Interview
Burnout: Hilfe, ich brenne aus!

Sie sind gerade mal um die 30, motiviert und brennen für ihren Beruf: Junge Frauen sind besonders Burnout-gefährdet. Warum das so ist und wo es gegen Burnout Hilfe gibt, erklärt die Münchener Ärztin Dr. Dagmar Ruhwandl.

BRIGITTE: Frau Dr. Ruhwandl, welche Leute kommen in Ihre Praxis für Burnout- Prävention?

Dr. Dagmar Ruhwandl: Normalerweise sind meine Klienten Frauen wie Männer zwischen 35 und 40 Jahren. In letzter Zeit kamen aber überdurchschnittlich viele junge Frauen um die 30 in meine Praxis - und die wurden häufig von ihren Partnern oder Freunden geradezu genötigt, sich mit ihrem Burnout auseinanderzusetzen.

BRIGITTE: Merken sie denn selbst nicht, dass sie ausgebrannt sind?

Dr. Dagmar Ruhwandl: Es ist ein Merkmal der im Fachjargon genannten "Anpassungsstörung", dass man sein eigenes Körperempfinden nur schwer einordnen kann. Man realisiert später als Außenstehende, dass man im Grunde schon längst fix und fertig ist.

BRIGITTE: Aber es muss doch irgendwelche Anzeichen des Ausgebranntseins geben.

Dr. Dagmar Ruhwandl: Irgendwann schläft man vielleicht schlecht, bekommt Rückenschmerzen oder Magenprobleme. Aber selbst körperliche Symptome werden oft noch falsch gedeutet. Ich hatte schon junge Frauen bei mir, die fürchteten, sie hätten Krebs - dabei waren sie vor allem seelisch mit den Kräften am Ende.

BRIGITTE: Wie würden Sie die Lebensumstände der Betroffenen beschreiben?

Dr. Dagmar Ruhwandl: Häufig sind es junge Frauen, die eine gute Ausbildung haben und jetzt ins Berufsleben reinkommen müssen. In dieser Situation wollen sie nicht wahrhaben, dass sie erschöpft sind - bevor es überhaupt richtig angefangen hat. Und sie können es auch nicht. Wer mag sich schon eingestehen, dass der 1000-Meter-Lauf nach wenigen Schritten wegen Seitenstechens vorbei ist?

BRIGITTE: Aber warum sind sie so früh schon am Ende? Weil viele mit Kurzzeitverträgen, Praktika oder Schwangerschaftsvertretungen hingehalten werden?

Dr. Dagmar Ruhwandl: Manche Arbeitgeber nutzen es sicherlich aus, dass junge Menschen brennen für das, was sie tun. Und junge Frauen brennen fast noch häufiger als junge Männer, weil sie sich selber noch stärker unter Druck setzen und sich nicht so gut distanzieren können. Sie sind öfter perfektionistisch veranlagt als die Männer. Wenn sie dann in Berufen arbeiten, in denen sie viel mit anderen Menschen kommunizieren müssen, kommt der Druck von allen Seiten. Und oft erhalten sie eben keine Anerkennung in Form von Einfluss, Lohn oder einer weiterführenden Beschäftigung. Werden sie von den Chefs überfordert? In der Regel lassen sie sich gern fordern. Schlimmer als die reine Arbeitsbelastung ist aber die Kränkung durch Nichtanerkennung - die macht krank.

BRIGITTE: Ist vielleicht auch die Wirtschaftskrise mit ihren Einstellungsstopps und Sparzwängen ein Grund dafür, dass jetzt mehr junge Frauen zu Ihnen kommen?

Dr. Dagmar Ruhwandl: Ich habe eher den Eindruck, dass einige meiner Klientinnen vermehrt unter Burnout leiden, seit es das Elterngeld gibt.

BRIGITTE: Dabei soll das Elterngeld die Situation berufstätiger Eltern doch verbessern.

Dr. Dagmar Ruhwandl: Es scheint aber für einige junge Frauen zu bedeuten, dass sie sich noch mehr unter Druck setzen, um gut und sicher verdient zu haben, bevor sie ein Kind kriegen. Damit das Elterngeld höher ausfällt und damit sie anschließend wieder in den Job reinkommen, in dem sie sich als gut erwiesen haben. Und vor dem zweiten Kind wird dann wieder rangeklotzt. Bis man eines Tages nicht mehr kann.

BRIGITTE: Wie kommt man denn aus dieser Zwickmühle wieder heraus?

Dr. Dagmar Ruhwandl: Zuerst muss die Betroffene selbst artikulieren lernen: "Bei mir stimmt etwas nicht."

BRIGITTE: Und wie verhelfen Sie Ihren Patientinnen dann zu mehr Ausgeglichenheit?

Dr. Dagmar Ruhwandl: Wir beginnen mit Entspannungsübungen. Dann versuchen wir, mehr Ruhe in den Alltag zu bringen. Und schließlich versuchen wir herauszukriegen, warum die Klientin so über ihr Limit geht. Oft hat sie die Leistungsbereitschaft von den Eltern mitbekommen. Oder es gibt eine Verletzung, die einen derart antreibt. Eine meiner Klientinnen hatte beispielsweise beide Eltern verloren, war bei einer lieblosen Stiefmutter aufgewachsen, hat gerackert, bis sie eine eigene Praxis und eine eigene Familie hatte - und ist dann zusammengebrochen.

BRIGITTE: Das ist aber ein Extrem.

Dr. Dagmar Ruhwandl: Aber symptomatisch ist das Bestreben, erst alles in trockenen Tüchern zu haben, bevor man sich um sich selbst kümmert. Die meisten jungen Frauen glauben, sie könnten sich erst ihrem Innenleben widmen, wenn die äußeren Verhältnisse stabil sind. Das ist falsch. Nur wer Ruhe hat, hat Kraft und kann gut im Job sein. Alle meine Klientinnen lieben ihren Beruf. Sie müssen nur lernen, auf sich selbst zu achten. Denn eine Perfektionistin wird auch in zehn Jahren noch eine sein.

  • Interview: Nataly Bleuel

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