Zwei Frauen gegen Beschneidung: Erst Feindin, dann Freundin
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Linda Weil-Curiel verklagte die Beschneiderin Hawa Gréou. Jetzt kämpfen sie gemeinsam gegen Genitalverstümmelung
Sie saß in ihrer Zelle, wütend, trotzig, Tochter einer angesehenen Familie aus Mali, verurteilt, weil sie in Frankreich Babys und junge Mädchen beschnitten hatte. "Warum werde ich bestraft, wenn ich meiner Tradition folge?", dachte Hawa. "Sind nicht die anderen, die über mich gerichtet haben, die eigentlichen Täter?" Vor allem diese Frau, die sie verklagt hatte: Linda Weil-Curiel. Die bekannt dafür ist, unangenehme Fragen zu stellen.
Mehr als zehn Jahre ist das her.
Die Geschichte, die Hawa Gréou, 62, heute erzählt, ist eine ganz andere. Sie hat die Seiten gewechselt. Sie beschneidet nicht mehr, mehr noch, sie kämpft gegen Genitalverstümmelung. Und ihre Weggefährtin ist ihre einstige Anklägerin. Man könnte sagen, sie sind Freundinnen.
"Du siehst gut aus, Hawa", sagt Linda liebevoll stichelnd, und Hawa nickt zufrieden. Wir sind in Lindas Büro, Paris, Saint-Germain, eine feine Adresse. Stilmöbel, große Spiegel, dicke Teppiche, viele Bücher, Aktenstapel auf dem Fußboden. Linda ist eine geschäftige Frau, eigentlich will sie in Ruhe mit Hawa reden, die zum Tee vorbeigekommen ist, aber das Telefon klingelt laufend. "Merde", Scheiße, ruft Linda und nimmt ab, gestikuliert, nach ein paar Minuten knallt sie den Hörer hin und sagt: "Noch zwei Termine heute, tut mir leid, ist nicht zu ändern." Hawa lacht, ihr Tempo ist ein anderes.
Für einen afrikanischen Staatsgast könnte man sie halten, Hawa Gréou, eine große, aufrechte Frau, sie trägt einen weißen Boubou, dazu ein opulentes weißes Tuch mit Stickereien und einen Schleier, der auch die Stirn bedeckt. Zwei Handys baumeln an einem Band um ihren Hals. Wenn sie lacht, klingt das wie ein tiefes Gurgeln. Wenn sie geht, dann langsam und gemessen.
„Wie weit darf Tradition gehen? Darüber debattieren Hawa und Linda immer wieder.“
Linda Weil-Curiel und Hawa Gréou. Die Frau aus Mali hat vier Kinder zur Welt gebracht, zwei sind in ihrer Heimat gestorben. Sie ist verheiratet, aber die Ehe ist zerrüttet, sie war arrangiert worden, als sie 15 war, ihr Mann ist ihr Cousin, sie war nie glücklich mit ihm, er beschimpfte sie und behandelte sie schlecht. Hawa lebt am Existenzminimum; seit sie nicht mehr beschneidet, ist sie arm. Linda ist ein paar Jahre jünger als Hawa. Sie verdient gut, lebt gut, schon ihr Vater war Anwalt. Sie läuft ständig der Zeit hinterher.
Es ist eine ungewöhnliche Freundschaft. Der Schlüssel dazu liegt in der gegenseitigen Sympathie und dem Reiz eines andauernden Disputs zweier gestandener Frauen über die Frage, wie weit Religion oder Patriarchat eingreifen dürfen in die Unversehrtheit eines weiblichen Körpers.
Wenn Hawa sagt, dass eine Frau nur dann wirklich ihr Leben lang unter einer Klitorisbeschneidung leidet, wenn sie schlecht gemacht ist, antwortet Linda: "Auch wenn sie gut gemacht ist, leidet die Frau. Wenn man mir den Finger abschneidet, und das ist professionell gemacht, fehlt mir trotzdem ein Finger!" Und Hawa erwidert: "Aber für die Beschneidung der Frau gibt es ja einen Grund, nämlich die Polygamie. Wenn ein Mann vier Frauen hat, ist er irgendwann erledigt. Was soll er machen, um sie sexuell zufriedenzustellen? Sind die Frauen beschnitten, werden sie weniger von ihm wollen." Und dann debattieren sie über die Frage, ob Beschneidungen Menschenrechtsverletzungen sind, die man wie jede andere anklagen darf, muss - oder ob man Rücksicht nehmen muss, anders urteilen, weil die Beschneidung als Tradition gilt und ihre Verurteilung ein Verstoß wäre gegen das Gebot kultureller Toleranz.












