"Ehrenmord" in Stuttgart: Die Chronik eines angekündigten Mordes
Suzanas Martyrium beginnt Ende 2002. Sie lebt in Elsenfeld, einer trostlosen Siedlung nahe dem fränkischen Fachwerk-Städtchen Obernburg. Die Wohnung teilen sich Suzana, Avdyl L. und später ihre beiden Töchter noch mit einem Bruder ihres Mannes und seiner Mutter. Sie gelten als gute Mieter, weil sie ruhig sind. Was sich hinter der Fassade tatsächlich abspielte, beschrieb Suzana später, nach ihrer Flucht, in einem verzweifelten Brief ans Jugendamt: "Im ersten Jahr hier in Deutschland hat mich mein Mann noch gut behandelt, er ging zum Beispiel mit mir spazieren. Seit drei Jahren, auch während meiner Schwangerschaften, wurde ich von meinem Mann regelmäßig, fast jeden Tag, massiv geschlagen, mit den Fäusten ins Gesicht geboxt, ebenso mit den Füßen getreten, an den Haaren gezogen. Er beschimpfte mich und drohte, mich umzubringen."
Suzana erleidet zwei Fehlgeburten - sie sagt, nach schweren Misshandlungen durch ihren Mann. Und sie bekommt zwei Töchter. "Eine liebenswürdige Frau - aber sie ist ja fast nie vor die Tür gegangen", erinnert sich die Nachbarin gegenüber.
Während Suzanas Mann als Türsteher in einer Diskothek in Aschaffenburg arbeitet, führt ihre Schwiegermutter zu Hause das Regiment. Wenn Avdyl L. seine Frau prügelt, weil sie etwa versucht hat, Deutsch zu lernen, oder eine Kaffeetasse stehen ließ, verlässt seine Mutter mit den Kindern die Wohnung. Vier Jahre lang geht das so.
Im April 2006 macht Ajna, Suzanas Schwester, die mit ihrer Familie auch in Deutschland lebt, einen überraschenden Besuch in Elsenfeld. Sie sieht Suzanas blutunterlaufenes Auge. Ist entsetzt. Ruft ihren Vater im Kosovo an. Der wendet sich an Avdyls L. Vater und bittet ihn dringend, auf seinen Sohn einzuwirken.
Für Suzana wird jetzt alles noch schlimmer. Avdyl L. sperrt sie nachts ein, misshandelt sie, vergewaltigt sie. Als, zwei Monate vor dem Mord, das Gericht gegen ihn wegen Körperverletzung und Vergewaltigung ermittelt, wird Suzana nicht geglaubt. Begründung der Gutachterin: Da Suzana stark traumatisiert sei, ist sie nicht zeugenfähig (siehe Interview). Gleichzeitig war aber bekannt, dass Avdyl L.nach mehreren Anzeigen von anderen schon zweimal wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden ist.
Die Flucht gelingt Suzana, als Avdyl L. einmal vergisst abzuschließen. Es ist der 29. Mai 2006: Die zweijährige Valentina liegt bei der Großmutter im Bett. Valentina, das Baby, schläft unruhig. Ihr Schwager döst vor dem Fernseher. Suzana schiebt sich mit klopfendem Herzen durch die Tür, und dann rennt sie, rennt, über die Mainbrücke, drei Kilometer bis Obernburg. Polizisten greifen sie auf. Sie bricht auf der Wache zusammen. Verständlich machen kann sie sich nicht, sie spricht kein Wort Deutsch, weiß nicht mal, was sie unter "Name" eintragen soll. Fotos in den Polizeiakten dokumentieren Spuren von schlimmen Misshandlungen. Suzana wird in ein Frauenhaus in der Nähe gebracht. Sieht ihren Mann auf der Straße. Flieht weiter. Erst in ein anderes Frauenhaus. Dann zu den Eltern, in den Kosovo. Der Anwalt ihres Mannes wird das später immer wieder zu ihren Ungunsten auslegen: Sie sei abgehauen, habe sich Wochen nicht gemeldet, die Kinder seien ihr "völlig egal" gewesen. Avdyl L. sei dagegen ein harmloser Mann - "er hat nicht mal einen Punkt in Flensburg".












