Live aus Bagdad: Leben in Zeiten des Krieges

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6. Mai 2004

Wir saßen am Dienstagabend mit Freunden aus Suleimaniye in ihrem Garten und diskutierten gerade über das komplizierte Verhältnis der Kurden zum restlichen Irak, als sich ein dunkler Schatten auf dem eben noch vollen Mond zeigte. Verwundert beobachteten wir das Schauspiel am nächtlichen Himmel, keiner von uns hatte in den Nachrichten gehört, dass es eine totale Mondfinsternis geben würde. "Früher wurden in Kurdistan bei einer Mondfinsternis die Trommeln geschlagen", erzählt unser Freund Hiwa - und im nächsten Augenblick hören wir aus der Ferne das Tamtamtam großer Trommeln. Es folgen Gewehrsalven - zum Glück die einzigen, die wir im Nordirak hören, im Gegensatz zu Bagdad, wo keine Nacht verging, ohne dass der Widerhall eines Schusswechsels irgendwo in der Stadt herüberwehte.

Am nächsten Morgen brechen wir auf, weiter gen Norden. Die kürzeste Strecke von Suleimaniye zur türkischen Grenze führt über Kirkuk und Mosul - was aber hieße, dass wir das kurdische Gebiet wieder verlassen müssten. "Zu gefährlich", warnt Hiwa. Ein Freund von ihm ist erst vergangene Woche in Mosul schwer angeschossen worden und liegt mit acht Kugeln im Körper im Krankenhaus. Sein Fahrer, durchsiebt von 40 Kugeln, hat den Anschlag nicht überlebt. "Fahrt lieber durch die kurdischen Berge. Das dauert länger, ist aber sicher." Wir füllen einen der Kanister mit Diesel, die wir aus Bagdad mitgebracht haben (wir waren nicht sicher, wie die Versorgungslage an den Tankstellen ist), in den Tank unseres Passats und fahren los.

Noch ein Argument spricht für die Strecke durch die Berge: Dort gibt es weniger Checkpoints, an denen uns verunsicherte Militärpolizisten mit Fragen nerven können, weil sie nicht wissen, was sie halten sollen von zwei Deutschen, die im Irak im eigenen Auto unterwegs sind. Seit der Begegnung mit der Polizei in Suleimaniye (s. Eintrag vom 3.5.) bin ich froh über jeden Polizisten, dem ich hier nicht begegnen muss.

Frühling in Kurdistan

Frühling in Kurdistan

Das, was ich in den nächsten neun Stunden sehe, lässt mich vergessen, dass wir immer noch in einem von Krieg und Terror geschüttelten Land unterwegs sind. Die Straße führt uns durch kleine Bergdörfer und immer wieder durch menschenleere, aber wunderschöne Landschaften. Kurdistan im Frühling ist grün, grün, grün, der Klatschmohn blüht, wilde Blumenwiesen leuchten am Straßenrand, ständig rauscht irgendwo ein Bach in der Nähe. Die Männer tragen grüne Pluderhosen und einen Turban auf dem Kopf, die Frauen bunte Nicki-Kleider. Wir sehen aber auch für die robuste Berggegend erstaunlich elegante Frauen: In einem Dorf kommt uns eine junge Kurdin in langem dunklen Rock, weißer Bluse und einem knallroten Filzhut auf dem Kopf entgegen, den sie trägt wie eine wertvolle Krone.

Wohin wir auch kommen, wir werden freundlich begrüßt. Als wir in einem winzigen Dorf kurz anhalten müssen, um die Bremsen und den Motor abkühlen zu lassen, kommt wenige Minuten später ein kleiner Junge mit einem Tablett zum Auto: zwei Gläser frischer Yoghurt für die unerwarteten Gäste.

Kurz vor Dahuk, unserer letzten Station vor der türkischen Grenze, sehen wir eine Tankstelle, die Diesel anbietet. Ein letztes Mal voll tanken, bevor wir uns wieder in heimische Preisgefilde begeben: Zwei Dollar kosten uns 40 Liter Diesel - kein Wunder, dass Benzinschmuggel in die Türkei lange Zeit das beliebteste Geschäft der Kurden war. Im Jiyan-Hotel in Dahuk verbringen wir unsere letzte Nacht im Irak - so wie auch die erste vor sechs Monaten auf der Hinreise. Morgen fahren wir zur Grenze. Noch 100 Kilometer Irak.

(Anmerkung der Redaktion: Susanne Fischer ist inzwischen wohlbehalten nach Deutschland zurückgekehrt.)

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Von Susanne Fischer sind zuletzt in BRIGITTE erschienen: "Geliebter Feind: Der US-Soldat und die Irakerin" (Heft 4/2004), "Was ist heute Gerechtigkeit?" (Heft 5/2004) und "Was ist heute Frieden?" (Heft 7/2004).

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