BRIGITTE-Studie 2009: "Diese Frauen machen keinen Rückzieher"
BRIGITTE: Wenn der Mann als Versorger ausgedient hat, Frauen ihr eigenes Einkommen haben, welche Bedeutung hat dann Geld?
Prof. Jutta Allmendinger: Früher mussten sich die Frauen anpassen, weil sie nichts oder nur wenig verdienten. Das hat sich geändert. Frauen wollen unabhängig sein vom Geld des Mannes, aber auch nicht vom Staat alimentiert werden. Sie wollen ihr eigenes Geld verdienen. Geld erhält eine neue Bedeutung, es garantiert vor allem Sicherheit. Während Männern die Höhe ihres Einkommens sehr wichtig ist, legen Frauen eher Wert auf die Kontinuität: 91 Prozent sagen, dass ihnen ein sicherer Arbeitsplatz wichtig ist, 60 Prozent finden ein hohes Einkommen wichtig.
BRIGITTE: Dann macht es den Frauen gar nicht so viel aus, dass sie noch immer deutlich weniger verdienen als Männer?
„Eine Revolution in der Arbeitswelt steht an.“
Prof. Jutta Allmendinger: Von wegen! Weniger als der Partner, ja. Weniger als der Kollege, nein. Sie sind unzufrieden mit ihrem Einkommen. Sie vergleichen sich nämlich mit den Männern und stellen fest, dass sie weniger Lohn für die gleiche Arbeit erhalten. Und das ärgert sie gewaltig. Sie wollen fair behandelt werden und einen fairen Lohn für ihre Arbeit bekommen. Dabei geht es nicht um die Höhe des Geldes an sich, sondern um die Tatsache, dass sie schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen.
BRIGITTE: Aber Arbeit ist doch mehr als die Garantie für ein verlässliches Einkommen. . .
Prof. Jutta Allmendinger: Ja, Arbeit sorgt auch für gesellschaftliche Integration. Frauen arbeiten gern, sehen gern die Ergebnisse ihrer Arbeit. Am Arbeitsplatz lernen sie Leute kennen, tauschen sich aus, werden wahrgenommen, übernehmen und erfüllen Aufgaben . . . Arbeit bedeutet ein Stück eigenes Leben. Es ist ihr Leben, und das fühlt sich ganz anders an, als diejenige zu sein, die darauf wartet, dass die Kinder aus der Schule kommen oder der Mann von der Arbeit.
BRIGITTE: In früheren Zeiten von Job-Knappheit gab es häufig einen Backlash: Frauen verloren ihre Arbeit als Erste - und schlüpften zurück in die Hausfrauenrolle. Besteht diese Gefahr auch jetzt?
Prof. Jutta Allmendinger: Nein. Das würden die Frauen nicht mehr mit sich machen lassen, außerdem sind in dieser Krise die Jobs der Männer am stärksten gefährdet, es sind vor allem Männerbranchen wie Autoindustrie und Maschinenbau, die zusammenbrechen. Trotz der Krise herrscht ein akuter Mangel an Fachkräften, und der wird sich noch verstärken. Die Unternehmen brauchen die gut ausgebildeten und sozial kompetenten Frauen dringend. Aufgrund von Bildungsstand und demografischer Entwicklung sind sie die erste Generation von Frauen, die Bedingungen stellen kann. Die Firmen müssen sich auf neue Ansprüche einstellen.
BRIGITTE: Wie lassen sich die Angebote der Unternehmen für Vereinbarkeit von Job und Kindern verbessern?
Prof. Jutta Allmendinger: Die Arbeitgeber müssen sich fragen, ob sie wirklich das bereitstellen, was notwendig ist. Mehr Flexibilität zum Beispiel. Ermöglichen sie den Frauen, dass sie zu Hause arbeiten können, auch unabhängig von Bürozeiten? Schließlich gibt es genug Arbeit, die man nicht zu festen Arbeitszeiten erledigen muss.
BRIGITTE: Sie haben nach der letzten Studie gesagt, diese Frauen würden die Gesellschaft wach rütteln. Tun sie das?
Prof. Jutta Allmendinger: Ja, denn es geht nicht mehr ohne sie. Und eine Arbeitswelt mit Frauen ist eine andere als eine Arbeitswelt ohne Frauen. Wir haben über eine lange Zeit erlebt, wie immer mehr Arbeit in die Familie gezogen wurde. Diese Entgrenzung der Arbeit heißt eigentlich nur, dass die Arbeit nicht aufhört, wenn wir den Betrieb verlassen. Jetzt müssen wir diskutieren, was es bedeutet, die Familie in die Arbeit zu ziehen. Was bieten Firmen für die Betreuung von Kindern? Wie sieht es mit Führungspositionen in Teilzeit aus? Es geht um neue Hierarchien in der Arbeitswelt, um Self-Managing- Teams . . . Eine Revolution in der Arbeitswelt steht an, und natürlich müssen die Männer mit einbezogen werden.














