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Julia Karnick
Übrigens wäre ich gern mal wieder auf einer Massendemo. Ich habe es satt, abends mit Freunden gepflegte Empörung auszutauschen. Ich will mich bei Tageslicht mit Zehntausenden öffentlich aufregen. Ich habe null Bock mehr auf die Kultur des desillusionierten Hinnehmens. Auf den Realitätssinn der Neuen Bürgerlichkeit, der die Protestbewegungen der 70er und die Spaßgesellschaft der 80er abgelöst hat - und der nichts anderes ist als Resignation: Heilssuche im Wohnzimmer und ein Gemeinsinn, der sich erschöpft in der Mitgründung eines privaten Kindergartens, in dem der eigene Nachwuchs eine bürgerliche Frühförderung erhält. Klavier und Hockey für die Älteren, Anlageberater, Literaturzirkel und Personal Trainer für die Eltern. Neue Bürgerlichkeit, das stinkt doch, das ist hoffentlich bald wieder out: zu Hause sitzen, Chopin hören, Sit-ups machen und Hölderlin und Kontoauszüge lesen, das schockt doch auf Dauer nicht, das ist ein Leben unter den menschlichen Möglichkeiten. Mir steht es bis hier, ehrlich, ich bin so weit, ich bin, nach Jahren in dieser gemütlich-muffigen Gruft namens Privatleben, in Stimmung für die Straße, für Solidarität und Streik und Parolen und wir statt ich. Das wäre mal was.
Wofür ich sofort demonstrieren würde: für eine andere Bildungspolitik. Ich finde, die Bildungspolitik in diesem Land ist ein Grund, täglich, ich sag's deutlich: Kotzkrämpfe zu bekommen. Unser Schulsystem ist ineffizient, pädagogisch veraltet und ungerecht. Man muss nicht Vernor Muñoz heißen und als UN-Menschenrechtsinspektor deutsche Schulen evaluieren, um zu wissen, dass bei uns das "Recht auf Bildung" vor allem bei sozial benachteiligten Kindern gefährdet ist. Es reicht, ein Kind zu haben, das eine deutsche Durchschnittsschule besucht, in der die Klassen zu groß, der Personaletat zu knapp und die Lehrkräfte überlastet sind. "Schulformen sind sekundär", wies Jürgen Zöllner, Präsident der Kultusministerkonferenz, die Kritik an der Aufteilung der Schüler nach der vierten Klasse zurück. Worauf es ankäme, sei die Anstrengung für das einzelne Kind. Hat der mal eine erste Klasse mit 29 Kindern unterrichtet? Macht 1,55 Minuten Zuwendung pro Erstklässler und Schulstunde, gratuliere. Wenn man weiß, wie Schulalltag aussieht, wie viel Unterricht ausfällt, wie wenig Raum und Geld es gibt für Reformen, wie Schwache auf der Strecke und Begabte unter ihrem Niveau bleiben, weil niemand Zeit für sie hat, dann weiß man schon bei der Einschulung, wer studieren wird, wer nicht: Henriette, Levin, Gustav und Carlotta werden von den Akademiker-Eltern schon irgendwie durchs Abi geschleust. Chantal, Kevin, Jennifer und Murat können froh sein, wenn sie die Realschule schaffen. Das ist eine Katastrophe, für jedes Kind und für die Gesellschaft.
Keine öffentliche Investition bringt langfristig mehr Rendite als die Investition in Bildung: Die paar Kinder, die wir noch in die Welt setzen, sollten wir bildungsmäßig puderzuckern, bis die Schwarte kracht. Stattdessen debattieren und sparen wir sie dumm und dämlich. Da kann man doch nicht zu Hause bleiben und Milchkaffee trinken. Da muss man doch auf den nächsten Rathausmarkt laufen und schreien. So, nun muss ich mich erst mal beruhigen.













