Amoklauf: Das Trauma überwinden
„Ich kann mir vorstellen, wie lieblos es in dieser Familie zugegangen sein könnte“
Ein Buch* hat sie nun geschrieben. "Nan würde sagen: 'Na, was da drinsteht, das kenne ich doch alles.' Und das stimmt, das Buch ist das, was sie war." Vor allem ist diese Hommage an die engagierte junge Frau ein kluger und klarer Orientierungsgeber, der Fehlentwicklungen unserer Leistungsgesellschaft analysiert. Und eindringlich beschwört, dass alle Kinder Liebe, Zeit und Zuwendung brauchen, damit sie zu starken und empathiefähigen Menschen heranwachsen.
"Meiner eigenen Tochter konnte ich nicht helfen", sagt Gisela Mayer, "aber vielleicht kann ich dazu beitragen, dass ihre Schwester in einer Welt leben kann, die ein bisschen sicherer ist." Die Verbundenheit in der Familie gibt Kraft. Was passiert, wenn sie fehlt, wie Kinder zu Tätern werden können, beschreibt Buchautorin Mayer nicht nur theoretisch, sondern auch sehr konkret. In welcher Welt Tim K. aufwuchs, getrieben vom autoritären Vater, der 15 Schusswaffen besaß; der 17-Jährige war schlecht in der Schule, erlebte Erfolg nur im Tischtennis. Hatte keine Freunde, keine Freundin. Wollte er gezielt Frauen töten? Elf der zwölf Opfer in der Schule waren Mädchen oder Frauen, auf der Flucht erschoss er drei weitere Menschen und sich selbst.
"Nun ist unser Paradies zerstört. Zerstört von einem Jungen, der mit seinem Leben nicht zurechtkam... und der andere dafür bestrafen wollte, dass ihm sein Leben nicht gefiel", schreibt Gisela Mayer. Empfindet sie Wut und Bitterkeit, wenn sie an Tim K.s Familie denkt? "Bitterkeit, ja. Aber das war nicht von Anfang an so." Die Bitterkeit stieg erst auf, als die Familie sich nicht meldete, sich nicht entschuldigte. Nur einen belanglosen öffentlichen Brief gab es, dann einen zweiten, "der klang wie von einem Anwalt aufgesetzt". Gisela Mayer schüttelt den Kopf: "Durch das Verhalten der Eltern nach der Tat konnte ich mir vorstellen, wie lieblos es in dieser Familie zugegangen sein könnte. Und was das bedeutet, versuche ich in meinem Buch zu vermitteln: Wie Menschen zu Unmenschen werden können, wenn sie keine Zuwendung erfahren."
Bei den Mayers hat jeder eigene Strategien, seine Trauer zu bewältigen. Die Mutter hat ein Buch geschrieben. Der Vater geht täglich zum Friedhof. Ibi, die sich ihrer zehn Jahre älteren Schwester immer sehr verbunden fühlte, spielt Klavier, Nans Instrument, statt wie früher Harfe. Und stellt ein Schälchen selbst gemachter Mousse au chocolat aufs Grab.
Der Amoklauf in Winnenden
Am 11. März 2009 betrat der 17-jährige Tim K. mit dem Gewehr seines Vaters die Albertville-Realschule in Winnenden. Die Referendarin Nina Mayer, 24, war mit zwei Kolleginnen im Kopierraum, als sie über sich ein lautes Poltern hörten. Sie eilten ins obere Stockwerk, um zu helfen. Die Tür des Klassenraums war verschlossen. Nina Mayer drehte sich um, Tim K. stand einige Meter vor ihr im Flur. Er schoss. Nina Mayer wurde von fünf Kugeln getroffen. Tim K. ermordete 15 Menschen, bevor er sich auf der Flucht selbst tötete.
Das Buch
*Gisela Mayer: "Die Kälte darf nicht siegen. Was Menschlichkeit gegen Gewalt bewirken kann" (224 Seiten, 19,95 Euro, Ullstein)














diesen Beitrag zu lesen und bin froh, es doch getan zu haben.
Ich bewundere ihre Stärke und reflektierte Sichtweise, mit so einem Schicksalsschlag weiterleben zu müssen, ist kaum vorstellbar....
Das wollte damals niemand hören und auch jetzt ist Tim K. der "kaltblütige" Verbrecher, der an seinem Schicksal selbst schuld war ......
Auch seiner Familie wünsche ich alle Kraft der Welt.
Auch ich würde am Tod meines Kindes zerbrechen.
Ich würde am Tod meiner Tochter zerbrechen.