Gleichberechtigung
"Tussikratie": Übertreiben wir es mit dem Feminismus?

Seit einigen Jahren reden wir wieder viel über den Feminismus. Zu viel, meinen die Autorinnen des Buches "Tussikratie". Wir haben sie gefragt, was sie gegen Frauenförderung haben und ob ihnen die Männer leidtun.

"Frauen können heute nichts falsch und Männer nichts richtig machen." Mit dieser These fordern Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling die Frauenförderer in Deutschland heraus. In ihrem neuen Buch "Tussikratie" beschreiben die Autorinnen, warum sich Frauen heute mit der Geschlechterdebatte oft selbst im Weg stehen. BRIGITTE-Redakteurin Michèle Rothenberg sprach mit ihnen über Frauen als Weltenretter, Diskurspolizisten und eine fehlende Männerbewegung.

Die Autorinnen: Theresa Bäuerlein, 33, ist freie Journalistin und Autorin und lebt in Berlin, Friederike Knüpling, 32, ist Doktorandin an der Stanford University in Kalifornien.

Die Autorinnen: Theresa Bäuerlein, 33, ist freie Journalistin und Autorin und lebt in Berlin, Friederike Knüpling, 32, ist Doktorandin an der Stanford University in Kalifornien.

Foto: Andreas Geigl / Tom Eckert

Sie schreiben in Ihrem Buch: "So einen guten Ruf wie heute hatten Frauen in Deutschland noch nie." Das ist doch eine gute Nachricht. Warum gönnen Sie das den Frauen nicht?

Theresa Bäuerlein: Es ist nicht so, dass wir es den Frauen nicht gönnen, wir sind ja selber welche. Wir kritisieren, dass Frauen heute entweder als Weltenretter dargestellt werden, oder als arme Opfer, die von den Männern unterdrückt werden. Das ist ein Widerspruch, der verwirrend ist und unangenehm. Die beiden Extreme verstellen den Blick dafür, wie die Welt wirklich ist.

Aber ist es nicht typisch für eine Übergangszeit, dass eine Gesellschaft zwischen Extremen pendelt? In vielen Bereichen sind Frauen noch benachteiligt, während manche schon dabei sind, die Welt zu verändern.

Theresa Bäuerlein: Natürlich sind wir in einer Übergangszeit. Aber ich halte es nicht für selbstverständlich, dass diese Zeit zu einer gleichberechtigten Gesellschaft führt. Im Moment sieht es eher so aus, als ginge es darum, den Spieß umzudrehen. Nach dem Motto 'Die Männer haben es versaut, jetzt müssen die Frauen es richten.'

Friederike Knüpling: Wir glauben, dass die ganze Gleichstellungdebatte den Frauen nicht guttut. Sie beschert ihnen eben nicht eine 'Hochzeit in der Weltgeschichte der Frauen', wie es oft beschrieben wird. Es überfordert viele Frauen, dass sie ständig als diejenigen, die die Männer endlich überrunden sollen, dargestellt werden. Es ist eine schwierige Welt, in der wir leben, und die Probleme, die wir haben, müssen Männer und Frauen gemeinsam lösen.

"Tussikratie", 320 Seiten, Heyne Verlag, 16,99 Euro

"Tussikratie", 320 Seiten, Heyne Verlag, 16,99 Euro

Und die "Tussi", um die es in Ihrem Buch geht, ist diejenige, die die Debatte am lautesten führt?

Theresa Bäuerlein: Die 'Tussi' ist für uns keine bestimmte Person, sondern eine innere Haltung, die heute viele haben, Frauen wie Männer. Sie legen an jedes Thema die Perspektive der Frauenbenachteiligung an. Auch dann, wenn eigentlich andere Fragen wichtiger wären.

Friederike Knüpling: Auf diese Weise werden Geschlechterrollen eher zementiert als aufgelöst. Theresa und ich haben festgestellt, dass wir uns in den letzten Jahren durch die vielen Beiträge zur Frauenfrage plötzlich viel stärker 'als Frauen' wahrgenommen haben als früher. Oft behindert uns das aber. Es kann einem die Energie nehmen, die in individuellen Zielen steckt. Stattdessen sieht man sich als eine von denen, die unweigerlich Opfer von Diskriminierung sind, selbst wenn sie das selbst vielleicht gar nicht spüren.

Aber ist die Tussi-Haltung nicht nur ein Extrem der Debatte? Sie selbst beschreiben im Buch auch viele nachdenkliche Stimmen.

Theresa Bäuerlein: Ja, aber es ist schon so, dass nur bestimmte Meinungen erlaubt sind. Wir nennen das auch 'Diskurspolizei'. Wer es wagt, ein anderes Bild von einer Frau zu zeichnen, von einer, die vielleicht keine Führungsposition oder keinen Job in einer Männerbranche will, wird abgestraft. Uns stört auch der Gruppenzwang. Wenn eine Frau keine Kinder möchte oder sich nicht automatisch auf die Seite der Mütter schlägt, wird sie angegriffen. Als würden alle Frauen das Gleiche wollen oder denken. Eine offene Diskussion sieht anders aus.

Sie wünschen sich also weniger Schwarz-Weiß in der Debatte. Wenn die Frauen aber nur in Grauschattierungen argumentieren - hört ihnen dann noch jemand zu?

Friederike Knüpling: Sicher muss man auch mal überspitzt und radikal sein. Aber man muss dann auch wieder einen Schritt zurücktreten und sich anschauen, wie es weitergehen kann und was unser Ziel ist. Wir brauchen einen echten Meinungsaustausch. Einen Streit, in dem neue Handlungsmöglichkeiten gefunden werden können.

Sie sagen "Männer können heute nur alles falsch machen." Tun Ihnen die Männer leid?

Friederike Knüpling: Ich denke, dass Männer genauso von Rollenbildern eingeschränkt werden wie Frauen. Männer haben es zum Beispiel scheinbar viel schwerer, im Beruf auf Teilzeit zu gehen und sich mehr um die Familie zu kümmern. Es kommt mir oft so vor, als hätten Frauen insgesamt mehr Möglichkeiten zu wählen, auch in dem, was sie erleben wollen, was sie fühlen und artikulieren dürfen. Das zeigt sich schon in der Mode. Frauen können sich viel mehr ausdrücken, heute einen Anzug tragen und morgen ein Blumenkleid. Die Mode für Männer ist viel einseitiger.

Theresa Bäuerlein: Mir tun die Männer leid, weil sie bislang keine echte Männerbewegung hatten. Und offenbar glauben, das bräuchten sie nicht. Es gibt zwar ein paar Gruppen, die sich zu Wort melden, aber das ist ein wütender Protest, der nicht viel bewirkt. Es geht selten darum, was Männer wirklich wollen. Das fängt bei den Kindern an: Den Mädchen wird beigebracht, dass sie alles einfordern sollen, was sie möchten. Und den Jungen bringen wir bei, sich zurückzunehmen. Wir schlagen ihnen vor, Berufe wie Erzieher oder Altenpfleger zu wählen, von denen Mädchen jetzt auch gern mal abgeraten wird. Und trotzdem wird am Ende der Hausmann, der mit selbstgebackenem Kuchen in der Kita erscheint, belächelt. Wir alle müssen unser Männerbild hinterfragen und über echte Wahlmöglichkeiten sprechen.

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