Inzest-Fall Amstetten: "Der Vater war nicht der Einzige, der einen Keller-Schlüssel hatte"

  • 0 Kommentare
  •  
  •  

"Elisabeths Bruder hat gesagt: Im Keller ist nur ein Heizungsraum"

Ein Dutzend Wohnungen gibt es in dem Haus, alle gehören Josef Fritzl

Ein Dutzend Wohnungen gibt es in dem Haus, alle gehören Josef Fritzl

Foto: Jens Passoth

Sabine, blond und sehr blass mit einem freundlichen, zurückhaltenden Lächeln, sagt, dass es seltsam war: Neben ihnen im zweiten Stock wohnte eines der sieben Kinder der Eheleute Fritzl, der Bruder von Elisabeth. Und dieser Bruder, der wohl Mitte dreißig war, ein eher dicker Mann, kurze Haare und fast immer betrunken, er habe auch einen Schlüssel zum Keller gehabt. "Er war der Hausmeister, so hat er sich uns vorgestellt. Und wenn wir was brauchten, eine Fliese kaputt war oder was mit der Elektrik, dann ging er in den Keller und holte Ersatz. Immer sofort." Ihr Bruder Thomas sagt, es sei schon aufgefallen, dass er den Keller immer so sorgfältig zugesperrt habe. Er hat ihn gefragt, warum, und wieso zu einer Etagenwohnung nicht auch ein Kellerraum gehöre. "Dann hat der Sohn vom Fritzl gesagt: Ach, da ist nur ein Raum, mit Heizung und Kessel voll." Wand an Wand haben sie gelebt, der Fritzl-Sohn und die Kirschbichlers, "Besuch hatte der nie", sagt Sabine, "und immer, wenn man geklingelt hat, hatte der eine Flasche in der Hand, Bier, Wein." Aber der Vater, der kam schon, Fritzl und sein Sohn hatten guten Kontakt.

Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, sagte dazu am Dienstagnachmittag zu BRIGITTE.de: "Es ist absolut möglich, dass jemand einen Schlüssel zum Keller hatte, aber trotzdem nichts gemerkt hat. Das Verlies war schalldicht und lag hinter dem ersten Kellerraum." Man habe mit den Geschwistern von Elisabeth Fritzl gesprochen, ob sie jemals einen Verdacht hatten. Sie hätten versichert, dass ihnen nichts aufgefallen sei, "und waren glaubwürdig".

Ein Dutzend Wohnungen gibt es in dem Haus, Eigentümer ist in allen Fällen Josef Fritzl. Er und seine Familie wohnten im Erdgeschoss, im ersten Stock liegen acht oder neun kleine Ein-Zimmer-Wohnungen. Zu den anderen Mietern hatten die Kirschbichlers kaum Kontakt. Thomas denkt, dass Fritzl sich sehr sicher gefühlt haben muss - "mit seinem Geheimnis bei so vielen Mietern, und immer dieselbe Frage nach dem Keller."

Über Josef Fritzl können sie wenig sagen, "er war ruhig, gemütlich, freundlich, irgendwie locker", sagt Thomas Kirschbichler. Einmal, als sie den Mietvertrag unterschrieben, waren sie in der Wohnung, "viel Holz, auch Holzdecken, alte, aber nicht antike Möbel. Nichts Besonderes. Alles ganz normal", sagt Thomas. Von den Kinder kriegte man mit, dass eines Gitarre spielte, "und der Mittlere ging zum Karate, und als der den orangefarbenen Gürtel hatte, hat er ihn mir ganz stolz auf der Treppe gezeigt", sagt Thomas. Das Mädchen ging in die Klosterschule, der Vater hat sie abgeholt. Nein, sagen beide, sie haben sich nie gefragt, wie es kommt, dass zwei Rentner so junge Kinder haben. "Dass da eine Tochter bei einer Sekte sein sollte", sagt Sabine, "davon haben wir nichts gehört." Sie zogen aus, als Thomas' Freundin mit in die Wohnung ziehen wollte und es Probleme mit dem Mietvertag gab.

Auf der nächsten Seite: Die Ybbsstraße - ein trauriger Jahrmarkt

Seite:

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  • Text: Meike Dinklage
    Fotos: Jens Passoth
Letzte Kommentare
  • Noch kein Kommentar vorhanden. Möchten Sie einen Kommentar schreiben? Das können Sie im Eingabefeld unten.
 
Kommentar schreiben
Wird nicht angezeigt.
Unter diesem Namen erscheint Ihr Kommentar.
Bitte schreiben Sie den Sicherheitscode ab * (Andere Zeichenfolge)
noch 1000 Zeichen übrig!
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder, alle anderen sind optional.

BRIGITTE im ABO

Brigitte-Netzwerk
BRIGITTE-woman.de
Bfriends.de
Bym.de