Gleichberechtigung
Piratin Anke Domscheit-Berg: "Auch Frauen haben Stereotype im Kopf"

Sie ist Frauenrechtlerin und möchte für die Piratenpartei ins Europaparlament. Ein Gespräch mit Anke Domscheit-Berg über die Notwendigkeit, den herrschenden Politikstil und das Arbeitsleben zu reformieren, damit Frauen zum Zug kommen.

Foto: imago/Müller-Stauffenberg

Anke Domscheit-Berg

Die 46-Jährige wuchs in der DDR auf, arbeitete später als Führungskraft und Unternehmensberaterin. Sie setzt sich vor allem für die Förderung von Frauen in Politik und Wirtschaft ein. Außerdem engagiert sie sich für das Thema "Open Government" - also die stärkere Öffnung von Regierung und Verwaltung gegenüber der Öffentlichkeit. Ihr neues Buch heißt "Mauern einreißen - weil ich glaube, dass wir die Welt verändern können" (Heyne, 384 Seiten, 19,99 Euro). Anke Domscheit-Berg tritt am 25. Mai 2014 für die Piratenpartei bei der Europawahl an.

BRIGITTE: Wie attraktiv ist das politische Geschäft für Frauen?

Anke Domscheit-Berg: Hochgradig unattraktiv.

Woran liegt das?

Es fängt zum Beispiel damit an, dass man als Bundestagsabgeordnete keine Elternzeit nehmen darf. Diejenigen, die das wollen, haben schlicht Pech gehabt. Sie dürfen ja noch nicht einmal ein Baby in den Plenarsaal mitbringen. Im Europaparlament ist das erfreulicherweise anders.

Nach dem Wegfall der Drei-Prozent-Hürde sind die Zweifel am Einzug der Piratenpartei verstummt. Ist Ihnen die Entscheidung schwergefallen, fürs Europaparlament zu kandidieren?

Absolut. Ich habe einen 13-jährigen Sohn, den ich wohl in Zukunft selten sehen werde, weil Europaabgeordnete ständig pendeln müssen zwischen Brüssel, Straßburg und ihrem Heimatort. Nur noch Koffer und Hotel – das ist nicht gerade angenehm für Familien. Trotz der Nachteile, die der Schritt birgt, glaube ich, dass ich es durchhalten kann. Ich habe politisches Stehvermögen, die Unterstützung der Partei, aber vor allem den Rückhalt meiner Familie.

Welche Nachteile nehmen Sie noch in Kauf?

Ich war froh, die Drehzahl endlich heruntergefahren und eine neue Freiheit gewonnen zu haben. Wenn beispielsweise an einem Mittwochvormittag die Sonne scheint, kann ich heute sagen: "Ich gehe jetzt in den Garten, die Arbeit erledige ich später." Zuvor habe ich fünfzehn Jahre sehr hart in einer Welt gearbeitet, in der Frauen immer noch besonders kämpfen müssen. Gerade in der männerdominierten IT-Branche haben Frauen es schwer. Und ich bin sicher: Im Parlament werde ich wieder täglich erleben, wie uns die Arbeitskultur das Leben schwer macht.

Was kritisieren Sie an der politischen Arbeitskultur?

Den Umgangston. Ich bin nicht aus Stein, persönliche Angriffe gehen nicht spurlos an mir vorbei. Es ist schwer, Attacken, die vermutlich eher eine politische Richtung oder ein Amt als solches meinen, nicht persönlich zu nehmen, wenn sie persönlich adressiert werden.

Befürchten Sie persönliche Angriffe?

Man macht es ja nie allen recht und wird zur Zielscheibe. Diejenigen, die sagen, man solle nicht so empfindlich sein, sind Teil des Problems. Ich will nämlich gar nicht abstumpfen. Wollen wir etwa, dass nur abgehärtete Menschen Politik machen? Das Ergebnis derartiger Strukturen sieht man, wenn man sich mit den Themen Hartz IV oder Asylpolitik befasst. Wir brauchen in diesem Geschäft mehr Menschlichkeit. Würden wir es schaffen, den Politikstil zu ändern, wären sicherlich auch mehr Frauen bereit, den Schritt in die Politik zu wagen. Es gibt hinreichend Studien, die zeigen, dass Frauen mit dem harten Stil Probleme haben.

Muss man sich an den herrschenden Politikstil anpassen, wenn man erfolgreich sein will?

Dem verweigere ich mich, andernfalls würde ich mich auch schämen. Und selbstverständlich gibt es auch Männer, die nicht so hart sind und Frauen, die sich anpassen und das klassische Spiel der Männer mitspielen.

Zum Beispiel?

Angela Merkel. Solche Frauen sind aber nicht die Mehrheit. Ich habe häufig erlebt, dass Frauen parteiübergreifend konstruktiver, sachbezogener und zielorientierter miteinander arbeiten als Männer. Ob sich das empirisch bestätigen lässt, weiß ich nicht. Selbst im Wahlkampf sind es auf den Podien selten Frauen, die sich verbal attackieren. Bei einigen Männern gehört das offenbar zur Folklore. Mit mehr Frauen nimmt auch der Grad an Sexismus ab, der ebenfalls in der Politik verbreitet ist.

Halten Sie denn eine Quotenregelung auf kommunaler Ebene für sinnvoll?

Auch wenn einige Gründe dagegen sprechen, bin ich eher dafür. Denn auf kommunaler Ebene sind nochmals deutlich weniger Frauen politisch aktiv als auf Bundesebene. Dass beispielsweise der Anteil an Frauen, die Bürgermeister sind, mit fünf Prozent kleiner ist als der Anteil von Frauen in den DAX-30-Vorständen, ist unerträglich.

Sie schreiben in Ihrem Buch "Mauern einreißen", dass Frauen im Beruf häufig an eine gläserne Decke stoßen. Welche Barrieren sind besonders schwer zu durchbrechen?

Eine besonders hinderliche Barriere ist die weite Verbreitung von Stereotypen. Es nervt, wenn Männern und Frauen ständig unterschiedliche Kompetenzen zugeordnet werden, als wären die Stärken und Schwächen von Geburt an vorgegeben. Das ist Unfug.

Ist es nicht ungerecht, für all das die Männer verantwortlich zu machen?

Das tue ich ja gar nicht! Männer beklagen sich zwar, man würde ihnen aktive Diskriminierung vorwerfen, aber ich glaube fest, dass die meisten Männer keine Frau bewusst diskriminieren - gerade im Berufsalltag geschieht das oft unbewusst. Außerdem haben auch Frauen Stereotypen im Kopf.

Welche zum Beispiel?

Führungskompetenz wird mit Männlichkeit assoziiert, soziale und kommunikative Fähigkeiten werden Frauen zugeschrieben. Es gibt zum Beispiel Experimente, die zeigen, dass die Personalauswahl nicht nur nach Kompetenz und Eignung erfolgt, sondern oft das Geschlecht den Ausschlag gibt. Zurzeit ist daher faktisch eine Männerquote in Kraft, wenn es um Führungspositionen geht. Eine andere Barriere ist das leidige Thema "Old-Boys-Networks".

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  • Interview: Manuel Schumann

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