Insolvenz der Drogeriekette

Schlecker-Kündigungen: "Uns Frauen lässt man im Stich"

Der Versuch, 11.000 Schlecker-Mitarbeiterinnen vor Kündigungen zu bewahren, ist gescheitert. Da mehrere FDP-Minister eine Finanzierung von Transfergesellschaften abgelehnt haben, stehen die Frauen womöglich schon ab Montag auf der Straße. Wir haben mit der Schlecker-Mitarbeiterin Karin Lübke über die Hiobsbotschaft gesprochen. Sie arbeiten seit zehn Jahren bei Schlecker als Verkäuferin und leitet den Betriebsrat in ihrem Bezirk. Ihren echten Namen möchte sie nicht nennen, wir haben ihn daher geändert.

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Schlecker-Firmensitz: "Die Familie lässt nichts von sich hören."

Schlecker-Firmensitz: "Die Familie lässt nichts von sich hören."

Foto: Imago

BRIGITTE.de: Am Donnerstag wurde bekannt, dass es keine Transfergesellschaften geben wird. Rund 11.000 Schlecker-Mitarbeiterinnen müssen mit Kündigungen rechnen. Wie geht es Ihnen im Moment?

Karin Lübke*: Es geht uns sehr schlecht. Wir Betriebsräte und alle Mitarbeiter haben bis zuletzt gehofft, dass die Bundesländer doch noch die Gelder für die Transfergesellschaften bewilligen. Doch leider wollte die FDP nicht so wie wir und ließ ihre Wirtschaftsminister dagegen stimmen. Das ist natürlich für jeden Mitarbeiter, der sich schon auf die Transfergesellschaft eingestellt hat, ein harter Schlag. Wir hatten uns diese Lösung vor allem für die älteren Mitarbeiterinnen gewünscht, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich weiterzuqualifizieren und in Ruhe auf einen neuen Job vorzubereiten. Jetzt geht das ganze Theater wieder von vorne los.

BRIGITTE.de: Sind Sie wütend auf die Politiker?

Karin Lübke: Ich bin maßlos enttäuscht. Es geht ja nicht darum, dass die Firma Anton Schlecker gerettet wird. Es geht darum, 11.000 Frauen eine Chance zu geben. Bei Opel oder Nokia wurden auch Transfergesellschaften gegründet, was sehr gut funktioniert hat, aber uns Frauen lässt man im Stich. Ich bin nicht nur wütend auf die FDP, die die Folgen ihrer Entscheidung spätestens bei der nächsten Wahl spüren wird. Ich hatte mir auch von unserer Bundeskanzlerin mehr erhofft. Es wurden zahllose Petitionen und Unterschriftenlisten an sie geschickt, aber Angela Merkel hat nicht einmal reagiert.

BRIGITTE.de: Hat sich die Konzernleitung je in irgendeiner Form an die Mitarbeiter gewandt?

Karin Lübke: Nein. Wir haben viel Kontakt zum Insolvenzverwalter, aber die Familie Schlecker selbst lässt gar nichts mehr von sich hören. Und ehrlich gesagt, will man nach all den schlimmen Wochen auch keine mitfühlenden Worte mehr hören.

BRIGITTE.de: Es wird nun mit einer Klagewelle gerechnet. Raten Sie als Betriebsrätin Ihren Kollegen zu klagen?

Karin Lübke: Ich persönlich kann jeden verstehen, der klagen möchte, und ich rate auch nicht davon ab. Eine Klagewelle bedeutet natürlich eine weitere finanzielle Belastung für den Konzern, und ist somit gefährlich für die noch nicht gekündigten Mitarbeiter. Denn wenn gar kein Geld mehr da ist, wird es schwer, einen neuen Investor zu finden. Auf der anderen Seite ist es verständlich, wenn die gekündigten Kollegen darauf keine Rücksicht nehmen und nun erstmal an sich selbst denken. Wir müssen aber auch erstmal abwarten, wie hoch die Abfindungen sein werden. Die Kündigungen werden ja heute erst verschickt. Womöglich gibt es gar nicht so viele Klagen wie befürchtet.

BRIGITTE.de: Ist Ihr eigener Betrieb auch geschlossen worden?

Karin Lübke: Ja, bei uns im Ort wurden alle Läden geschlossen. Die Mitarbeiterinnen wurden nun erstmal auf Filialen in anderen Orten verteilt und müssen oft etliche Kilometer fahren. 60 Prozent meiner Kollegen werden voraussichtlich eine Kündigung bekommen. Für die anderen geht das Bangen weiter, was auch nicht unbedingt besser ist.

BRIGITTE.de: Also lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende?

Karin Lübke: Natürlich ist beides furchtbar, aber wer gekündigt ist, kann wenigstens aktiv werden, zum Arbeitsamt gehen und sich neu orientieren. Wir anderen hängen weiter in der Luft, pendeln zwischen Hoffnung und Sorge und können selbst kaum etwas beeinflussen. Das ist auf Dauer sehr zermürbend.

*Name von der Redaktion geändert

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  • Interview: Michèle Rothenberg