Minimalismus
"Ich besitze nur noch 300 Dinge - und fühle mich richtig reich"

Fast 10.000 Dinge hatte Regina Tödter in ihrer Wohnung angehäuft, als sie beschloss: Das Zeug muss weg. Heute besitzt sie nur noch 300 ausgewählte Teile. Warum dieser Minimalismus für sie wahrer Reichtum ist.

Wie man das Leben allmählich zumüllt

Regina Tödter, 30, ist überzeugte Minimalistin und freiberuflich als Autorin, Coach und Kolumnistin (FOCUS Online) tätig. Die studierte Religionswissenschaftlerin und Theologin macht ihren Namen zum Programm und killt alles, was einem gesunden, einfachen und glücklichen Leben im Wege steht. Ihre Schwerpunktthemen sind Gesundheitsprävention, Entschleunigung und Spiritualität, in Kürze erscheint ihr Minimalismus-Ratgeber "Buddha räumt auf. Wie man mit weniger glücklich wird" (südwest).

Regina Tödter, 30, ist überzeugte Minimalistin und freiberuflich als Autorin, Coach und Kolumnistin (FOCUS Online) tätig. Die studierte Religionswissenschaftlerin und Theologin macht ihren Namen zum Programm und killt alles, was einem gesunden, einfachen und glücklichen Leben im Wege steht. Ihre Schwerpunktthemen sind Gesundheitsprävention, Entschleunigung und Spiritualität, in Kürze erscheint ihr Minimalismus-Ratgeber "Buddha räumt auf. Wie man mit weniger glücklich wird" (südwest).

Zugegeben, vor ein paar Jahren sah es in meinen vier Wänden noch etwas chaotischer aus. Ich besaß fast 10.000 Dinge - die sich einfach über die Jahre angesammelt haben. Die meisten Sachen verstopften meine Wohnung und vieles nistete stillschweigend im Kellerabteil.

Ich war zwar immer gut organisiert, doch nahm das Putzen, Wegräumen und Sortieren wertvolle Zeit in Anspruch. Langsam wurde ich zum Archivar meines eigenen Lebens, obwohl ich doch eigentlich einem richtigen Vollzeitjob nachging.

Meine liebste Anschaffung waren selbstverständlich Klamotten! Denn ich arbeitete im Textil-Einzelhandel und hatte mit meiner Rabatt-Karte jede Menge Vorteile und immer einen Grund zum Shoppen. Leider gab es auch das ein oder andere Schmuckstück, das nie getragen oder geschont wurde und so sein trauriges Dasein in meinem überfüllten Kleiderschrank fristete.

Zudem fotografierte ich gern in meiner Freizeit, legte mir Musikalben zu, kaufte Bücher und sammelte Souvenirs. So häuften sich Jahr für Jahr hunderte von Gegenständen an, deren Anwesenheit ich, wenn überhaupt, erst bei Umzügen in Frage stellte. All das Zeug guckte aus Schubladen heraus, wurde zu Stolperfallen und Zeitdieben.

Einfach loslassen und glücklich werden?

Dass Besitz nicht glücklich macht, davon habe ich schon häufig gelesen. Bevor ich nämlich in die Textilbranche einstieg, studierte ich Religionswissenschaft und Theologie. Dabei befasste ich mich vor allem mit den Lehren Buddhas. Zunächst konnte ich nichts mit seiner "Losslass"-Philosophie anfangen.

Erst als ich meinen Job kündigte, um künftig freiberuflich tätig zu sein, kramte ich alte Studienunterlagen hervor und entdeckte: Buddha ist ein echter Aufräum-Profi und seine Erleuchtungsgedanken sind praktische Entrümplungs-Tipps! Das half mir, mich endlich von sämtlichem Ballast zu befreien. Denn bevor ich mich tatsächlich auf etwas Neues einlassen kann, muss ich das Alte loslassen, ist doch klar.

Sofort legte ich los. Aus den "Vier Edlen Wahrheiten" wurden vier edle Kisten: eine für die schwarze Tonne, eine zum Verschenken, die Dritte für den Keller und die Letzte nur für aktuelles Zeug. So reduzierte ich meinen kompletten Besitz nach und nach, um am Ende auf eine Wohlfühlmenge von etwa 300 Dingen zu kommen. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet!

All meine Klamotten passen in einen Koffer

Heute hat jedes Teil seine Funktion und wird immer wieder auf seine Brauchbarkeit geprüft. Ich habe ein Bett, einen Arbeitstisch und eine Tageslichtlampe. In zwei Kisten habe ich meine fünf Ordner und 30 Bücher untergebracht. Ich besitze etwa 20 Küchenutensilien und 7 Paar Schuhe. Meine Klamotten passen alle in einen Koffer, darunter sind drei Hosen, drei Röcke, ein paar T-Shirts, drei Pullis und Sportzeug.

Früher war ich ein bunter Vogel, was die Kleider-Farbwahl angeht. Das machte jeden Morgen zur Qual: Was ziehe ich an? Was passt zusammen? Wo passe ich noch hinein? Zwischen den bunten Sachen waren auch viele Fehlkäufe und Schnäppchen, die ich mir hätte sparen können. Heute halte ich mich bewusst zurück und wähle einfach geschnittene, zeitlose und dezente Teile. Mit Basics und dunkleren Tönen habe ich dieses Problem gelöst.

Bei den Schuhen habe ich ebenfalls eine äußerst praktische Lösung gefunden: Ich trage sogenannte Barefoot-Schuhe. Ballerinas ohne Absatz und mit ganz dünner Sohle. Sie sorgen für absoluten Bodenkontakt, eignen sich für spontane Sprints, passen zu allen Kleidungsstücken und sind langfristig rückenfreundlich. Am Anfang musste ich mich sehr an sie gewöhnen (da ich vorher 15 Jahre lang Absatzschuhe getragen hatte), bekam Muskelkater. Aber sie sind bisher meine liebste minimalistische Entdeckung.

Leichter wird's auch im Haushalt, da sich nicht mehr Abwaschberge auftürmen oder Großputzaktionen anstehen: Ich brauche mit dem wenigen Geschirr keine Spülmaschine, ich besitze weder Staubsauger, Kühlschrank, Mikrowelle, noch eine Kaffeemaschine oder Couch.

Der Hausputz ist schnell erledigt, die paar Tassen sind fix abgespült und der Boden zügig gefegt. Den Kaffee bereite ich mir mit einer "French Press" (und Wasserkocher) zu und wenn doch mal mehr Freunde vorbei schauen, gibt's Fingerfood oder ausnahmsweise mal den Pappbecher. Denn wozu hat man einen Supermarkt ums Eck. Der Laden ist sozusagen mein Kühlschrank und die Kühlschranktür steht von 7 bis 20 Uhr offen. Dafür lege ich täglich etliche Schritte zurück und sorge so gleich für genügend Muskeltraining zwischendurch. Ich spare mir große Einkäufe und schmeiße dadurch weniger Essen weg.

Aufräumen geschieht auch im Kopf

Die Entrümplung des Alltags wirkt sich aber auch positiv auf den Gemütszustand aus: Der Kopf wird klar und die Gedanken frei. Ich starte besser in den Tag, stehe alltäglichen Herausforderungen viel offener gegenüber.

Zum Beispiel klappt das regelmäßige Laufen im Freien wunderbar. Ich bin insgesamt viel achtsamer und fokussierter. Kein Wunder, denn mich lenken keine Postkarten, Fotos, Poster oder Figürchen von der eigentlichen Sache ab. Und endlich kann ich meine guten Vorsätze in die Tat umsetzen. Mit der Aufräumaktion habe ich beschlossen, auch keinen Alkohol mehr zu trinken. Stattdessen schreibe ich heute Bücher, Artikel und eine Kolumne.

Ich nutze auch gerne Sharing-Portale - wo eifrig getauscht, geteilt, vermietet und verschenkt wird. Dadurch konnte ich viele meiner Sachen loswerden und mich mit Gleichgesinnten austauschen. Und wenn ich doch noch mal ein außergewöhnliches Accessoire für eine anstehende Party brauche, lasse ich mich auf sogenannten Swap-(Tausch)-Partys blicken, die es in meiner Stadt öfters gibt.

Was braucht man wirklich?

Womit ich vielleicht ein wenig zu voreilig war, ist der Verkauf meiner Digitalkamera. Eigentlich schieße ich gar keine Bilder mehr (sondern genieße den Moment, so wie er ist, ohne ihn fotografieren zu müssen). Aber gerade jetzt, wo ich den Loslass-Prozess gerne festgehalten hätte, könnte ich die Kamera wirklich gut gebrauchen. Leihen ist leider fast so teuer wie Neukaufen und meine Handykamera ist von vorgestern.

Aber das Tolle am Minimalismus ist: Man wird einfallsreich und kreativ oder erkennt am Ende, dass vieles wieder einmal nur Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sind und vom Wesentlichen ablenken. Worauf ich auf keinen Fall verzichten möchte, ist mein Laptop, der Ohrensessel und die Yogamatte. Aber insgeheim träume ich davon, irgendwann nur noch soviel zu besitzen, wie in einen Rucksack passt. Na, ob das hinhaut?!

  • Artikel vom 19.02.2015
    Teaserfoto: plainpicture/Jen Fong

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