Grünen-Parteitag 2008:
Mehr bewegen - aber was?
Er will rein. Der Türsteher lässt ihn nicht. Kein Ausweis, kein Einlass, so einfach ist das in Erfurt auf der Bundesdelegierten-Konferenz der Grünen. "Aber das ist der Parteichef," zischt ein Begleiter. Schließlich darf Reinhard Bütikofer - auch ohne sich auszuweisen - die Messehalle betreten und seine Abschiedsrede als Vorsitzender der Grünen halten.
Ich muss im Verlauf der nächsten Stunden noch oft an diese Szene denken: Ein passender Auftakt zu dem Ringen der Grünen um Macht und Haltungen. Wie die rund 500 Delegierten am ersten Abend der dreitägigen Veranstaltung über ihre Position zur Energiepolitik streiten, das nimmt streckenweise bizarre Züge an. Obwohl man sich in der Sache weitgehend einig ist: Der vollständige Verzicht auf nicht regenerative Energien soll festgeschrieben werden. Aber wann? 2030? Besser nur als Ziel, ohne zeitliche Vorgabe? Oder schon 2020? Die Stimmung heizt sich auf. Wir müssen mutiger sein. Nein, realistischer. Neinnein, radikaler.
Meine Güte, Leute, denke ich, wollt ihr die Menschen mitnehmen oder unter euch bleiben? Wollt ihr Wahlen gewinnen oder einen Wettstreit um Prinzipientreue führen? Debatten, heftig und endlos, sind gewollt. Dafür sorgt schon die Satzung. Nur bei der Partei Bündnis 90/Die Grünen haben prinzipiell alle Delegierten die Möglichkeit, jederzeit eine Rede zu halten. Wer etwas sagen will, wirft einen Zettel in einen Topf. Es gibt einen für Frauen und einen für Männer. Das Los entscheidet, wer reden darf. Fiftyfifty Frauen und Männer. Und während die Unbekannten und die Prominenten reden und reden, stapeln sich auf den Tischen der Delegierten und Journalisten die Zettel mit Änderungsanträgen zu Änderungsanträgen. Unablässig werden neue Zettel verteilt.
Zwischendrin stürmen grüne Jung-Aktivisten mit Mundschutz und einem riesigen Nagel aus Pappmaschee auf die Tribüne, sie wollen Renate Künast und Jürgen Trittin auf einen Kurs gegen Kohlekraftwerke festnageln. Bei den Wahlen fliegt Realo Fritz Kuhn aus dem Parteirat, die Parteilinke Claudia Roth wird als Parteichefin bestätigt, der moderate Cem Özdemir zum Nachfolger von Bütikofer gewählt. Alles ist möglich bei den Grünen, und selten weiß man sicher, wie eine Abstimmung ausgehen wird.
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