Serie Alleinerziehende: BRIGITTE setzt sich ein

Familien

Alleinerziehend: Plädoyer für eine starke Lebensform

Wer alleinerziehend ist, hat ein Imageproblem. Warum eigentlich? Christina Bylow hat eine ganz andere Sicht auf das Leben der Single-Eltern - und plädiert für eine neue, starke Lebensform.

  • 3 Kommentare
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Christina Bylow ist Autorin in Berlin. Ihr Buch "Familienstand: Alleinerziehend. Ein Plädoyer für eine starke Lebensform" (176 S., 14,99 Euro, Gütersloher Verlagshaus)

Christina Bylow ist Autorin in Berlin. Ihr Buch "Familienstand: Alleinerziehend. Ein Plädoyer für eine starke Lebensform" (176 S., 14,99 Euro, Gütersloher Verlagshaus)

"Wer will denn dieses Elend wissen", sagte eine Lektorin, als sie von meiner Idee erfuhr, ein Buch über Alleinerziehende zu schreiben. Alleinerziehende Mütter, sagte sie, würden doch so ein Buch ganz sicher nicht lesen. Die hätten wirklich andere Sorgen. Seltsame Logik, dachte ich. Frauen mit Gewichtsproblemen verschlingen Bücher über Frauen mit Gewichtsproblemen, geschrieben von Frauen mit Gewichtsproblemen. Es scheint sich beim Alleinerziehen in den Augen dieser Lektorin jedoch um ein ganz anderes Elend zu handeln; eines, das sich weder schönreden noch besiegen lässt. Moppel-Ich und trotzdem glücklich geht immer. Alleinerziehend und ganz normal geht offenbar nicht.

Ich schrieb das Buch für einen anderen Verlag. Dort hatte ich eine Lektorin, der ich nichts erklären musste. Mit mehr als 30 alleinerziehenden Frauen habe ich während meiner Arbeit gesprochen. Dem Elend bin ich nicht begegnet. Dafür Frauen, die ungeheuer viel schaffen. Ich traf Krankenschwestern und Ärztinnen im Drei-Schicht- Dienst, Freiberuflerinnen, die von Monat zu Monat wirtschaften und für ihre Kinder im Notfall den Restschmuck verschachern. Ich traf eine vielreisende Unternehmerin, die ein gutes Betreuungsnetz für ihren Sohn aufgebaut hat, und eine Frau, die mit drei Grundschul-Kindern von ALG II lebt und ihnen Klavier- und Sportunterricht bezahlt, auf gute Ernährung und Gesundheit achtet.

Sie könnten stolz auf sich sein, sie könnten sich aufblasen, aber sie tun es nicht. Alleinerziehende protzen nicht mit dem, was sie leisten. Vielleicht ist es deshalb kaum bekannt, dass 60 Prozent aller Single-Mütter den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder allein verdienen. Bloß haben sie einfach zu viel zu tun, um Wind um ihre Person zu machen. Mitleid ist fehl am Platz. Mitleid setzt herab und verletzt. Es ist eine Variante der Arroganz.

Die Politik hat ihren Anteil daran. Es ist erwiesen, dass es den alleinerziehenden Frauen in Deutschland finanziell deutlich schlechter geht als denen in Frankreich oder Skandinavien. In Skandinavien müssen beispielsweise nur zehn Prozent von ihnen mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens auskommen, bei uns sind es mehr als ein Drittel. Warum kann ein kinderloses Ehepaar mit einem drastischen Gehaltsunterschied bis zu 15000 Euro Steuern im Jahr sparen? Warum haben berufstätige Alleinerziehende nur einen Freibetrag von 1300 Euro? Das zeigt, welche Lebensform der Staat subventioniert und welche nicht. Und es führt dazu, dass Alleinerziehenden der Status der Familie einfach aberkannt wird.

Das spiegelt sich auch in der öffentlichen Meinung: Einer Umfrage der Zeitschrift "Nido" von August 2010 zufolge werden Alleinerziehende von der Hälfte aller Deutschen nicht mal als "Familie" gesehen. Und genau hier liegt die Ursache dafür, dass ihnen so wenig Respekt entgegengebracht wird: Die Familie ist unantastbar, Alleinerziehende sind es nicht.Warum nicht? Warum gibt es überhaupt eine Hierarchie der Lebensformen? Nichts spricht gegen die Mutter-Vater-Kind-Familie, wenn es allen gut darin geht, zumindest überwiegend. Aber sie ist nicht das Maß aller Dinge. Und sie war auch schon ziemlich aus der Mode, bis die Familie in wirtschaftlich härteren Zeiten eine Renaissance erfuhr.

Das Leben Alleinerziehender ist nicht an sich unglücklicher als das Leben in anderen Familien. Eine neue Studie des Deutschen Jugendinstituts zeigt: Manche Mütter fühlen sich nach der Trennung entlastet, weil die Väter ihre Kinder nun häufiger allein betreuen. Plötzlich haben die Mütter freie Abende, ein freies Wochenende, mehr Zeit für den Beruf und Erholung - alles Dinge, die vor der Trennung nicht möglich waren. Vielleicht hat genau dieses Ungleichgewicht erst zur Trennung geführt. Die Mutter ohne Mann, der Vater ohne Frau - sie sind keine Restfamilie. Familie ist, was man daraus macht.

  • Artikel vom 05.08.2011
  • Text: Christina Bylow
Letzte Kommentare
  • Gitte
    am 09.01.12 um 22:11
    Danke für diesen Bericht! Ich bin seit einigen Jahren Alleinerziehend und habe 2 Töchter, "schon aus dem Gröbsten raus". Nachdem mir die überraschende Trennung erst den Boden unter den Füssen weggezogen hat und ich extreme Existenzängste hatte, trotz Job, bin ich heute sehr stolz darauf alles weitgehenst Alleine zu schaffen!
    Je älter die Kinder werden, desto weniger muss der Vater zahlen besteht, bezieht aber Kindergeld auch wenn sie ihn nicht mehr besuchen.
    Inzwischen arbeite ich 35 Std und bringe noch ein Freizeitprogramm aus Sport, Kunst und Freunden unter. Das ist toll, aber es ist sehr anstrengend!
    Ich habe zu meiner eigenen Trauer und Wut über die Trennung auch noch die Kinder aufgefangen, der Vater war weg auch emotional.
    Ein Order für alle Alleinerziehenden Mütter und Väter!!
  • Bella
    am 19.10.11 um 10:33
    Also ich habs genossen. Ich war in London und bekam Income Support. Ich fand Kinder kriegen immer graesslich. In Deutschland die Frauen sind in die Frabriken, oder man hat sich nur um die Kinder gekummert, graesslich. In London hatte ich ploetzlich Zeit alle Schulkurse zu machen die ich wollte und auch studieren konnte ich. Bekam Unterstuetzung und die Kleine kam in eine der besten Schulen. Nur das Geld hat nicht ganz gereicht und so war ich dann doch wieder mit meinem Partner zusammen oder teilweise zusammen. Ich hab das alles ohne Familie durchgezogen was ich allerdings ein bischen fuer gefaehrlich halte, aber sonst wir hatten eine coole Zeit und ich konnte viele Spielsachen kaufen.
    Wenn man als noch besser abgesichert ist und die Nachbarschaftist ruhig dann zieht man das auch gerne lange durch. Der Hang ist arg zur Selbstaendigkeit.
  • Birgit
    am 09.08.11 um 14:03
    Endlich einmal ein Artikel, der Alleinerziehende nicht nur als arme, von Staat und Gesellschaft allein gelassene Opfer darstellt, auch wenn es noch eine Menge zu tun gibt (Abschaffung des Ehegattensplittings, Schutz der Familie statt Schutz der Ehe, bessere Kinderbetreuung, etc.). Ich selbst habe meinen Sohn (heute 26) von Anfang an alleine erzogen, dabei das Abitur nachgeholt, studiert und nebenbei gejobbt - ohne Oma im Hintergrund, aber mit viel Planung und eben Familienmanagement. Ich möchte ausdrücklich jede Frau ermutigen, sich auf die eigenen Beine zu stellen und erhobenen Hauptes zu ihrer Familienform zu stehen. Nur so wird sich allmählich das Bild der Einelternfamilie in der Gesellschaft ändern. Wohlgemerkt: Die Mutter-Vater-Kind-Familie kann eine schöne Sache sein, aber eben nicht immer, und da haben Alleinerziehende noch eine Menge Unterstützung durch Medien und Gesellschaft nötig, um endlich als Familie anerkannt zu werden!
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