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Inzest-Fall Amstetten: "Der Vater war nicht der Einzige, der einen Keller-Schlüssel hatte"
Zwei Jahre lang haben Sabine Kirschbichler und ihr Bruder in dem Haus in Amstetten gewohnt, dessen Bilder jetzt die ganze Welt kennt. Sie lebten im zweiten Stock. Von den Gefangenen im Kellerverlies haben sie nie etwas gemerkt. Und sich nur gewundert, warum sie keinen Kellerraum mieten konnten ...
Manchmal ist Sabine Kirschbichler ihm begegnet, unten, an der Haustür. "Meistens war's dann schon dunkel", sagt sie, "den Fritzl, den hat man nur abends getroffen." Oft hatte er dann Einkaufstüten dabei, "gleich mehrere Säckl", sagt Sabine Kirschbichler, sie spricht sehr österreichisch, "vom Spar. Und ich hab dann gedacht, da stimmt was mit der Ehe nicht, weil er die Einkäufe ohne seine Frau macht. Immer allein." Seine Frau, Rosemarie Fritzl, die hat sie so gut wie nie gesehen. "Die hat die Wohnung nur selten verlassen. Aber manchmal, wenn ich den Müll runtergebracht habe, habe ich sie auch streiten gehört, durch die Tür, die Kinder waren dann ganz ruhig."
Zwei Jahre, von 2001 bis 2003, hat Sabine Kirschbichler in der Ybbsstraße 40 gewohnt, im zweitem Stock, 90 Quadratmeter für 460 Euro. Ihr Wohnzimmer lag neben den beiden verhangenen Fenstern, die man seit zwei Tagen auf so vielen Fotos sieht, weil sie zum Sinnbild des Inzest-Falls von Amstetten geworden sind: Sinnbild der eingesperrten Kinder im Haus Nummer 40 und des Doppellebens des Familienvaters Josef Fritzl, 73, der im Verborgenen die schlimmsten Verbrechen beging: weil er seine Tochter wieder und wieder vergewaltigte und ihr und ihren Kindern die Freiheit nahm, ihre Gesundheit, Bildung, ein Leben. Im Keller hielt er Elisabeth versteckt, heute ist sie 42, er zeugte mit ihr sieben Kinder, verbrannte eines, nahm drei zu sich, ins Haus, ans Tageslicht, beließ die beiden ältesten und das Jüngste bei der Mutter. Behauptete, Elisabeth lebe in einer Sekte und habe ihm die drei Kinder vor die Tür gelegt, damit er sie mit seiner Frau großziehe. Narrte damit die Behörden, die Nachbarn und wohl auch die eigene Ehefrau. Jedenfalls sagt er das aus. Voll geständig ist der Mann, jetzt, nach 24 Jahren.
Jetzt, am Wochenende, kam alles heraus. Und Sabine Kirschbichler, 25, und ihr Bruder Thomas, 30, saßen am Sonntag abend vor dem Fernseher, sahen die Nachrichten, die Bilder mit den verhangenen Fenstern im zweiten Stock, schauten sich an, und Thomas sagte: "Jetzt weiß ich, warum wir in dem Haus keinen Kellerraum mieten konnten."
Zusammen hatten sie in der Ybbsstraße gewohnt, ein Übergang, so, wie auch ihr Leben jetzt wieder einer ist: Sabine lebt seit einiger Zeit bei ihrer Mutter in einem kleinen Ort, 20 Kilometer von Amstetten entfernt. Ihr Freund wohnte mit ihr zusammen bei ihrer Mutter, dann ging er, ihr Sohn ist dreieinhalb. Eine Ausbildung hat sie nicht, auch keinen Job. Bruder Thomas ist Bauarbeiter, ein kerniger Typ mit Ohrring und Muskeln und auch gerade zur Mutter gezogen, sie teilen vier Zimmer mit einem Hund und zwei Katzen.
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Sabine Kirschbichler und ihr Bruder Thomas: Zwei Jahre lang lebten sie mit Täter und Opfern in einem Haus © Jens Passoth
Sinnbild für den Inzest-Fall von Amstetten: Die verhangenen Fenster in der Ybbsstraße 40 © Jens Passoth

