Live aus Bagdad: Leben in Zeiten des Krieges

Während des Irak-Kriegs lebte Susanne Fischer mit ihrem Freund in Bagdad, inmitten von Gewalt und wachsender Ausländerfeindlichkeit. Ihre Erlebnisse beschrieb die Journalistin in ihrem Tagebuch bei Brigitte.de.

  •  
  •  

15. April 2004

Der Tag hat nicht gut angefangen. Erst kommt im Radio die Nachricht, die erste der ausländischen Geiseln sei vor laufender Kamera ermordet worden. Die Antwort der Kidnapper auf Berlusconis Weigerung, die italienischen Truppen aus dem Irak abzuziehen. Und dann die Explosionen. Vier Mal ein dumpfer und trotzdem lauter Knall, der die Wände zittern lässt. Abia und Afaf, die Sekretärinnen im Erdgeschoss unseres Hauses, suchen Deckung. Ich will aufs Dach, um zu sehen, wo die Bomben hochgegangen sind oder die Raketen eingeschlagen haben. Die beiden werden panisch, "no, Susan, come down", rufen sie. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Explosionen nicht in unserer Nähe waren, das hört sich anders an. Das weiß ich, weil in unserer Nachbarschaft bereits ein Hotel und ein Restaurant in die Luft geflogen sind. Vermutlich waren es Angriffe auf die "Greenzone", das weiträumig abgeriegelte Hauptquartier der Amerikaner in Bagdad. Vom Dach aus ist kein Rauch zu sehen, der Himmel ist blau und die Vögel in der Palme vor unserem Haus singen wieder.

"Haben Sie eigentlich keine Angst?". Auf die Frage war ich nicht gefasst. Nicht im Vorzimmer des irakischen Kulturministers, wo ich gestern auf ein Interview wartete und mich in der Zwischenzeit mit der Sekretärin Ramia unterhielt. Sicher, unter Kollegen reden wir manchmal über das No-Wort - wenn wir abends bei Tee und Wasserpfeife die Ereignisse des Tages bereden und jeder erzählt, was er oder sie erlebt und gehört hat. Immer aufs Neue loten wir unsere Grenzen aus, fragen uns gegenseitig: "Was muss passieren, damit du nach Hause fährst?" Vor drei Wochen übrigens hieß die Antwort noch einhellig: "Wenn sie anfangen, Journalisten zu entführen, bin ich hier am nächsten Tag raus." Inzwischen werden bis zu 40 Ausländer von unbekannten Gruppen mit unbekannten Zielen festgehalten, auch Journalisten sind darunter. Heute kam die Meldung, dass die erste Geisel, ein italienische Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, vor laufender Kamera ermordet wurde. Von jener Abendrunde ist trotzdem noch keiner abgereist. Manchmal setzen sich Menschen Grenzen wohl nur, um sie dann im Grenzfall doch zu verschieben.

Seite:

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  6. ...
  7. 21
BRIGITTE im ABO