Klatsch: Eine reine Frauensache?
Vom Waschplatz zum Kaffeeklatsch
Christian Schuldt: Klatsch! (200 Seiten, 18 Euro, Insel Verlag)
Indiskretion ist etwas, auf das man sich nur bei den wenigsten Frauen verlassen kann
(Oscar Wilde)
Die Frau, das klatschende Geschlecht?
In der Bad Reichenhaller St. Georg-Kirche ist eine interessante Darstellung der Redensart "Das geht auf keine Kuhhaut" zu sehen: Ein mittelalterliches Fresko zeigt vier Teufel, die an einem Fell zerren, darüber stecken drei Frauen ihre Köpfe zusammen, ein fünfter Teufel schreibt auf das Fell die Sünden der Menschen. Genauer: die der Frauen. Die Botschaft lautet also, dass selbst das größte Fell, nämlich das Kuhfell, nicht ausreicht für all die Sünden, die die Frauen mit ihrem Klatsch produzieren. So wie Fama, die Gottheit des Klatsches, als Frau erdacht wurde, galten Klatsch und Tratsch schon immer als Domäne des weiblichen Geschlechts.
Wobei "Geschlecht" hier durchaus wörtlich zu verstehen ist. Denn der direkte und meist denunzierende Bezug auf die weiblichen Geschlechtsorgane springt bei den Bezeichnungen für Frauen, die gern reden, ins Auge: Klatsche, Klatschweib, Klatschlise, Klatschlotte, Klatschdose, Klatschbüchse, Klatschloch, Klatschfutte, Klatschkasten, Klatschtasche oder Klatscheuter sind nur einige der Begriffe, die im Umlauf waren oder sind. Einen wichtigen Beitrag zur Etablierung des Klatsches als typisch weibliche Eigenschaft lieferten unter anderem die aufklärerischen Philosophen Denis Diderot und Jean-Jaques Rousseau, die in ihren Schriften den Klatsch am Hofe und die Salonkonversation karikierten. In seinem Roman "Die indiskreten Kleinode" (1748) ließ Diderot die Sexualorgane der Damen sogar selbst klatschen und von ihren Abenteuern berichten.
Warum aber wurde Klatsch seit jeher den Frauen und ihren Geschlechtsteilen zugeschrieben? Warum gibt es Dutzende von Klatsch(schimpf)worten für Frauen, aber kaum eines für Männer? Die Psychoanalyse hat hier eine recht plastische Antwort parat. Das Phänomen des Redeflusses wecke archaische Ängste, etwa die Vision eines unendlich großen Hohlraumes, der wiederum durch den Abgrund des weiblichen Geschlechtsorgans symbolisiert werde.
Aus feministischer Perspektive hingegen war der Klatsch unter Frauen schon immer ein sichtbares Zeichen ihrer Solidarität. In patriarchalischen Gesellschaften waren Frauen von allen öffentlichen Aktivitäten ausgeschlossen und durften nicht über städtische Angelegenheiten debattieren. Dieses verweigerte Recht holten sie sich mit dem Klatsch gewissermaßen zurück – indem sie auch die geheimen, intimen Aspekte der öffentlichen Belange besprachen. Weil den Frauen der Zugang zum öffentlichen Leben versperrt war, brachten sie das Privatleben an die Öffentlichkeit. Die weibliche Kommunikation war demnach nicht bloß "Klatsch", sondern auch eine Art Rebellion, die männliche Entscheidungen und damit auch die öffentliche Meinung beeinflusste. In der ländlichen Gesellschaft der Frühen Neuzeit hatte jede Bevölkerungsgruppe ihre weitgehend autonomen Räume mit jeweils eigenen Rechten und Kommunikationsnetzen. So wie die Männer sich im Wirtshaus trafen, kamen die Frauen an den öffentlichen Dorf-Arbeitsplätzen zusammen, am Brunnen, am Waschplatz, bei der Wahl der Hebamme oder in der klassischen Gerüchteküche.
Im Mittelalter wurden diese gemeinsamen Plätze mit sogenannten "Rügebräuchen" gegenüber Arbeitsfremden verteidigt. Männliche Beobachter mussten mit deftigen Bemerkungen und Zoten rechnen, wenn die Frauen den "Waschkitzel" hatten, wie es bei Grimm heißt. Die Frauen waren also doppelt schlagfertig: gegenüber der Wäsche, aus der sie den Schmutz herausschlugen, und gegenüber dem anderen Geschlecht, das sie mit schmutzigen Bemerkungen bedachten.













