Zwei Frauen gegen Beschneidung: Erst Feindin, dann Freundin

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Mit einer Aufseherin im Gefängnis führte sie lange Gespräche - über Beschneidung, aber auch über ihren Mann Guerévé, der wollte, dass sie damit Geld verdient. Sie sagt: "Für mich war das Gefängnis wie eine Befreiung. Endlich war da keiner, der mich beschimpfte, wie es mein Mann immer getan hatte." Die Ehe war schon seit Längerem kaputt, nach Hawa hat Guerévé eine zweite und dritte Frau geheiratet. Es war, als käme sie endlich zu sich; vielleicht ist sie die Einzige, die von Linda Weil-Curiel ins Gefängnis gebracht wurde und der Anwältin dafür sogar dankbar ist. Ohne den Prozess hätte sie weitergemacht wie bisher. Sie hätte in ihrer Ehe ausgeharrt, Mädchen verstümmelt und ständig Angst gehabt, entdeckt zu werden.

Linda Weil-Curiel ist heute Hawas Beschützerin, sie hilft ihr im Alltag. Gemeinsam haben sie ein Buch über Beschneidung herausgebracht

Der Prozess schrieb in Frankreich Geschichte, zum ersten Mal musste eine "Exciseuse", eine Beschneiderin, eine Haftstrafe verbüßen. Hawas Geständnis ist eindeutig: "Ich gestehe, dass ich in Frankreich zwischen 1984 und 1994 Beschneidungen vorgenommen habe. Ich habe auf dieselbe Weise beschnitten wie in Afrika, mit einem Werkzeug, das mir ein afrikanischer Arzt gegeben hat. Ich bedauere das alles. Ich bin allein verantwortlich." Auch die Eltern der verstümmelten Mädchen wurden verurteilt. Hawa Gréou bekam acht Jahre, nach fünf Jahren kam sie wegen guter Führung frei.

Als sie gleich nach ihrer Entlassung erneut verdächtigt wird, zwei Mädchen beschnitten zu haben, trifft sie wieder auf ihre Anklägerin. Diesmal aber ist sie nicht die Schuldige, sondern soll als Sündenbock herhalten.

"Als ich sie wiedersah", sagt Linda, "hatte ich Mitleid mit ihr." In einer Verhandlungspause spricht sie Hawa an, drückt ihr eine CD des Sängers Bafing Kul aus Mali in die Hand, der in seinen Songs Beschneidungen geißelt. Auf dem Cover steht Lindas Telefonnummer. "Gleich am nächsten Tag habe ich sie angerufen, sie war sehr freundlich. Ich habe ihr gesagt, dass mit mir im Gefängnis etwas passiert ist und dass ich nie wieder Beschneidungen mache", sagt Hawa. Linda glaubte ihr, bat aber zur Sicherheit Bafing Kul, mit dem sie befreundet ist, Hawa zu besuchen, um letzte Zweifel auszuräumen. Hawa hat, wenn man so will, die Gewissensprüfung bestanden.

Fragen Sie Hawa nicht, ob sie sich an ihre eigene Beschneidung erinnern kann.

Die Afrikanerin steht auf. "Allah ist böse auf mich, weil ich heute nicht in die Moschee gegangen bin", sagt sie und verlässt das Büro, um zu beten. Als sie draußen ist, sagt Linda leise: "Fragen Sie Hawa bitte nicht, ob sie sich an ihre eigene Beschneidung erinnern kann. Sie ist imstande, das Gespräch abzubrechen und zu verschwinden. Diese Frage hält sie für absolut respektlos." Hawa kommt zurück und sagt zufrieden: "Jetzt ist alles gut." Dann erzählt sie, dass sie immer noch angefragt werde: Ob sie nicht doch, in aller Heimlichkeit... "Ich lehne jedes Mal ab. Aber ich habe nach wie vor den Ruf, sehr gut in meiner Arbeit zu sein." Es klingt stolz, wie Hawa das sagt. Sie verurteilt jetzt Klitorisbeschneidungen, ihre eigene Kompetenz hält sie dennoch hoch. Ein Widerspruch, der ihre Zerrissenheit zeigt zwischen ihrer Tradition und dem Eingeständnis, dass bestimmte Bräuche lebensgefährlich sind. Und nur für die Männer gemacht.

In den letzten fünf Jahren ist Linda Hawas Beschützerin geworden. Sie macht der Afrikanerin Dampf, endlich ihren abgelaufenen Pass zu verlängern. Sie hat durchgesetzt, dass Guerévé seiner Frau eine kleine monatliche Unterstützung zahlt, und gelegentlich steckt sie selbst Hawa etwas zu. Hawa ist glücklich, dass sie Linda hat, die sie wie ein Sherpa durch die Untiefen der französischen Bürokratie führt. Linda ist zufrieden, dass sie für die konvertierte Beschneiderin Gutes tun kann, auch wenn es ihr manchmal zu viel wird.

Vor zwei Jahren haben sie gemeinsam mit einer Journalistin ein Buch veröffentlicht: "Exciseuse"*. Neben vielen Fakten zum Thema kann man Lindas und Hawas Geschichte nachlesen. Hawa bekam dafür Zuspruch, aber auch Ärger mit Afrikanern - bis heute. Sie sei eine Verräterin, heißt es, eine Frau, die mit den Weißen gemeinsame Sache mache. Über Linda sagen manche: "Die nervt uns, man muss sich vor ihr in Acht nehmen. Sie stellt Fragen, auf die man nicht antworten möchte." Auch Hawas Mann hat gepöbelt. Linda bringt es drastisch auf den Punkt: "Hawa ist für ihn totes Kapital, seit sie nicht mehr beschneidet."

Linda hat ebenfalls Ärger bekommen. Einmal ist sie bei einem Prozess in einer Verhandlungspause von zwei wütenden Afrikanern angemacht worden, die ihr zuriefen: "Leute wie Sie sind schuld daran, dass unsere Frauen uns nicht mehr gehorchen!" Linda lacht zufrieden: "Für eine Feministin ist das doch das größte Kompliment!"

*"Exciseuse" von Natacha Henry, Linda Weil-Curiel und Hawa Gréou erschien 2007 im Verlag City éditions, 238 Seiten

  • Text: Franziska Wolffheim
    Foto: Prisca Martaguet
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 19/09
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