Enders: Dass die Bundeskanzlerin sich so vor ihrer Verantwortung drückt! Anfang der 90er Jahre war Angela Merkel Familienministerin und hat eine tolle Politik zu dem Thema gemacht. Es ist erschreckend, dass sie seit der Aufdeckung der Missbrauchsskandale ihre Verantwortung nicht wahrgenommen hat. Sie müsste einfach nur mal ein Machtwort im Interesse der Opfer sprechen. Ebenso ärgert mich unsere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Sie selbst beschuldigt die Länder, sich nicht an dem geplanten Hilfsfonds für Betroffene von sexuellem Missbrauch zu beteiligen, dabei hat sie bisher noch nicht einmal ihren eigenen Gesetzesentwurf zur Stärkung der Opferrechte im Strafverfahren und zivilrechtlichen Auseinandersetzungen durchgeboxt. Das Ganze ist doch eine politische Heuchelei, in dem sich die Verantwortlichen gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben.
Anm. der Red.: Geplant war ein Fonds für sexuelle Missbrauchsopfer im Umfang von 100 Millionen Euro. Die Kosten sollten sich Bund und Länder teilen. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) forderte die Länder jetzt auf, ihren Anteil für den geplanten Fonds zur Verfügung zu stellen. Diese wiederum werfen der Politikerin vor, es gebe kein Gesamt-Konzept des Bundes für den Fonds und es sei nicht klar, wofür genau das Geld verwendet werde.
BRIGITTE: Und bei dem ganzen Hin und Her geraten die eigentlich Betroffenen in Vergessenheit. Was brauchen die Opfer denn momentan besonders akut?
Ursula Enders: Das größte Problem sind bundesweit die großen Lücken im Hilfesystem. Wir von "Zartbitter" bekommen z. B. vom Land Nordrhein-Westfalen heute weniger Geld für unsere Beratungsarbeit als Mitte der 90er Jahre und mussten sogar mangels Finanzen Stellen abbauen. Täglich müssen wir Beratungsanfragen abweisen. Das ist kaum auszuhalten! Außerdem gibt es bundesweit bisher kaum Beratungsangebote für männliche Opfer, kaum Hilfen für Opfer mit Behinderungen und einen Mangel an Beratungsangebote für betroffene Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund. Fakt ist: Kinder und Jugendliche haben noch immer keinen Rechtsanspruch auf eine Beratung im Falle eines Missbrauchs. Das Beratungsangebot ist nach dem Gesetz lediglich eine sogenannte "freiwillige Leistung der Jugendhilfe", d.h. Länder und Kommunen sind bisher nicht verpflichtet, spezielle Beratungen zu finanzieren. Deshalb ist eines der Grundanliegen der Petition der Fachberatungsstellen gegen sexuellen Missbrauch, den Rechtsanspruch von Opfern sexueller Gewalt endlich einzufordern.
















-
am um
-
Sternen-Tiger
am 23.02.13 um 00:10
Leider findet sexueller Missbrauch nicht nur in Institutionen, sondern zumeist im häuslichen Umfeld und da in extremen Dimensionen statt: "Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass als Mittelwert 7.4 % (mit 6 %–10 % als 95 % Konfidenzintervall) der Männer und 19,2 % (mit 17 %–22 % als 95 % Konfidenzintervall) der Frauen weltweit in der Kindheit das Opfer sexueller Gewalt waren."
-
Marsha
am 22.02.13 um 08:07
50 % muss ich hinnehmen. Einmal Opfer, immer Opfer ? Der Staat und die Kirche können sich nun anhand eines eigenen Gesetzes selbst vor angemessenen Zahlungen schützen! Das ist unglaublich! Obwohl ich alles nachweisen konnte, bleibe ich allein auf dem Schaden sitzen. 17 Jahre vor dem Renteneintrittsalter aus dem Arbeitsleben ausgeschieden. Täter sind Staat und Kirche und bleiben verschont. Es ist schwer, das so hinzunehmen.
-
Marsha
am 22.02.13 um 07:51
Ich selbst wurde in den Siebzigern Opfer von sexueller Gewalt. Ich habe das Opferentschädigungsgesetz "erfolgreich" bestanden, allerdings ohne eine Entschädigung zu erhalten. Das Ergebnis: Der Grad der Schädigung aufgrund der sexuellen und körperlichen Misshandlung ist 80 !! Eine Rente erhalte ich nicht aufgrund der Härteregelung für Opfer vor 1976 ! Ich bin seit meinem 50. Lebensjahr auf Dauer voll erwerbsgemindert, habe finanzielle Einbußen von 50 % ! Jetzt verweist man auf den Runden Tisch Heimerziehung indem im günstigsten Fall jedem Opfer eine Sachleistung in maximaler Höhe über 10 T€ nach Prüfung des BEdarfs zukommt. Ich bin 17 Jahre vor dem Renteneintrittsalter aus dem Berufsleben ausgeschieden, Altersvvorsorge und Rücklagen fallen weg. Ich kann hierzu nur sagen: Einmal Opfer, immer Opfer. Der Staat und die Kirche haben mich schwer beschädigt und können sich nun anhand eines eigenen Gesetzes wieder freisprechen. Es fällt mir sehr schwer, das hinzunehmen.
-
Angelika Oetken
am 21.02.13 um 19:50
"Die Politik verhöhnt die Opfer"?
-
missbrauchsopfer
am 21.02.13 um 19:18
www.rundertisch.markusschmalzried.de
-
roswitha
am 21.02.13 um 18:23
falls ein opfer den mut hat seinen peiniger anzuzeigen hat es wenig aussicht auf erfolg. neun von zehn tätern verlassen den gerichtsaal mit einem grinsen. hat man schon jemals gehört, dass ein prominenter, politiker, eine person mit "ehrenwerten" beruf eine strafe erhielt? ich weiss wovon ich rede, bin eine betroffene mutter die mit einem traumatisierten kind zurückblieb...
-
jessy
am 21.02.13 um 13:30
Toller Artikel! Wichtig finde ich beim Thema sexuellen Missbrauchs auch, den Bereich der Zwangs- und Kinderprostitution nicht außer Acht zu lassen. Denn auch hier besteht eine riesige Dunkelziffer und die Opfer werden gesetzlich im Stich gelassen. So erhalten ausländische Opfer von Zwangsprostitution, nachdem sie sich von ihren Peinigern befreien konnten, kein Aufenthaltsrecht in Deutschland. Sie müssen dann häufig in ihre Heimatländer zurück, in denen sie von ihren Verwandten verkauft wurden und erhalten keinerlei Behandlung oder überhaupt Schutz für Leib und Leben. Das ist meiner Meinung nach auch ein Skandal und schützt letztlich die Täter!
-
Sola
am 21.02.13 um 12:12
BRAVO! Endlich mal jemand der sagt was Sache ist! In Deutschland wird definitiv viel zu wenig für Opfer und Hilfsprojekte zu diesem Thema getan. Für Täter gibt es, lt. Politik und "Experten", ja so gute Heilungschancen und es wird weiter in deren Therapien investiert.... Ich koche vor Wut wenn ich diesen Irrglauben lese/höre...und was ist mit den Kindern? Ich schäme mich zu tiefst für dieses System und auch die Feigheit von Frau Merkel und Co. ist eine Schande! Schafft endlich härtere Strafen für die Täter, und dies nicht erst in 10 Jahren!!! Den Opfern muss geholfen werden, in deren Genesung muss investiert werden und das sofort. Das sich nicht darum kümmern wollen der Politiker ist doch in Wahrheit "unterlassene Hilfeleistung"!
mehr (8)"Die Ergebnisse hier (in Deutschland) sind Häufigkeiten zwischen 12,5 % und 29 % bei Frauen und zwischen 4 % und 8,2 % bei Männern." (Quelle: Prof. Dr. Peter Zimmermann unter Mitarbeit von Dr. Anna Neumann Dipl.-Psych. Fatma Çelik: Sexuelle Gewalt gegen Kinder in Familien Expertise im Rahmen des Projekts „Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen".)
In der Regel sind die Täter zu ca. 97% Männer. Bei 16,5 % kommt man auf eine Zahl von männlichen Tätern, die 6.562.000 beträgt und bei 37,2 % auf 14.794.000 Männer, die sexuell missbraucht haben - wer berichtet eigentlich über dies
"Die Politik", das sind doch die von uns gewählten PolitikerInnen. Und die tun das, was ihnen zweckmäßig erscheint. Politik ist immer ein Abwägen von Interessen und Machtverhältnissen, viel Taktiererei. Das eigentliche Problem der Missbrauchsopfer ist, dass sie als schwächliche, bedürftige Randgruppe wahrgenommen werden. Und als ideale Projektionsfläche für allerlei Lebensängste.
Dabei sind wir sehr viele und überall. Auch im Abgeordnentenhaus, im Bundestag und den Ministerien wird Statistik Statistik sein und mind. jede achte Person Opfer schweren Missbrauchs in der Kindheit. So wie es beim Rest der Bevölkerung auch ist.
Erst wenn eine kritische Masse von Missbrauchsbetroffenen sich auch öffentlich als solche zeigt, wird sich etwas verändern.
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von über 7 Millionen Wahlberechtigten in unserem Land, die in der Kindheit Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden