Die Spur des Vaters

  •  
  •  
In diesem Artikel:

Julia Kopetzky, 32, PR-Beraterin

Ich habe eine enge, liebevolle Beziehung zu meinem Vater und schätze ihn sehr. Wir haben viele gemeinsame Interessen, auch wenn ich nicht so konservativ bin wie er. Niki ist sicher die Tochter, die am meisten seinem Ideal entspricht. Studium, Lehrerin, zwei Kinder - perfekt. Aber er hat keine von uns bevorzugt und ist auf alle sehr stolz. Für meinen Geschmack könnte er das ruhig mehr zeigen, aber mein Vater ist niemand, der groß über Gefühle spricht. Er hat auch nie Differenzen mit meiner Mutter vor uns ausgetragen, dadurch habe ich nicht gelernt zu streiten. Das empfinde ich heute als Manko und werde es bei meinen Kindern anders machen.

Obwohl mein Mann einige Grundeigenschaften meines Vaters wie Verlässlichkeit und Pflichtbewusstsein hat, ist er nicht so ein Sicherheitsdenker, und das mag ich. Mein Vater hat immer gepredigt, klare Entscheidungen zu treffen und nicht zu viel auszuprobieren. Martin hingegen ermutigt mich, etwas zu wagen, er ist nicht so gesettled und sehr kreativ.

Auch der Spartrip meines Vaters hat mich früher sehr belastet. Ich hatte eben nicht den Benetton-Pulli oder die Marken-Skier. Das war sicher nicht verkehrt, aber damals hat es an meinem Selbstbewusstsein genagt. Das ist sowieso bei keiner von uns zu ausgeprägt. Mein Vater hat uns zwar früh zur Selbständigkeit erzogen, aber nicht besonders ermutigt, kritisch gegenüber Lehrern und anderen Autoritäten zu sein. Vielleicht ist das eine Generationsfrage, aber ich glaube, das hätte uns ganz gut getan.

Die Rolle des Vaters

Julia Onken: Ein guter Vater bringt seiner Tochter bei, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Er ist ihre erste Liebe. Mit ihm lernt sie den ersten Dialog mit dem anderen Geschlecht. Durch ihn bekommt sie Zugang zum Bereich der Männlichkeit, der ihr sonst verschlossen bliebe. Sie erfährt, was Männer denken, was ihnen gefällt, kann so ihre Wirkung auf andere ablesen und lernt, sich selber einzuschätzen. Idealerweise sollte ein Vater seine Tochter daher mit großem Interesse begleiten. Und er sollte ihr das Gefühl geben "Du bist gut so, wie du bist", ohne einen Leistungsanspruch zu stellen. Die Anerkennung des Vaters hat einen ungleich höheren Stellenwert als die der Mutter. Sie ist Identifikationsperson, der Vater dagegen Vorbild und Gegenpart zugleich. Sein Vertrauen ist entscheidend für eine gesunde Ausprägung des Selbstbewusstseins und die Partnerwahl.

Julia Onken ist Psychologin und Psychotherapeutin. Ihr Buch "Vatermänner" über die Vater-Tochter-Beziehung und ihren Einfluss auf die Partnerschaft ist erschienen bei Beck.

Seite:

  1. 1
  2. 2
  • Protokolle: Nikola Haaks
BRIGITTE im ABO