Blindenfußball: Gefährliche Balljagd

"Mein Leben besteht aus 40 Stunden Arbeit und 40 Stunden Fußball." Die Frau, die das sagt, heißt Katja Löffler, ist 30 Jahre alt und wohnt mit ihrem Mann in Hamburg. Soweit so gut. Aber sie hat noch nie einen Ball gesehen. Sie ist blind. Fußballspielen im Dunkeln - geht das?

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"Die meisten tippen sich erstmal an die Stirn, wenn sie das hören", erzählt die rotblonde Frau mit dem entschlossen Kinn und lächelt. Deswegen sei es auch so schwer, andere zum Mitspielen zu bewegen.

Wie soll das auch gehen: in tiefschwarzer Nacht einem Ball hinterher zu jagen und ihn auch noch ins Tor zu treffen? Wo kein Flutlicht irgendwas ausrichten kann? Um Chancengleichheit herzustellen, tragen alle Spieler Schlafbrillen - keiner sieht auch nur einen Schatten, selbst wenn sein Augenlicht nicht völlig erloschen ist.

Rasselnder Ball und Kopfschutz

Schon beim Dehnen trägt FC St. Pauli-Spieler Jannek trägt seinen Kopfschutz

Schon beim Dehnen trägt FC St. Pauli-Spieler Jannek trägt seinen Kopfschutz

Und ja, es geht: mit einem Ball, der rasselt und so schwer ist, dass er meist am Boden und damit leichter kontrollierbar bleibt. Es geht mit Spielern, die auf Spanisch "voy!" ("ich komme!") rufen, wenn sie spüren, dass sie einem anderen in die Quere kommen. Um sich vor ernsten Verletzungen zu schützen, tragen sie auch graue Isolierschläuche vom Baumarkt um den Kopf. "Selbst designt," grinst Katjas Schwägerin Marita, die die Blindenmannschaft des FC. St. Pauli trainiert. Es geht mit sehenden Torhütern, die "hier!" brüllen, um das Tor im Kopf der Spieler zu verorten, und mit Guides, die die Spieler dirigieren: "Noch zwei Spieler vor dir ...!" Der Platz ist nur so groß wie ein Handballfeld, die Banden werden ins Spiel einbezogen und reflektieren den Schall. Und die Fans, die müssen leise sein - es sei denn, es fällt ein Tor. Dann darf natürlich gejubelt werden.

Anders als sehende Fußballer brauchen Blinde eine extra große Portion Furchtlosigkeit, genauso wie Konzentrations-, und Orientierungsfähigkeit. "Die Angst, drauflos zu rennen darf nicht groß sein", betont Katja, " und man darf auch keine Angst vor Körperkontakt haben." Den braucht man, um die Position des Gegners im Zweikampf zu spüren.

Fußballgucken - klar! Aber spielen?

Katja wurde Anfang 2006 vom Blindenfußballvirus infiziert, als eine E-Mail in ihrem Postfach landete: Es war die Einladung zu einem Fußball-Workshop in Berlin, den englische Trainer für Blinde anboten. "Das fanden mein Mann Michael und ich total spannend. Fußballgucken macht man ja schon immer. Aber selbst spielen!?"

Fußballgucken? "Schon als Kind habe ich mir Spiele im Radio angehört, später dann im Fernsehen." Früher ging sie mit ihrer Schwägerin ins Stadion, die hat ihr die Spielszenen beschrieben. Es gab auch immer mal nette Fans, die für sie kommentierten. Auf deren Hilfe ist Katja heute aber gar nicht mehr angewiesen: Bei ihrem Lieblingsclub FC St. Pauli hat sie 2004 dafür gesorgt, dass Blinde die Spiele per Audiokommentar über Kopfhörer verfolgen können. Solche Hörplätze hatte sie in England bei einem Manchester-United-Spiel kennengelernt und die Idee nach Hamburg importiert. Übrigens: Ihre E-Mails lässt Katja sich von einem Spracherkennungsprogramm vorlesen.

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  • Text und Fotos: Susanne Arndt
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