Inzest-Fall Amstetten: "Der Vater war nicht der Einzige, der einen Keller-Schlüssel hatte"

Nur noch wenige Namen sind an den Klingelknöpfen lesbar Nur noch wenige Namen sind an den Klingelknöpfen lesbar © Jens Passoth

Die meisten Namensschilder am Haus Nummer 40 sind von den Klingelknöpfen gerissen, nur drei sind noch lesbar. Die Polizei will die Leute schützen, Polizei ist überall in diesen Tagen an der Ybbs-, Ecke Dammstraße. Wie ein Jahrmarkt sieht die abgesperrte Straße aus, aber ein trauriger, nur Licht, kein Lärm. Noch nachts hält eine Ü-Wagen-Flotte davor, die Scheinwerfer strahlen die rückwärtige Fassade des bunkerartigen Hauses an. Zwei Polizisten stehen die ganze Nacht Wache. Die Leute vom Haus gegenüber haben ihren Balkon für Kamera-Teams vermietet, die Frau von nebenan schiebt eilig ihr Fahrrad aufs Grundstück und schließt nachdrücklich die Pforte. Die Backstube Pramreiter im Eckhaus macht mit Kaffee und ihren Semmeln das Geschäft ihres Lebens.

Spät abends stehen auch viele da, die gar nicht Schaulustige sind, weil das Schauen hier nicht lustig ist. Es ist eher ein Starren, ein kollektives Starren zu dem Haus, dem Bunker, grau und der Garten eingewachsen. Weil man mehr hier nicht tun kann, aber da ist, weil das Haus da ist. Was eint, ist der Schlag, den dieses Verbrechen den Leuten im Ort versetzt. Die Wucht der Tat. Vielleicht denkt man an so einem Ort, dass, wenn man nur lang genug auf das Gebäude schaut, sich irgendetwas lösen würde. So, als könnte man, wenn man das Äußere erfasst, auch das Innere verstehen und das Verborgene berühren.

Belagerung in der Ybbsstraße: Die ganze Welt starrt auf das Haus, in dem das Unfassbare passierte. Belagerung in der Ybbsstraße: Die ganze Welt starrt auf das Haus, in dem das Unfassbare passierte. © Jens Passoth

"Ich bin nur froh, dass ich da jetzt nicht mehr wohne", sagt Sabine Kirschbichler. Und ganz sicher will sie dieses Haus auch nie wieder betreten. Nicht mal hingehen. Aber Thomas hat es doch gereizt, und er ist am Montag abend in die Ybbsstraße gefahren. Da stand er, und hat geguckt, wie alle, gestarrt: Zu den Fenstern, dem Sinnbild des Horrors im Haus mit der Nummer 40. Die Fenster neben seinen.

  • Text: Meike Dinklage
    Fotos: Jens Passoth
  • Artikel vom 29. April 2008
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