Belästigung am Arbeitsplatz
Sexismus im Job: "Frauen machen sich oft klein"

Sexismus im Job geht gar nicht - trotzdem wehren Frauen sich viel zu selten. Die Psychologin Brigitte Roser erklärt, warum uns das so schwerfällt und wie man am besten auf sexistische Bemerkungen reagiert.

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Brigitte Roser ist Diplom-Psychologin und berät Unternehmen, u.a. zu den Themen Führungskultur, Konfliktmanagement und Teamentwicklung.

Brigitte Roser ist Diplom-Psychologin und berät Unternehmen, u.a. zu den Themen Führungskultur, Konfliktmanagement und Teamentwicklung.

BRIGITTE: Was kann eine Frau bei einer sexistischen Bemerkung tun? Ganz praktisch: nach fünf Sekunden, nach fünf Minuten, nach fünf Tagen?

Brigitte Roser: Zuerst mal Stopp sagen. Sofort. So unmittelbar wie möglich. So klar und so groß wie möglich. Frauen machen sich oft klein. Verbal, aber auch körperlich. Aber wie ich dastehe, macht nicht nur Eindruck nach außen, sondern macht auch etwas mit meinen eigenen Empfindungen. Und je gerader ich bin, desto kräftiger.

Also: Kreuz durchstrecken...

... in die Augen schauen, Mund aufmachen: "Ich will nicht, dass Sie so mit mir reden." Das ist in der Situation verdammt schwierig. Aber man kann das vorher üben. Einfach mit einer Freundin im Rollenspiel ein paar Mal durchgehen. Haltung, Klarheit, Bodenhaftung. Eine Frau kann natürlich auch sofort zurück schießen.

Einen männerfeindlichen Witz feuerbereit halten?

Genau. Das ist natürlich nicht die Lösung des Themas. Aber immerhin eine für die Situation. In der Fairnessforschung nennt man das Tit-for-Tat-Prinzip. Einer wird unfair, dann quittiere ich einmal zurück und biete dann wieder Fairness an. Ein Kollege hat mal empfohlen laut, langsam und deutlich zu wiederholen, was einem da gerade Sexistisches zugeraunt wurde.

"Sie - meinen - wirklich, - ich – hätte – den – besten – Arsch - der - Abteilung, - Herr – Dr – Mayer?"

Und zwar so laut, dass es jeder im Umkreis von zehn Metern hört. Finde ich gut. Aber natürlich kann man keiner Frau vorschreiben, sich gegen ihren Chefarzt oder Uniprofessor zu wehren. Das ist ein persönliches Risiko, das jede Frau für sich abwägen muss. Die ganze Diskussion ist nur kontextbezogen zu führen. Was permanent passiert, ist den Kontext rauszunehmen. Dann wird alles schief und falsch.

Was ist der Kontext?

Der Kontext heißt zum Beispiel: Wie viele Frauen haben wir in Führungspositionen? Wie viel verdienen Frauen weniger als Männer? Witze werden immer hierarchieabwärts gemacht. Wenn Macht in Unternehmen gleich verteilt wäre, dann würden wir eine völlig andere Sprache miteinander haben müssen und können, dann würde sich das Thema wahrscheinlich in Luft auflösen.

Was kann ich nach fünf Minuten tun?

Wahrnehmungsstützen organisieren, mit Kolleginnen sprechen. Vielleicht sich schon für das nächste Mal wappnen: Was hättest du denn da gesagt? Die Frage ist: Will man auf den nächsten Anlass warten? Manchmal ist es notwendig, eine Beziehung zu klären. Das kann auch nach fünf Tagen sein: Pass auf, ich habe in der Situation nichts gesagt, ich war nicht in der Lage zu reagieren. Ich habe mich wahnsinnig geärgert. Und ich möchte es dir jetzt sagen, mit Ruhe und Abstand: Ich will diese Art von Kontakt nicht.

Warum ist das so schwer?

Das Problem ist, dass es für uns Frauen keine sympathische Rolle gibt, aus der heraus wir antworten können. Entweder ich sage nichts - dann stimme ich zu. Wende ich mich dagegen, bin ich prüde oder eine Zicke. Spiel ich mit, gehe ich in den halbseidenen Bereich. Aus welcher Rolle heraus kann ich sagen: Ich mag das nicht? Es gibt in diesem Spiel für uns nichts zu gewinnen. Oft gehen Frauen irgendwann aus dem Feld. Sie haben keine Lust, dafür zu kämpfen, die Kommunikation in eine Richtung zu bringen, in der sie sich wohler fühlen. Bin ich auf der Welt, um die Kommunikationskultur zu ändern? Die gehen einfach, machen sich selbständig oder woanders hin. Das ist kontraproduktiv - aber verständlich.

Sind Frauen zu wenig solidarisch?

Oft ja. Dazu gehört die Reaktion: "Mir macht das alles gar nichts aus." Genauso wie die Aussage: "Ich habe das noch nie erlebt." Sie brauchen dabei nur ein paar Minuten zu reden, dann haben sie zehn Situationen zusammen.

Eine Frau, die sagt: Ich habe das noch nie erlebt...

... der glaube ich nicht. Selbst wenn wir nicht genau den Punkt definieren können, wann ein missglücktes Kompliment zu einer deplatzierten Anmache kippt - wir fühlen das. In dem Moment, in dem es passiert, spürt das jede Frau. Jede Frau vielleicht an einer anderen Stelle. Aber wir spüren das. Sexuelle Belästigung ist das, was den anderen belästigt. Punkt.

Was können Männer tun?

Sie müssen aufhören wegzuschauen. In dem Moment, in dem ein Mann sagt, du ich mag nicht, wie du über die Frau sprichst, käme eine Wende in viele Situationen. Es gibt doch in jeder Abteilung einen Oberchauvi. Welcher Vorgesetzte schreibt seinem Mitarbeiter denn schon mal in die Beurteilung, dass er mit seinen Machosprüchen aufhören soll? Darüber hinweg zu witzeln bedeutet auch: Es ist okay. Und das ist es eben nicht.

  • Artikel vom 22.02.2013
    Interview: Georg Cadeggianini
    Teaserbild: gokhanilgaz/istockphoto.com
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