Köhlers Rücktritt: Arme Angie!

Dass Bundespräsident Horst Köhler zurücktritt, ist egoistisch, findet BRIGITTE-Redakteurin Silke Baumgarten. Denn jetzt hat unsere Bundeskanzlerin ein dickes Problem mehr.

Erst watscht er sie ab - und nun lässt er sie einfach schnöde im Stich: Angela Merkel tut mir echt leid. Mit dem überraschenden Rücktritt von Horst Köhler hat sie noch ein Problem mehr. Ganz Euroland wackelt, die Flut droht, Guido Westerwelle zeigt sich mal wieder unberechenbar (nun doch Gespräche mit der SPD in NRW) – und nun muss unsere Bundeskanzlerin auch noch einen neuen Bundespräsidenten suchen. Irgendwie fühlt man sich an Jogi Löw erinnert, der auch jeden Tag eine neue Hiobsbotschaft verkraften muss.

Die Entscheidung von Köhler ist, finde ich, egoistisch. Ja, er ist heftig kritisiert worden. Aber das muss ein Mann in seinem Amt aushalten. Zumal, wenn er sich - freundlich gesagt - ungünstig ausdrückt. Er hätte jetzt unmissverständlich erklären sollen, wie er die Auslandseinsätze versteht – und standhalten müssen. Die Kritik wäre abgeebbt, da bin ich sicher, zumal der Präsident eigentlich einen tadellosen Ruf hat und bei den Deutschen unglaublich beliebt ist. Aber er geht, mit Tränen in den Augen, und lässt die, die ihn auf den Schild gehoben haben, mit der schwersten Krise seit dem zweiten Weltkrieg allein zurück.

Und Köhler weiß, was Sache ist. Der Mann ist Finanzexperte, war vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten Direktor des Internationalen Währungsfonds. Gerade deshalb galt sein Wort – und wenn er die Regierungsarbeit in den ersten Monaten von Merkel und Westerwelle abmahnte, war das nicht nur eine Ohrfeige für seine beiden "Erfinder", sondern wurde sehr ernst genommen, auch von den beiden Gescholtenen.

Merkel und Westerwelle waren es nämlich, die sich 2004 auf "Super-Horst" als Rau-Nachfolger einigten. Kaum einer kannte ihn damals, doch er hat sich schnell durch unabhängiges Denken und Engagement Respekt erworben.

Wer soll ihn beerben? Oder auch: Wann soll unsere Bundeskanzlerin jetzt noch schlafen? Denn die Kür eines Bundespräsidenten gehört zu den diplomatisch aufwendigsten Angelegenheiten in unserer Republik. Und Merkel hat nur 30 Tage Zeit. Aber 30 Tage können sehr lang werden, wenn sie von Eifersüchteleien, Eitelkeiten, Gezänk und Gezerre beherrscht werden. Arme Angie.

  • Artikel vom 31.05.2010
    Text: Silke Baumgarten
Sie interessieren sich für unsere Themen? Kostenlosen Newsletter bestellen